Ist Stuttgart eine Stadt für junge Menschen?

Anlässlich der Wahl am 9. Juni stellt sich die Frage, wie attraktiv die Stadt für die Jungen ist und was sich verbessern sollte, damit sie langfristig ein Magnet für junge Bürgerinnen und Bürger bleibt.

Wie attraktiv ist Stuttgart für junge Menschen?

© mago Images//Max Kovalenko

Wie attraktiv ist Stuttgart für junge Menschen?

Von Petra Xayaphoum

Stuttgart - Lange Zeit wurde der junge Mensch in Stuttgart meist generell als Störfaktor wahrgenommen. Hier bitte nicht skaten, da nicht abhängen, dort bitte keine Musik machen und um Gottes willen bitte überall bloß nicht laut sein! An vielen Orten der Stadt ist es immer noch so. Junge Leute per se sind nicht willkommen: Sie hinterlassen Müll, sie spielen komische und laute Musik, sie trinken zu viel Alkohol, sie lärmen, sie randalieren – die Liste der Vorurteile ist lang. Menschenfeindliche Architektur und Stadtplanung hat es nicht nur auf die Aufenthaltsqualität von Wohnungslosen abgesehen, sondern auch auf die einer weiteren Gruppe: die der jungen Menschen und Jugendlichen.

Nun hat sich in den letzten paar Jahren ein Erfreuliches in die richtige Richtung getan: Projekte wie „Mein Schlossplatz“, die den beliebten Dreh- und Angelpunkt mit niedrigschwelligem Sport-, Kultur- und Mitmachprogramm bespielen, wurden realisiert. Der Stadtverwaltung wurde dank ihres ersten erfolgreichen Aktionsplans vom Verein „Kinderfreundliche Kommune“ das gleichnamige Siegel verliehen. Im zweiten Aktionsplan 2024 bis 2026 will man sich als Reaktion auf eine 2020 gestellte Umfrage unter 14- bis 18-Jährigen, die ergeben hatte, dass Jugendlichen Treffmöglichkeiten fehlen, der Schaffung von Spiel- und Bewegungsflächen und „nicht kommerziellen Begegnungsorte für Jugendliche im öffentlichen Raum“ widmen. Und erstmalig dürfen die 16-Jährigen am 9. Juni bei der Kommunalwahl nicht nur wählen, sondern sich auch zur Wahl aufstellen lassen. Ihre Stimme wird zunehmend wahr- und ernst genommen in Stuttgart.

„Der Jugendrat und die Jugendbezirksräte sind in Stuttgart sehr akzeptiert und gefördert von der Politik. Das ist etwas Besonderes“, lobt Joel Morales Kaufhold. Er und Akay Mael Grünberg sind 16 Jahre alt, im Stuttgarter Jugendrat und seit etwa einem Jahr auch beim Team Tomorrow aktiv, einem gemeinnützigen Verein, der Jugendliche in Sachen politische Bildung, Jugendpartizipation und Umsetzung eigener politischer Projekte unterstützt. 2023 hatten die Jugendlichen des Teams Tomorrow etwa das „Draufsicht“-Festival auf der Karlshöhe umgesetzt.

Dem pflichtet auch Jenny Rödel von Local Diversity bei. Der Stuttgarter Verein setzt sich für mehr Diversität und Jugendpartizipation in der Kommunalpolitik ein und gibt zum Beispiel Workshops an Schulen. „Stuttgart ist eine offene und diverse Stadt. An vielen Stellen wird sich dafür auch eingesetzt“, ergänzt Jenny (23) das Lob. „Es gibt viele Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, was für junge Menschen attraktiv ist. Und für Leute, die 16 geworden sind, wurde der Kulturpass eingeführt, der ihnen quasi ein Startguthaben von 100 Euro für Kultur bereitstellt, auch, wenn so was für junge Studierende natürlich auch toll wäre.“ Aus ihrer jungen Perspektive findet sie es „außerdem toll, dass es auch nachts die Möglichkeit gibt, nach Hause zu kommen, mit Nachtbussen oder späten S-Bahnen – das ist gerade für ältere junge Menschen wichtig“.

