Nach fast 800 Jahren

Katholische Kirche zeigt erstmals Gebeine des heiligen Franziskus

Franz von Assisi liegt seit 800 Jahren in seiner Heimatstadt begraben. Bislang bekamen nur wenige seine sterblichen Überreste zu sehen. Jetzt haben sich schon mehr als 350.000 Besucher angemeldet. Und: Was hat es überhaupt mit Reliquien auf sich?

Nicolò Miani (re.), Professor für Humananatomie an der Katholischen Universität Sacro Cuore, inspiziert die Überreste des Heiligen Franz von Assisi.

© Mauro Berti/Sacro Convento di San Francesco/dpa

Nicolò Miani (re.), Professor für Humananatomie an der Katholischen Universität Sacro Cuore, inspiziert die Überreste des Heiligen Franz von Assisi.

Von Markus Brauer/dpa

Nach fast acht Jahrhunderten werden die sterblichen Überreste des katholischen Heiligen Franz von Assisi erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen sein. Seine Heimatstadt, die 27.500-Einwohner-Gemeinde Assisi in Mittelitalien, erwartet dazu mehrere Hunderttausend Besucher.

1228 heiliggesprochen

Die Ausstellung beginnt an diesem Wochenende und dauert bis zum 22. März. Nach Angaben des Franziskanerordens haben sich bereits mehr als 350.000 Menschen angemeldet, um in der päpstlichen Basilika San Francesco die Reliquien zu sehen.

Franz von Assisi (1181/82-1226) gehört zu den bekanntesten Heiligen der katholischen Kirche. Er war auch Namensgeber für den vergangenes Jahr verstorbenen Papst Franziskus. Der Sohn eines reichen Tuchhändlers aus Assisi sagte sich zu Beginn des 13. Jahrhunderts mit Anfang 20 von seiner Familie los, verschrieb sich dem Glauben und führte ein Leben in absoluter Armut. Schon zwei Jahre nach dem Tod mit Mitte 40 wurde er für heilig erklärt.

Italien erklärt Todestag am 4. Oktober zum Feiertag

Der Sarg mit seinem Leichnam wurde an einem versteckten Ort tief in die Erde eingelassen. Dort blieb er fast sechs Jahrhunderte lang. 1818 gab Papst Pius VII. den Franziskanern die Erlaubnis, das Grab freizulegen. Für den Sarkophag baute man in der Unterkirche der Basilika eigens eine neue Krypta. Seither wurden die Knochen mehrfach wissenschaftlich untersucht und auf Echtheit geprüft, zuletzt im Jahr 2015.

Die Ausstellung wird von der Kirche damit begründet, dass Gläubigen zum 800. Todestag ein „unmittelbares, sinnliches Erlebnis“ ermöglicht werden solle. Die Ausstellung dauert bis zum 22. März. In Italien, als dessen Schutzpatron Franz von Assisi gilt, gehen die Feierlichkeiten auch danach weiter. Auch Papst Leo hat sich in Assisi angesagt. Der 4. Oktober, der mutmaßliche Todestag des Heiligen, wurde sogar zum gesetzlichen Feiertag erklärt.

Reliquien: Gegenstände religiöser Verehrung

Die Reliquienverehrung ist ein essentieller Bestandteil katholischer Volksfrömmigkeit. In der evangelischen Kirche ist dieser Brauch hingegen unbekannt. Für den Reformator Martin Luther (1483-1546) waren Reliquien „alles tot Ding“.

Reliquien (von Lateinischen „reliquiae“: das Zurückgelassene, die Überbleibsel) sind Gegenstände religiöser Verehrung. Besonders Körperteile oder Teile des persönlichen Besitzes eines Menschen, der von der Kirche als Heiliger verehrt wird, gehören hierzu. Daneben gibt es Berührungsreliquien wie etwa Kleidungsstoffe, mit denen der/die Heilige in Berührung kam oder gekommen sein soll.

Drei Klassen von Reliquien

Reliquie ist nicht gleich Reliquie. Nach katholischem Verständnis gibt es Reliquien erster Klasse: der Leichnam eines Heiligen oder Teile davon wie das Herz der spanischen Ordensgründerin Teresa von Avila (15115-1582), die Blutreliquien von Johannes Paul II. (1920-2005) oder die Asche von Heiligen, die verbrannt wurden.

Bei Reliquien zweiter Klasse handelt es sich um Gegenstände, welche Heilige berührt haben sollen, weshalb sie auch Berührungsreliquien genannt werden. Zu dieser Kategorie gehören beispielsweise das Turiner Grabtuch oder Folterwerkzeuge, mit denen Märtyrer zu Tode gepeinigt wurden.

Reliquien dritter Klasse schließlich sind Gegenstände, die von Reliquien erster Klasse berührt wurden – etwa kleine Papier- oder Stofffetzen, die auf eine Reliquie erster Klasse gelegt und auf Heiligenbildchen geklebt wurden.

Blutstropfen von Johannes Paul II.

Der Kölner Dom verfügt seit September 2017 wieder über eine Blutreliquie von Johannes Paul II. Die erste Ampulle wurde am 9. Dezember 2013 überreicht und am 4. Juni 2016 von Unbekannten gestohlen.

Es handelt sich um ein Stoffläppchen mit einem Tropfen päpstlichen Blutes, das von einer medizinischen Untersuchung stammt. Diese fand bei einem Luftröhrenschnitt wenige Wochen vor dem Tod des Papstes am 2. April 2005 statt. Johannes Paul II. wurden damals mit Blick auf eine mögliche Bluttransfusion vier Ampullen Blut abgenommen worden, die danach nicht mehr gebraucht wurden.

