Kalajdzic rettet Österreich
Viele hatten wegen der Gruppenkonstellation einen Langweiler erwartet, doch beim Spiel Algerien gegen Österreich kommt alles anders – der ehemalige VfB-Stürmer setzt den dramatischen Schlusspunkt zum 3:3.
Von dpa/red
Kansas City - Als Ralf Rangnick weit nach Mitternacht in hohem Tempo auf einem Golfcart durch die Mixed-Zone gefahren wurde, konnte der aus Backnang stammende Trainer Österreichs das zuvor Erlebte immer noch nicht fassen. Nach einer der verrücktesten Schlussphasen in der österreichischen Fußball-Geschichte steht das Team Austria bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko doch noch im Sechzehntelfinale und fordert dort am Donnerstag Europameister Spanien. „Einmal Hölle und zurück“, titelte die „Kronen-Zeitung“ nach dem WM-Wahnsinn von Kansas City.
Vor der Partie gegen Algerien war viel über die Ausgangslage diskutiert worden, da beiden Teams ein Remis zum Weiterkommen reichte. Doch die Art und Weise, wie es mit der allerletzten Aktion im 72. und abschließenden Spiel der Gruppenphase zum 3:3 kam, hatte niemand vorhergesehen. In der dritten Minute der Nachspielzeit brachte Riyad Mahrez Algerien aus dem Nichts mit 3:2 in Führung und stürzte Österreich damit ins Tal der Tränen. Drei Minuten später köpfte der direkt nach dem Rückstand eingewechselte Sasa Kalajdzic das 3:3 und Österreich zurück in den Fußball-Himmel.
„Did that just happen?“, schrieb der frühere Stürmer des VfB Stuttgart (2019 bis 2022) dazu auf Instagram zu einem Bild mit einer Jubeltraube um ihn herum an der Eckfahne: Ist das wirklich gerade passiert? Cacau, ein anderer ehemaliger VfB-Angreifer, antwortete Kalajdzic direkt darauf: „Glückwunsch, mein Freund. Du hast es verdient.“
Hinter Sasa Kalajdzic liegen keine ganz einfachen Zeiten. Immer wieder warfen ihn Verletzungen zurück – so auch direkt nach seinem Wechsel aus Stuttgart zu den Wolverhampton Wanderers in die Premier League: Im ersten Pflichtspiel für seinen neuen Club zog sich der Zwei-Meter-Mann 2022 einen Kreuzbandriss zu. In der Winterpause der Saison 2023/24 ließ er sich an Eintracht Frankfurt ausleihen, um seine Karriere neu anzukurbeln – und erlitt kurz danach abermals einen Kreuzbandriss. Vor dem WM-Jahr 2026 hatte Kalajdzic letztmals im November 2023 ein Länderspiel bestritten.
In der vergangenen Saison war er von den Wolverhampton Wanderers an den Linzer ASK ausgeliehen und wurde mit dem Club österreichischer Meister und Pokalsieger. Seine Leistungen (sieben Tore und elf Vorlagen in 27 Spielen) brachten ihn zurück ins Nationalteam, das er nun mit seinem späten Kopfballtor rettete. „Gott sei Dank gibt es Wunder“, sagte Kalajdzics Teamkollege und Vorlagengeber Michael Gregoritsch mit Tränen in den Augen.
Nach dem späten Ausgleichstreffer stürzte sich gefühlt ganz Österreich auf Kalajdzic. „Der Jubel hat 15 Meter im Feld begonnen und am Ende war ich fast aus dem Stadion, so sehr wurde ich geschubst und gedrückt“, sagte der Held des Abends. Als der Schiedsrichter nach dem Auflösen der österreichischen Jubel-Traube die irre Partie im Stadion der Kansas City Chiefs abpfiff, ließen sich die meisten österreichischen Spieler einfach auf den Rasen fallen. „Ich habe im Moment keine Worte, sage ich ganz ehrlich. Ich glaube, so etwas habe ich so noch nie erlebt“, sagte der ebenfalls sichtlich gezeichnete Trainer Rangnick. „2:3 hinten, die Spielzeit ist eigentlich um. Wir kommen tatsächlich noch mal ins Spiel zurück. Wir sind im Moment einfach nur happy.“
Nun wartet Titelkandidat Spanien auf den Gruppenzweiten Österreich, Algerien als Dritter trifft auf die Schweiz und damit den vermeintlich leichteren Gegner. Es passte zu diesem Fußball-Abend, dass Algerien, eigentlich der gefühlte Verlierer nach dem Last-Minute-Ausgleich, am Ende als gefühlter Gewinner aus der unvergesslichen Nacht von Kansas City hervorging. Vor 69.045 Zuschauern trafen Marko Arnautovic (28. Minute) und Marcel Sabitzer (55.) neben Kalajdzic (90.+6) für Österreich. Rafik Belghali (45.) und Mahrez (60./90.+3) erzielten die Tore für Algerien. „Wir haben Österreich den Atem angehalten – aber jetzt sollen sie alle schön weiter trinken“, sagte Sabitzer. Er und seine Teamkollegen tanzten nach dem Krimi ausgelassen durch die Kabine und schrien ihre Erleichterung heraus. „Das ist unfassbar“, sagte Kapitän David Alaba.
