Integrationsmanagerin erzählt: „Ich mache vieles einfach ehrenamtlich“

Interview Christina Jahnel und Hind Souini berichten von ihrer Arbeit als Integrationsmanagerinnen im Rems-Murr-Kreis. Weil mehr geflüchtete Menschen hier ankommen, die Unterstützung in der Gesellschaft aber nachgelassen hat, stehen sie vor einem Riesenberg Arbeit.

Derzeit betreut Christina Jahnel vor allem Bohdan und Tetiana Yaroslav, die mit ihren sechs Kinder in Allmersbach anschlussuntergebracht wurden.

© Alexander Becher

Derzeit betreut Christina Jahnel vor allem Bohdan und Tetiana Yaroslav, die mit ihren sechs Kinder in Allmersbach anschlussuntergebracht wurden.

Rems-Murr. In Baden-Württemberg werden seit 2017 sogenannte Integrationsmanager und -managerinnen gefördert, die auf kommunaler Ebene den Geflüchteten dabei helfen, in Deutschland zurechtzukommen. Ihre Arbeit hat angesichts der hohen Flüchtlingszahlen immer mehr an Bedeutung gewonnen. Im Raum Backnang übernehmen das die Caritas und das Deutsche Rote Kreuz. Nur Backnang selbst wird vom Kinder- und Jugendhilfeverein Backnang betreut. Christina Jahnel und Hind Souini von der Caritas haben beide Soziale Arbeit studiert und arbeiten als Integrationsmanagerinnen, die eine in Allmersbach im Tal, die andere in Leutenbach. Sie berichten von ihrer Arbeit und den Herausforderungen.

Frau Jahnel, wie ist die Situation aktuell in Allmersbach im Tal?

Jahnel: Wir hatten letztes Jahr gar keine Zuweisungen in dem Sinn. Es ist aber eine Familie zugezogen und es kamen noch ein paar neue Klienten aus der Ukraine zu mir zur Beratung, die auch privat untergebracht sind. Die haben natürlich auch Anspruch auf Integrationsmanagement. Dieses Jahr habe ich erfahren, dass 40 Personen aufgenommen werden sollen. Acht sind schon vor gut drei Wochen angekommen, eine Familie mit sechs Kindern aus der Ukraine.

Das heißt, dass da ein großes Mehr an Arbeit auf Sie zukommt dieses Jahr?

Jahnel: Auf jeden Fall. Denn ich habe hier noch die Menschen, die ich sonst auch begleite, und die Begleitung ist sehr intensiv. Die achtköpfige Familie ist seit November 2023 in Deutschland und in der Zeit, bis sie nach Allmersbach gekommen sind, wurde im Prinzip nichts gemacht. Die kommen hier an und haben im Prinzip nichts, außer das, was im Taxi ist. Keine Leistungen, ihr rechtlicher Status muss noch abgeklärt werden, sie hatten gar kein Geld.

Die Integrationsmanagerinnen Christina Jahnel (links) und Hind Souini stecken viel Herzblut in ihre Arbeit, um den nach Deutschland geflüchteten Menschen zu helfen.

© Alexander Becher

Die Integrationsmanagerinnen Christina Jahnel (links) und Hind Souini stecken viel Herzblut in ihre Arbeit, um den nach Deutschland geflüchteten Menschen zu helfen.

Wie erfahren die Geflüchteten von dem Angebot der Beratung?

Jahnel: Ich weiß nicht, wie das andere Gemeinden machen, aber am Tag der Zuweisung bin ich dabei. Ich stelle mich vor, wenn es die Möglichkeit gibt. Am nächsten Tag müssen alle Menschen nochmals hierher, weil sie sich anmelden müssen. Da haben sie auch die Möglichkeit, die Erstberatung in Anspruch zu nehmen. Dann gestaltet sich die Beziehung so, wie es die Menschen wollen. Ich bin hier im Rathaus, das heißt, die Menschen kommen zu mir.

Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen das gut annehmen?

Jahnel: Es gibt Menschen, die haben gleich erkannt, das ist eine gute Sache, und andere Menschen, die warten leider ein bisschen zu lange. Sie kommen erst, wenn die Briefe sich stapeln, die sie nicht verstehen, oder wenn sie Schwierigkeiten bekommen, weil sie irgendwelche Auflagen nicht erfüllen oder weil sie das System nicht begreifen. Aber es sind erwachsene Menschen, die das Recht haben auszuwählen und zu entscheiden, von wem sie sich beraten lassen wollen und ob sie Hilfe annehmen wollen oder nicht. Die einzige Ausnahme, die ich mache, ist die soziale Fürsorge. Wenn ich merke, ein Mensch ist krank und vielleicht deswegen nicht in der Lage, für sich eine gute Entscheidung zu treffen, dann gehe ich auf die Person zu.

