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Kein Patentrezept gegen Krawalle in Sicht

Der Rems-Murr-Kreis baut auf sein breit und vielfältig ausgerichtetes Präventivangebot in der Jugend- und Jugendsozialarbeit.

Symbolfoto: Ralf Geithe - stock.adobe.com

© Ralf Geithe - stock.adobe.com

Symbolfoto: Ralf Geithe - stock.adobe.com

Von Armin Fechter

WAIBLINGEN. Der Landkreis ist, was Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit betrifft, mit seinen Leistungen gut aufgestellt. Diese Botschaft entnahmen die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses gestern dem Vortrag von Volker Reif. Der Experte vom Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) bescheinigte den Rems-Murr-Repräsentanten aufgrund der Statistiken, dass sie den Vergleich mit anderen Landkreisen nicht scheuen müssen, im Gegenteil: Vielfach liegen die Resultate im Topbereich.

Gleichwohl meldeten Ausschussmitglieder Sorgen und Zweifel an. So hakte der SPD-Kreisrat Alexander Bauer nach: Reif habe zwar viel von jungen Menschen gesprochen, nicht aber von jungen Männern. Und da gebe es offenbar ein großes Problem, bemängelte Bauer. Er verwies auf die Stuttgarter Krawalle und sagte: „Wir stehen vor einer großen Frage.“ Auf die vielleicht das ganze Land keine Antworten habe, wie er selbst einschränkend hinzufügte. Gleichzeitig deutete er auf die sich mehrenden Gewalt- und Hassdelikte, die erst neulich bei der Präsentation der Kriminalstatistik Thema waren. Bauer warf die Frage auf, ob man da nicht bei der Zielgruppe etwas besser machen müsse. Sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen, weil man ja im Vergleich ganz gut dasteht, das reiche jedenfalls nicht aus.

Eine einfache Antwort konnte Reif, der bis vor einigen Jahren selbst im Kreisjugendamt tätig war, nicht geben. Das sei „unheimlich schwierig“, bekannte er. Es gehe hier bei den Hintergründen um eine Gemengelage, bei der viele unterschiedliche Faktoren zusammenkämen. Aufgabe der Jugendhilfe sei es, im Vorfeld präventiv dranzubleiben, damit es nicht zum Aufbrechen solcher gruppendynamischer Prozesse komme.

Landrat Sigel: Strukturen an Herausforderungen anpassen

Auch Jugendamtsleiter Gläss konnte nicht mit einem Patentrezept dienen, unterschiedliche Ursachen hätten zu der Randale geführt. Gemeinsam mit den Städten und Gemeinden, in denen die Jugend- und Jugendsozialarbeit betrieben wird, müsse man anschauen, ob man mit den bestehenden Angeboten noch die jeweiligen Menschen erreiche.

Doch Bauer mochte sich damit nicht zufriedengeben. Man könne die Problematik nicht auf Stuttgart reduzieren, warnte er, und man könne die Angelegenheit auch nicht damit abtun, dass man sagt: Die machen halt mal Krawall. Aus seiner Sicht tut sich da eine andere Dimension auf, die sich mit wirtschaftlicher Not nicht erklären lasse – eher sei es so, dass die Aggression durch die Gesellschaft konditioniert werde. Gleichzeitig rief er auf: „Diese Kette muss man doch mal durchschneiden können.“

Für Landrat Richard Sigel steht derweil fest, dass das Angebot in der Jugend- und Jugendsozialarbeit an Rems und Murr breit und vielfältig ausgerichtet sei. Es sei keineswegs so, dass man diese Zielgruppe nicht im Blick habe. Er wies gleichzeitig darauf hin, dass sich die Leute – Jungs, Mädchen, junge Männer, junge Frauen – auf unterschiedliche Art Luft machen, und merkte an: „Wir versuchen, unsere Strukturen an die Herausforderungen anzupassen.“ Man könne aber nicht auf alles, was in Stuttgart passiert, hier eine Antwort haben. In diesem Zusammenhang erinnerte Sigel daran, dass der Landkreis das Jugendamt personell massiv aufgerüstet habe.

Aus dem KVJS-Bericht geht unter anderem hervor, dass das Kreisjugendreferat überdurchschnittlich gut ausgestattet ist. Auch andere Arbeitsfelder, etwa die Schulsozialarbeit und die mobile Jugendarbeit an Rems und Murr, verfügen über bessere Ressourcen als in den meisten anderen Landkreisen. Hinzu kommt auch, dass, wie Hartmut Windmüller als Vertreter der Jugendverbände hervorhob, die neuen Förderrichtlinien für die Jugend- und Jugendsozialarbeit jetzt in Kraft getreten sind – „ein weiterer Meilenstein“, wie er sagte. Denn der Rems-Murr-Kreis ist der einzige Landkreis, in dem die drei Säulen der offenen Kinder- und Jugendarbeit, der mobilen Jugendarbeit und der Schulsozialarbeit gleichwertig gefördert werden. Wenn der Bericht also mahnend feststelle, dass die Leistungen nicht mehr ausgewogen und bedarfsorientiert zur Verfügung stünden, dann gelte dies nicht für den Rems-Murr-Kreis: „Wir halten dagegen.“

Auch Julia Goll (FDP/FW) zeigte sich erfreut. So hat der Bericht ergeben, dass im Rems-Murr-Kreis die Zahl der ehrenamtlich Tätigen in der Jugendarbeit weit über dem Schnitt liegt. Dies gelte es zu stärken und zu unterstützen, erklärte sie. Denn andere Daten lassen aufmerken: Während die Zahl der Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 21 Jahren bis 2030 konstant bleiben soll, sinkt die Zahl der 18- bis 27-Jährigen gleichzeitig um 12,7 Prozent. Gerade diese Altersgruppe aber sei wichtig für die verbandliche Jugendarbeit, gab Volker Reif zu bedenken. Wenn diese Menschen fehlen, habe dies Einfluss auf das Angebot – da könne ganz schnell etwas wegbrechen.

Symbolfoto: R. Geithe/stock.adobe

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Erstellt:
7. Juli 2020, 06:00 Uhr

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