Dass trotz allem nicht alles rundläuft und „noch Luft nach oben ist“, wie Joel es formuliert, merken die drei politisch engagierten, jungen Stuttgarter aber auch: „Im öffentlichen Raum fehlen immer noch Plätze für Jugendliche“, sagt Joel. „Das ist noch der Zeit geschuldet, als man Jugendliche nicht an öffentlichen Plätzen haben wollte. Doch das ändert sich langsam.“

Dabei gibt es von Bezirk zu Bezirk gewaltige Unterschiede: „In den Innenstadtbezirken gibt es viele Sportanlagen, Grünflächen und Ähnliches. In den Randbezirken sieht das dann teils aber ganz anders aus“, erklärt Akay Mael. Was allen Bezirken gleichermaßen fehle, seien aber überdachte, konsumfreie Orte mit Sitzmöglichkeiten. „Wo soll man hin, wenn’s mal regnet? Auf die Spielplätze darf man ab 14 Jahren ja auch nicht mehr“, gibt Joel zu bedenken. „Bars und Cafés als Aufenthaltsräume spielen erst für Menschen über 18 eine Rolle. Und selbst da ist es eine Geldfrage, ob man sich das jeden Tag leisten kann“, weiß Jenny Rödel. „Auch Trinkwasserbrunnen und öffentliche, kostenfreie Toiletten, die zumutbar sind, sind Wünsche, die von Jugendlichen bei unseren Workshops oft zur Sprache kommen. Da hat man schon eine Grünfläche, wo man sich aufhalten kann. Aber wo soll man dann nach zwei Stunden aufs Klo?“

Durch Workshops an Schulen kommt das Team von Local Diversity auch oft mit Schülern und Schülerinnen in Kontakt. „Da merkt man schon, dass zum Beispiel auch die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz und inwiefern sich die Stadt dafür einsetzt, brennend sind“, berichtet die Studierende. „Viele junge Leute können oder wollen daher auch gar kein Auto mehr fahren.“ Sie nutzten den öffentlichen Nahverkehr, der weder pünktlich und noch verlässlich ist, oder das Fahrrad, wobei die Infrastruktur für Fahrräder in Stuttgart einfach nicht gut ausgebaut sei. „Das ist super unattraktiv für junge Menschen an Stuttgart.“

Wie viele andere beschäftigt auch das Thema Wohnen die junge Generation, weiß Jenny: „Damit junge Leute auch in Stuttgart bleiben, ist bezahlbarer Wohnraum unerlässlich. Ich habe es selbst erlebt: Wohnungssuche in Stuttgart als junger Mensch ohne festes Einkommen ist nahezu unmöglich. Ich kenne viele Freunde, die monatelang bei anderen Freunden auf der Couch geschlafen haben, weil es keine Wohnungen gab, alles zu teuer war oder sie nach Massenbesichtigungen mit 60 anderen Mitbewerbern als Studi oder Azubi dann nicht genommen wurden. Irgendwas stimmt nicht, wenn man als Studierender mit zwei Nebenjobs gerade so über die Runden kommt und 70 bis 80 Prozent seines Einkommens für die Miete ausgeben muss.“

Dabei beobachten Akay Mael und Joel aus dem Team Tomorrow, dass die Stadt sich ihren Zielen manchmal selbst im Wege steht: „Der Jugendrat hat viele Anfragen bekommen, ob nicht ein Skatepark in Stuttgart-West errichtet werden könnte. Daraufhin wurden potenzielle Plätze angefragt – doch immer bekamen wir die Rückmeldung von der Stadt, die Anwohner würden das nicht wollen. Auch wenn zwischen den Wohnhäusern und potenziellem Park 50 Meter sind. So was finde ich schon schade.“

Ihre Wünsche an die Politik? „Ich fände es schön, wenn Vereine und Projekte von und für Jugendliche, wie die Instandsetzung der Hall of Fame, mehr gefördert werden würden“, sagt Akay Mael. Joel ergänzt: „Ich wünsche mir, dass man junge Menschen noch mehr bei der Planung des ÖPNV einbeziehen würde, wann und wie oft die Busse und Bahnen fahren. Denn sie sind mit die Hauptnutzer und auch darauf angewiesen.“

Jenny würde bei der Partizipation noch weiter gehen: „Junge Leute und der Jugendrat sollten auch bei Projekten wie neuen Quartieren, Straßen und Radwegen eingebunden werden. Die würden sich andere Dinge wünschen als Flaniermeilen mit teuren Restaurants und Bars ohne Liegeflächen und Skatebereiche, wo Fahrräder keinen Platz haben.“

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Erstellt:
10. Mai 2024, 22:04 Uhr
Aktualisiert:
11. Mai 2024, 21:55 Uhr

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