Eskalation im Nahen Osten
Iran-Experte in Israel: „Konfrontation, in der es um alles oder nichts geht“
Gerüchte um eine Eskalation hatten sich massiv verdichtet, am Morgen wurden die Menschen von Sirenen wachgerüttelt. Ein Bericht von unserer Korrespondentin Mareike Enghusen aus Israel
© Leo Correa/AP/dpa
Ein ankommendes Geschoss explodiert in der Bucht von Haifa, während Israel nach seinen Angriffen auf den Iran einen landesweiten Alarm ausgerufen hat.
Von Mareike Enghusen
Wochenlang hatten die Menschen in Israel über einen neuen Krieg mit dem Iran spekuliert. Um acht Uhr morgens Ortszeit wurde den Gerüchten ein jähes Ende gesetzt: Das schrille Heulen der Sirenen riss Menschen im ganzen Land aus dem Schlaf, trieb Familien in Bunker und Schutzräume.
Nach Angriff auf Iran: Sirenen rütteln Menschen in Israel wach
Dabei diente die erste Sirene nicht als Warnung vor Raketen, sondern nur als Weckruf an die Bevölkerung: Israel, verkündete Verteidigungsminister Israel Katz, habe einen „Präventivschlag“ gegen den Iran ausgeführt, mit Gegenschlägen sei zu rechnen. Kurz darauf meldete sich US-Präsident Donald Trump zu Wort: Das US-Militär habe einen „großen Kampfeinsatz im Iran begonnen“, um das amerikanische Volk vor „unmittelbaren Bedrohungen durch das iranische Regime“ zu schützen.
Die Reaktion aus Teheran ließ nicht lange auf sich warten. Knapp zwei Stunden später heulten die Sirenen in Tel Aviv und anderen Städten aufs Neue auf: Der Iran, meldete Israels Armee, habe mehrere Raketensalven in Richtung des Jüdischen Staats abgefeuert, die Menschen müssten sich in Bunker und Schutzräume zurückziehen. Bis mittags gab es in verschiedenen Landesteilen mehrfach Luftalarm; gemeldet wurde außerdem ein Einschlag nahe der nordisraelischen Stadt Haifa, bei dem offenbar aber niemand ernsthaft verletzt wurde.
Gerüchte um Eskalation zwischen Israel, USA und Iran verdichtet
Gerüchte um eine neuerliche Eskalation zwischen Israel, den USA und dem Iran hatten sich zuletzt massiv verdichtet, außerhalb ebenso wie innerhalb Israels: Wer hier Pläne für die kommende Woche verkündete, beendete den Satz nicht selten mit Worten wie: „…je nachdem, was mit Iran passiert.“ In Tel Aviv hatte ein Obsthändler noch am Freitag Passanten zugerufen: „Leute, aufgepasst! Heute Nacht ist es soweit!“
Im Juni vergangenen Jahres hatte Israel erstmals einen direkten Krieg gegen den Iran gestartet und dabei vorrangig Ziele des iranischen Atomprogramm attackiert, das in Israel weithin als existenzielle Bedrohung gilt. Die USA waren mit einem Angriff auf die Urananreicherungsanlage in Fordo eingestiegen und hatten kurz darauf ein Ende des zwölftägigen Krieges erklärt.
Zuletzt massive US-Drohungen gegen Iran
„Ich gehe davon aus, dass es in den kommenden Tagen zu einer Eskalation kommen wird“, sagte Oded Ailam, ehemaliger Leiter der Abteilung für Terrorismusbekämpfung des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad und Forscher am Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs, einer konservativen Denkfabrik, in einem Pressebriefing. Dennoch rechnet er mit einem relativ kurzen Schlagabtausch, „vielleicht Tage, höchstens ein bis zwei Wochen“ – danach würden die Iraner an den Verhandlungstisch zurückkehren wollen.
Viele Beobachter hatten angenommen, einen neuerlichen Schlag auf den Iran würden dieses Mal die USA einleiten: Schließlich hatte US-Präsident Donald Trump zuletzt massive militärische Ressourcen in die Region verlegen lassen und dem Regime in Teheran mit Attacken gedroht, sollte es in den Verhandlungen um sein Atomprogramm keine Zugeständnisse machen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu dagegen hatte – offensichtlich kalkuliert – mehrfach durchklingen lassen, dass Israel an einer Eskalation derzeit kein Interesse habe.
Seit 1979 Iran der mächtigste Fein Israels
Seit der Islamischen Revolution 1979 im Iran gilt das Land als mächtigster Feind und Rivale Israels. Das Regime in Teheran droht dem Jüdischen Staat regelmäßig mit Vernichtung und finanziert israelfeindliche Milizen wie die Hisbollah im Libanon. Viele Kommentatoren in Israel hoffen daher seit Langem auf einen Machtwechsel in Teheran.
Mit Blick auf die Anti-Regime-Proteste im Iran Anfang des Jahres hatte Netanjahu gegenüber dem britischen Economist gesagt, Revolutionen würden „am besten von innen gemacht“ – eine implizite Absage an Forderungen, aktiv auf einen Regimewechsel in Teheran hinzuarbeiten.
Iranexperte aus Israel: „Konfrontation, in der es um alles oder nichts geht“
In einer Videobotschaft Netanjahus am Samstagvormittag klang das nun ganz anders: Die gemeinsame „Operation“ mit den USA, getauft auf den Namen „Brüllen des Löwen“, habe das Ziel, „die existenzielle Bedrohung durch das Terrorregime im Iran zu beseitigen“ – und solle zudem „die Voraussetzungen dafür schaffen, dass das mutige iranische Volk sein Schicksal selbst in die Hand nimmt“ und „das Joch der Tyrannei“ abwerfe.
Iran-Kenner in Israel bezweifeln allerdings, dass diese Hoffnung realistisch ist. „Die der Operation zugrunde liegende Annahme ist, das iranische Regime sei schwach und instabil“, schrieb Danny Citrinowicz, Iranexperte am Institut für nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv, auf der Plattform X. „Das zentrale Problem ist jedoch, was passiert, wenn sich diese Annahme als falsch erweist.“ Er zweifelt daran, dass die Bomben die iranische Führung zurück an den Verhandlungstisch zwingen könnten. „Das ist eine Konfrontation, in der es um alles oder nichts geht“, schreibt er. „Das Risiko ist deshalb deutlich größer als während der Zwölf-Tage-Kampagne“ im vergangenen Juni.
