Millenials in China

Junge Chinesen lieben „Bist du tot?“

Eine populäre App unter den chinesischen Internetnutzern wirft kein gutes Licht auf die Situation der nachwachsenden Generation.

Die App „Bist du tot?“  (Silema) richtet sich vor allem an Millenials  in prekären Lebensverhältnissen.

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Die App „Bist du tot?“ (Silema) richtet sich vor allem an Millenials in prekären Lebensverhältnissen.

Von Fabian Kretschmer

Chinas derzeit beliebteste Bezahl-App klingt wie ein morbider Scherz: „Bist du tot?“, fragt sich die rasant wachsende Anzahl an Nutzern der Online-Plattform „Sile ma“. Das Prinzip ist simpel: Man muss täglich einen virtuellen Knopf drücken, der belegt, dass man noch am Leben ist. Wenn man zweimal in Folge fehlt, wird eine automatische Nachricht an einen selbst ausgesuchten Notfallkontakt geschickt.

Ein Internettrend, der einen ernsten gesellschaftlichen Wandel widerspiegelt. Die chinesische Gesellschaft altert nicht nur rasant. Ein Fünftel aller Chinesen lebt in Single-Haushalten, Tendenz steigend. Zu Beginn der Jahrtausendwende waren es kaum mehr als fünf Prozent. In sämtlichen ostasiatischen Staaten gibt es das Phänomen der „einsamen Toten“. Betroffen sind überproportional ältere Männer. Ihre Leichen werden oftmals erst Wochen später gefunden. Nicht selten findet sich kein Angehöriger, der sich um eine Bestattung kümmert.

„Allein, aber nicht einsam“, wirbt die App

Doch die chinesische App „Bist du tot?“ richtet sich in erster Linie nicht an ältere Personen, sondern vor allem an Millennials in prekären Lebensverhältnissen. Diejenigen also, die an psychischen Ausnahmezuständen leiden, sich nach Jahren vergeblicher Arbeitsplatzsuche aus dem Sozialleben zurückgezogen haben oder in anonymen „Kapselwohnungen“ hausen. „Allein, aber nicht einsam“, wirbt die App: „dein Sicherheitsbegleiter“.

Die Registrierung kostet umgerechnet einen Euro. Bisher ist wenig bekannt über die kreativen Köpfe hinter der Software. Es handelt sich laut Berichten um drei Chinesen in ihren Zwanzigern, die in der Metropole Zhengzhou leben. Der provokante Name hat einen Nerv getroffen. Mit jeder Menge dunklem Humor debattieren die User ihre Lebenssituation. „Meine Eltern sagen mir immer: Wenn du nicht heiratest, wird es vielleicht niemanden geben, der überhaupt merkt, wenn du stirbst“, schreibt eine junge Frau auf der Online-Plattform Douyin: „Ich habe ihnen entgegnet: Dafür habe ich jetzt diese App heruntergeladen.“ Ein Mann schreibt: „Es scheint, als ob ich nicht mal einen Notfallkontakt für die App habe.“

Offen bleibt, ob „Bist du tot?“ in den nächsten Wochen der Internetzensur zum Opfer fällt. Wirft doch die App gar kein gutes Licht auf den Zustand der chinesischen Gesellschaft.

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Erstellt:
15. Januar 2026, 17:48 Uhr
Aktualisiert:
15. Januar 2026, 18:00 Uhr

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