Europas Verteidigung

Kann Europa sich alleine verteidigen?

Bedrohung durch Russland, möglicher Rückzug der USA: Europa stellt sich bei der Verteidigung neu auf. Doch dabei gibt es noch viele offene Fragen.

Bei den  Kampfjets liegen die Europäer im Vergleich  zu Russland vorn.

© dpa/Bernd von Jutrczenka

Bei den Kampfjets liegen die Europäer im Vergleich zu Russland vorn.

Von Tobias Heimbach

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat Europa Hunderte Milliarden Euro in seine Verteidigung investiert, Dutzende neue Waffensysteme gekauft. Aber reicht das? Denn die USA wollen nicht mehr Schutzmacht des alten Kontinents sein. Wie verteidigungsbereit sind die Europäer?

Russland hat Vorsprung bei Erfahrung

Wie hoch sind die Militärausgaben? 

Kaufkraftbereinigt lagen Europa und Russland bei den Verteidigungsausgaben zuletzt gleichauf. Laut der Londoner Denkfabrik International Institute for Strategic Studies gab Russland 2024 rund 462 Milliarden US-Dollar für Verteidigung aus. Die Staaten Europas kommen auf 457 Milliarden Dollar. In Europa werden die Budgets in den kommenden Jahren kräftig wachsen. Die Nato-Staaten wollen 3,5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Verteidigung ausgeben, weitere 1,5 Prozent für verteidigungsrelevante Infrastruktur. Russlands Quote lag zuletzt bei insgesamt 6,7 Prozent.

Welche Waffen haben beide Seiten? 

Bei Kampfjets liegen die Europäer mit 1600 zu 1000 vorn, bei Flugabwehrsystemen Russland mit 1200 zu 400. Die Zahl der aktiven Soldaten beträgt in Russland 1,3 Millionen Soldaten, in der EU sind es etwa 1,5 Millionen. Ronja Kempin, Expertin für europäische Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, gibt aber zu bedenken: „Russland hat bei wichtigen Technologien wie Drohnen und der elektronischen Kampfführung einen großen Vorsprung vor den Europäern.“

Wo hat Europa Lücken? 

Die ursprünglichen Nato-Pläne sehen vor, dass die Verbündeten gegenseitig ihre Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Doch es gibt große Zweifel, ob sich die Europäer im Ernstfall auf die USA verlassen können. „Ohne die Unterstützung der Amerikaner sind die Europäer aber kaum in der Lage, militärische Güter in großem Umfang von A nach B zu bringen“, sagt Kempin. Eine weitere Schwäche besteht im Weltall, etwa bei der Satellitenaufklärung und der Kommunikation sowie bei der Luftverteidigung. Nato-Strategen befürchten, dass ein vorschneller Rückzug der Amerikaner aus Europa ein „Gelegenheitsfenster“ für Russland aufmacht. „Wenn Russland merkt, dass Europa über eine bestimmte Fähigkeit nicht verfügt, könnte es versuchen, einen günstigen Moment für einen Angriff zu nutzen.“

Zwischenlösung für Waffenkäufe

Europa will schnell aufrüsten und „marktverfügbare“ Waffen kaufen. Doch die gibt es oft nur in den USA. „Marktverfügbar heißt, dass man trotzdem fünf bis sieben Jahre auf die Systeme wartet“, sagt die Expertin. Sollte man mit europäischem Steuergeld in den USA einkaufen, wenn Donald Trump gleichzeitig damit droht, Grönland zu annektieren? „Gerade in Frankreich wird das extrem kritisch gesehen“, sagt Kempin. „Wenn man europäische Lösungen selbst entwickelt, sind sie in 20 bis 30 Jahren einsatzbereit, je nachdem wie komplex sie sind.“ Es braucht eine Zwischenlösung.

Ist mehr europäische Zusammenarbeit ein Schlüssel? 

Die Verteidigungsindustrien in Europa litten an „geringen Stückzahlen, hohen Kosten und technologischem Rückstand“, kritisierte kürzlich das Kieler Institut für Weltwirtschaft. Denn in der Regel pochen die Staaten auf heimische Waffenschmieden. Auch die Unternehmen wollen kein Wissen teilen. Exemplarisch sieht man das beim deutsch-französischen Kampfjet-Projekt FCAS, wo die beteiligten Firmen über Kreuz liegen.

Wer führt in Europa? 

Innerhalb der Nato verfolgen USA und Europa unterschiedliche Interessen, in der EU sind Ungarn oder die Slowakei oft außen vor. Darüber hinaus berät man im E3-Format (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) oder dem „Weimarer Dreieck“ (Deutschland, Frankreich, Polen). Kempin sagt: „Wahrscheinlich werden sich Bündnisse je nach Thema zusammenfinden – aber damit bleibt europäische Sicherheitspolitik zu einem gewissen Grad immer Stückwerk.“

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Erstellt:
19. März 2026, 17:40 Uhr

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