Jahrbuch macht Geschichte transparent

Herausgeber stellen Band 26 der Stadtgeschichte beim Altstadtstammtisch vor – Zahlreiche unterschiedliche Beiträge

Das neue Backnanger Jahrbuch 2018 wurde beim Altstadtstammtisch des Heimat- und Kunstvereins vorgestellt. Ein Beitrag darin ist die bewegende Geschichte einer christlich-jüdischen Freundschaft zwischen dem Backnanger Matthäus Burkhardt und Samuel Emanuel, die im KZ Bergen-Belsen begann und über die Rolf Königstein im Helferhaus referierte.

Stolz präsentieren die Autoren Gerhard Fritz, Heiner Kirschmer, Rolf Königstein, Bernhard Trefz, Heinz Wollenhaupt und Roland Idler (von links) das neueste Backnanger Jahrbuch. Foto: P. Wolf

© Peter Wolf

Stolz präsentieren die Autoren Gerhard Fritz, Heiner Kirschmer, Rolf Königstein, Bernhard Trefz, Heinz Wollenhaupt und Roland Idler (von links) das neueste Backnanger Jahrbuch. Foto: P. Wolf

Von Claudia Ackermann

BACKNANG. „Um Gegenwart besser zu verstehen, muss Vergangenheit aufgearbeitet werden“, unterstrich der Erste Bürgermeister der Stadt Backnang Siegfried Janocha. Jeder Band des Backnanger Jahrbuchs mache Geschichte transparent. Die Herausgeber Gerhard Fritz und Stadtarchivar Bernhard Trefz präsentierten beim Altstadtstammtisch Band 26 des Backnanger Jahrbuchs. Trefz stellte Aufsätze vor, die er zum neuen Jahrbuch beigetragen hat. Es geht um Backnang im Ersten Weltkrieg im Jahr 1918. Was Großaspacher Soldaten fernab der Heimat empfanden, wird in Feldpostkarten und -briefen deutlich. Zum 650-jährigen Bestehen von Steinbach hat Trefz die Geschichte des heutigen Backnanger Ortsteils aufgearbeitet. Das ursprünglich eigenständige, arme Dorf sei durch die Niederlassung der Spinnerei Adolff auf der Gemarkung Steinbach plötzlich „unverschämt reich“ geworden. Ein weiterer Beitrag handelt von der Backnanger Jüdin Herta Lehmann, die sich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg aus Verzweiflung das Leben nahm. Als Todesursache wurde jedoch im Sterberegister ein Unfall angegeben. Außerdem ging Trefz auf einen Aufsatz von Roland Idler über den Absturz des Starfighters vor 50 Jahren ein, bei dem auch ein Backnanger ums Leben kam.

Gerhard Fritz stellte einen Beitrag vor, den er zusammen mit Idler erarbeitet hat. Es geht um den Backnanger Bäckermeister Karl Jauß, der am Ende des Ersten Weltkriegs Zeuge eines Kriegsverbrechens wurde. Außerdem ging Fritz auf einen Beitrag von Celia Haller-Klingler ein. Die Leiterin des Backnanger Graphik-Kabinetts hat das Thema „100 Jahre Ernst-Riecker-Stiftung“ bearbeitet. Von Heinz Wollenhaupt stammt der Beitrag „Von der AEG-Fernmeldetechnik zu AFT microwave und AMSAP“. Zu zahlreichen Jubiläen, Festen und Jahrestagen wurden Beiträge von diversen Autoren beigesteuert. Die jährliche Stadtchronik hat Heiner Kirschmer verfasst. Dreizehn Jahre lang übernahm er diese Aufgabe, nun gibt er sie ab. Ein Nachfolger sei gefunden, lassen die Herausgeber des Jahrbuchs wissen, das im Auftrag der Stadt und in Zusammenarbeit mit dem Heimat- und Kunstverein im Fr. Stroh Verlag erscheint.

Bewegender Vortrag über eine deutsch-jüdische Freundschaft

Seinen Beitrag „Eine christlich-jüdische Freundschaft: Matthias Burkhardt und Samuel Emanuel“ stellte Rolf Königstein anhand eines Vortrags mit umfangreichem Bildmaterial im proppenvollen Helferhaus vor. Die Verbindung der beiden Männer begann im Mai 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen, in dem der in englische Kriegsgefangenschaft geratene Sanitätssoldat Burkhardt auf den todkranken jüdischen Häftling Emanuel traf. Zunächst ging der Referent auf die getrennten Lebensläufe ein. Der 1912 geborene Burkhardt trat 1932 die Stelle als Krankenhausgärtner in Backnang an. Später ließ er sich zum Sanitäter beim Roten Kreuz ausbilden. Die jüdische Familie Emanuel stammte aus Hamburg. Fotos aus den 1930er-Jahren zeigen die Familie. Samuel war eines von acht Kindern, die zusammen mit den Eltern 1944 nach Bergen-Belsen deportiert wurde. Erschütternd ist das Schicksal der Familie, in der vier Kinder und die Eltern ermordet wurden oder aufgrund völliger Entkräftung ums Leben kamen. Die Familie wurde getrennt. Samuel blieb todkrank allein im Lager zurück.

Zeilen aus einem Erinnerungsbuch sind beim Vortrag eingestreut: „Meine Angst, dass ich es nicht verdiene, diese lebendige Hölle lebend zu verlassen, nimmt mit jedem Tag, der vergeht, zu.“ Nach dem Einrücken der Engländer kümmerte sich der 33-jährige Sanitätssoldat Matthias Burkhardt um den sterbenskranken 18-jährigen Samuel, „als ob er sein eigener Sohn wäre“. Ihr Lebensweg trennte sich. Samuel zog nach Israel. Von 1947 bis 1984 gab es keinen Kontakt. Aber der Überlebende des Holocaust hatte seinen Retter nicht vergessen. Mit einem Brief „an die Direktion von Kreiskrankenhaus Backnang bei Stuttgart“ machte sich Samuel Emanuel nach über 30 Jahren auf die Suche und war erfolgreich. Ein reger Briefwechsel entstand, und 1989 besuchte der inzwischen 77 Jahre alte Burkhardt mit seiner Familie den Freund in Israel. Fotos zeigen das herzliche Wiedersehen.

Dass so viele Dokumente, wie Ausweise, Briefe und Fotos von beiden Familien erhalten sind, ist auch Burkhardts Tochter Dorothea Häcker zu verdanken. Sie hat ihren Vater bei seiner Reise nach Israel begleitet und auch 1995 beim Treffen der beiden Freunde am Gedenktag in Bergen-Belsen. Ihre Eindrücke hat sie festgehalten: „Auch für meinen Vater bedeutete es Erinnerung an schreckliche Bilder und Erfahrungen. Vielleicht machte es für beide die Tatsache etwas leichter, dass sie einander hatten.“

Beim Vortrag im Helferhaus war Dorothea Häcker anwesend. Mit dem Zitat „Das Geheimnis der Versöhnung ist Erinnerung“ des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker schloss Rolf Königstein den sehr bewegenden Vortrag und fügte hinzu: „Die Familien Emanuel, Burkhardt und Häcker haben diese Weisheit mit Leben erfüllt.“

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Erstellt:
29. November 2018, 06:00 Uhr

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