Die behandelnden Ärzte übergaben die Ampullen dem damaligen Papstsekretär und emeritierten Krakauer Erzbischof und Kardinal Stanislaw Dziwisz, der 2011 erklärte, solche Blutreliquien hätten in der katholischen Kirche eine lange Tradition.

Symbol der Anwesenheit eines Heiligen in der Welt

Der damalige Anwalt des Seligsprechungsverfahrens des Papstes, Slawomir Oder, stellte fest, dass Reliquien „kein magischer Fetisch“ seien. Sie seien dazu da, „in unseren Herzen die Dankbarkeit für das Geschenk der Person Johannes Paul II. zu erreichen“. Reliquien seien ein Symbol der Anwesenheit eines Heiligen in der Welt.

Kirchenrecht verbietet Reliquien-Handel

Bis heute verbietet das katholische Kirchenrecht den Verkauf von Reliquien. Im „Codex Iuris Canoici“, dem kirchlichen Rechtsbuch (Canon 1190 CIC) heißt es: „Es ist verboten, heilige Reliquien zu verkaufen. Bedeutende Reliquien und ebenso andere, die beim Volk große Verehrung erfahren, können ohne Erlaubnis des Apostolischen Stuhls auf keine Weise gültig veräußert oder für immer an einen anderen Ort übertragen werden. Die Vorschrift des § 2 gilt auch für Bilder, die in einer Kirche große Verehrung beim Volk erfahren.“

Symbolik statt Wissenschaft

Für das katholische Verständnis von Reliquien ist es unerheblich, ob ihre Echtheit wissenschaftlich bewiesen ist. Es geht vor allem um die theologische Symbolhaftigkeit. So wird im Trierer Dom der Heilige Rock, ein unscheinbarer braun-grauer Rock, als Symbol für die Menschwerdung Jesu verehrt. Es ist sinnfälliger Ausdruck der Heilsgeschichte, die nur im Glauben erfasst werden kann.

Zahlreiche andere fromme Relikte fanden im Mittelalter den Weg über die Alpen. Im Aachener Dom etwa werden seit Jahrhunderten vier kostbare Heiligtümer aufbewahrt: die Windeln Jesu, das Lendentuch Christi, das Kleid der Maria und das Enthauptungstuch Johannes des Täufers. Alle vier Jahre findet die Aachener Heiligtumsfahrt statt, bei der diese Reliquien den Gläubigen gezeigt werden.

Heiliger Rock und Turiner Grabtuch

Der Heilige Rock in Trier gehört wie das Turiner Grabtuch zu der Kategorie Reliquien, die nicht von einem Heiligen stammen, sondern auf das Leben Jesu von Nazareth zurückgehen. Während das Turiner Grabtuch, ein 4,36 Meter langes und 1,10 Meter breites Leinentuch, das Ganzkörper-Bildnis der Vorder- und Rückseite eines Menschen zeigt, handelt es sich beim Trierer Artefakt angeblich um Rudimente der Tunika Christi.

Die Authentizität des Heiligen Rocks ist – wie auch die anderer Reliquien – umstritten. Auch die katholische Kirche erhebt nicht den Anspruch auf historische Echtheit, sondern beschränkt sich darauf, die analysierten Stoffschichten akribisch aufzulisten.

Die „heilige Vorhaut Jesu“

In der Kirchengeschichte hatte der Reliquienkult bisweilen bizarre Züge angenommen. So wurde über Jahrhunderte die „heilige Vorhaut“ (lateinisch: „Sanctum praeputium“) verehrt, bei der es sich angeblich um die Vorhaut Jesu handelte.

Da nach christlichem Glaubens Jesus Christus bei seiner Himmelfahrt leiblich aufgefahren ist, sollen von seinem Körper nur jene Bestandteile auf Erden verblieben sein, die er zu jenem Zeitpunkt nicht mehr bei sich hatte.

Im Lukas-Evangelium Kapitel 2, Vers 21 heißt es: „Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.“ Das Fest der Beschneidung des Herrn wird von der katholischen Kirche am 1. Januar gefeiert.

Die Reliquie der Heiligen Vorhaut soll Papst Leo III. vom fränkischen König Karl dem Großen anlässlich seiner Kaiserkrönung am 25. Dezember 800 in Rom geschenkt worden sein. Der Frankenherrscher wiederum soll sie von einem Engel oder von der byzantinischen Kaiserin Irene bekommen haben.

Nach einigen Stationen wurde die Heilige Vorhaut ab dem 16. Jahrhundert in der Pfarrkirche des italienischen Ortes Calcata aufbewahrt, wo sie bei Prozessionen öffentlich gezeigt wurde. Im Jahr 1983 verschwand sie schließlich und wurde seither nicht mehr gesehen.

Niederlande – Paradies für Reliquien-Sammler

Die Niederlande sind ein Paradies für Sammler kirchlicher Kunst und Reliquien. Das 1972 von Joannes Peters gegründete Unternehmen Fluminalis in der kleinen Gemeinde Horssen in der Provinz Gelderland wirbt auf seiner Internetseite damit, „weltweit das führende Unternehmen im Verkauf von kompletten Interieurs von Kirchen, Klöstern und Schlössern“ zu sein.

Neben Heiligenfiguren, Chorgestühlen, Messkelchen und ganzen Altären werden auch Reliquien angeboten – wie von der heiligen Albina aus Köln, vom heiligen Leonard oder von der Tunika des heiligen Dominik.

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Erstellt:
17. Februar 2026, 12:06 Uhr
Aktualisiert:
17. Februar 2026, 14:01 Uhr

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