Machen Sie dafür Überstunden?

Jahnel: Ja, aber ich rechne nicht alles ab. Ich mache vieles einfach auch ein bisschen ehrenamtlich. Das ist mir so lieber. Hauptsache, es wird geholfen. Und ich habe den Vorteil, dass ich nur zu 40 Prozent arbeite. Ich könnte 100 Prozent arbeiten, aber nicht für Allmersbach (siehe Infotext). Ich würde dann die restlichen Stunden woanders arbeiten müssen. Das heißt, der Situation in Allmersbach wäre nicht gedient.

Was sind die größten Anliegen von den Menschen, die zu Ihnen kommen?

Jahnel: Es sind die Grundbedürfnisse, die jeder Mensch hat. Sicherheit, Dach über dem Kopf, Essen, Geld zum Leben, Gesundheit, Arbeit und eine Lebensperspektive in Deutschland. Sie wollen zum Beispiel auch ihren Aufenthaltsstatus bekommen, das ist etwas, das Sicherheit bedeutet. Und recht schnell kommt auch die Frage nach Bildung. Wann können meine Kinder zur Schule? Andere fragen nach einem Sprachkurs oder einem Integrationskurs.

Frau Souini, können Sie erklären, was ein Integrationsplan ist?

Souini: Der Integrationsplan zielt darauf
ab, die Geflüchteten anhand vom Case-Management innerhalb einer maximalen Begleitungszeit von drei Jahren zu befähigen, ein eigenständiges Leben aufzubauen. Im individuellen Integrationsplan werden Ziele der Person festgelegt, die sie erreichen möchte: Welche Ziele hat sie kurz- und langfristig? Wir schauen dann gemeinsam nach einem Weg.

Wie viel Zeit braucht es durchschnittlich, um einem Klienten zu helfen?

Souini: Das ist individuell. Letztens ist die Arbeit intensiver geworden, da uns die Unterstützung der Ehrenamtlichen fehlt und die Zahl der Geflüchteten gestiegen ist. Sie kommen oft ohne Vorkenntnisse zur Beratung. Seit dem Coronaausbruch merken wir einen Rückgang von Ehrenamtlichen. Das Integrationsmanagement ist daher fast das einzige Angebot, welches die Geflüchteten haben, um eine adäquate und individuelle Unterstützung zu erhalten.

Die Geflüchteten dürfen seit Beginn 2023 nur noch bis zu drei Jahre Ihre Hilfe in Anspruch nehmen, in Ausnahmefällen bis zu vier Jahre. Davor gab es keine zeitliche Beschränkung. Wie finden Sie das?

Souini: Mit der zeitlicher Begrenzung haben wir eine bessere Rahmenbedingung, um die Ziele zu besprechen und eine Zeit festzulegen, um diese zu erreichen. Für die Leute mit multiplen Problemlagen, die zum Beispiel schwere psychische Erkrankungen haben, würden auch mehr Jahre nicht ausreichend sein. Da ist vielleicht das Integrationsmanagement nicht das Richtige und sie benötigen eine andere Art von Betreuung.

Haben Sie konkrete Wünsche, was sich verbessern sollte?

Souini: Ich wünsche mir, dass das Projekt des Integrationsmanagements eine Zukunft bekommt. Das Programm leistet eine große Hilfe für Geflüchtete und letztendlich für die Gesellschaft. Ich wünsche mir ebenfalls mehr Offenheit und weniger Vorurteile gegenüber den Geflüchteten seitens der Gesellschaft. Denn die Integration kann nur gut funktionieren, wenn wir uns alle zusammentun und uns füreinander öffnen.

Jahnel: Wir werden immer mit Menschen mit Fluchterfahrung leben, und es wird eher mehr werden. Ich wünsche mir, dass wir rechtlich anders damit umgehen, einfach menschlicher.

Das Gespräch führte Anja La Roche.

Warum nur eine 40-Prozent-Stelle?

Verteilschlüssel Das Landratsamt Rems-Murr-Kreis erhält ein Budget von der Landesregierung für das kreisweite Integrationsmanagement. Das wird prozentual je nach zugewiesenen Personen in der Anschlussunterbringung auf die Kommunen verteilt. Seit diesem Jahr sollen für eine gerechtere Verteilung die Anschlussuntergebrachten jährlich neu gezählt werden.

Stellenumfang Seit 2017 konnte die Kreisverwaltung mit der Förderung knapp 39 Vollzeitäquivalente (VZÄ) bewilligen, 2022 kamen etwa sechs VZÄ dazu, finanziert durchs Soforthilfepaket Ukraine der Landesregierung. Eine Vollzeitstelle wird mit maximal 60000 Euro im Jahr gefördert.

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Erstellt:
15. März 2024, 06:00 Uhr

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