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Kandel kommt nicht zur Ruhe

Vor einem Jahr wurde die 15-jährige Mia von ihrem afghanischen Ex-Freund erstochen

Weihnachten 2017 erschütterte der Mord an der 15-jährigen Mia weit über die kleine Stadt hinaus. Der Täter: ein junger Flüchtling. Ein Jahr danach gedenkt der Ort der Untat mit einer stillen Andacht. Andere demonstrieren.

Kandel /DPA - Ein Jahr nach dem tödlichen Messerangriff auf die 15-jährige Mia in Kandel hat der Ort in Rheinland-Pfalz mit einer stillen Zusammenkunft in der St. Georgskirche des Mädchens gedacht. Zahlreiche Bürger entzündeten Kerzen und verharrten am Donnerstag stumm im größten spätgotischen Sakralbau der Pfalz. Nach aufreibenden Monaten sollte der Ort mit rund 9500 Einwohnern die Chance haben, zur Ruhe zu kommen, hatte Bürgermeister Volker Poß (SPD) gesagt.

Jedoch wurde am Jahrestag der Tragödie erneut die oft gespannte Lage in der Gemeinde deutlich. Teilnehmer eines sogenannten Trauermarschs gingen durch den Ort – dazu hatte ein Bündnis aufgerufen, das in den vergangenen Monaten in Kandel wiederholt etwa gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung protestiert hatte. Seit der Tat hatten rechte und linke Gruppen mehrfach in der Gemeinde demonstriert. Viele Bürger werfen vor allem dem rechten Lager vor, das Verbrechen politisch zu instrumentalisieren – bei den Demonstranten handele es sich nicht um Bürger aus Kandel, sagen sie. Einer der Wortführer der Kundgebungen bestreitet das. „Ohne unsere Demonstrationen würde in Kandel ­niemand mehr über Mia sprechen“, meint Marco Kurz vom „Frauenbündnis Kandel“.

Zu dem stillen Gedenken in der Kirche hatte die evangelische Gemeinde aufgerufen. SPD-Bürgermeister Poß kam demonstrativ mit CDU-Landrat Fritz Bechtel zur Andacht. Wortbeiträge waren nicht vorgesehen. In der Kirche hatte am 11. Januar der Trauergottesdienst für Mia stattgefunden. Pfarrer Arne Dembek sprach damals von Schmerz, Wut und Trauer im Ort. Am Morgen des Jahrestags hatte Mias Familie sich ohne Öffentlichkeit am Grab versammelt.

Gemäßigte Kräfte im Ort hatten sich entschieden, im Unterschied zu den vergangenen Monaten keine Kundgebung abzuhalten. „Am Todestag am 27. Dezember an Mia zu erinnern und ihrer zu gedenken, ist richtig und wichtig“, sagte eine Sprecherin. Dieser Tag sollte allerdings ein Tag der Stille sein. „Ein Tag, der ihrer Familie und ihren Freunden gehört. Das Gedenken für eine politische Kundgebung zu nutzen, entbehrt für uns jeder Pietät.“

Das Landgericht Landau hatte den Angeklagten Abdul D. im September wegen Mordes und Körperverletzung zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er Mia erstochen hat. Da er zum Tatzeitpunkt möglicherweise minderjährig war, erging das Urteil nach Jugendstrafrecht, es ist rechtskräftig.

Der Fall Kandel hat längst die Bundespolitik erreicht. Demonstrativ empfing Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Mai Bürgermeister Poß. Auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) macht sich Gedanken. Mit Blick auf Proteste unter anderem in Köthen in Sachsen-Anhalt sagte er der „Welt am Sonntag“: „Die Einwohner von Kandel erleben in letzter Zeit ständig Demonstrationen von rechtsgerichteten Personen – oft gegen den Willen der Kandeler. Kein Mensch kommt auf die Idee zu fragen: Was hat die Pfalz falsch gemacht, dass es zu derartigen Kundgebungen kommt? Ich sehe keinen Unterschied zwischen Kandel und Köthen.“

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Erstellt:
28. Dezember 2018, 03:14 Uhr

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