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Keine Angst mehr vor dem eigenen Tod

Elke Renner aus Oppenweiler kümmert sich ehrenamtlich um sterbende Erwachsene und todkranke Kinder

„Der Tod kann still, leise und unspektakulär sein.“ Elke Renner hat schon viele Sterbende ein Stück weit auf ihrem letzten Weg begleitet. Ihr Ehrenamt hat sie ganz bewusst gewählt. Und es macht ihr nicht nur ihre eigene Vergänglichkeit bewusst, sondern erinnert sie auch daran, wie schön das Leben sein kann.

Nicht alle Sterbenden können oder wollen reden. Manchen reicht es auch, nur zu spüren, dass sie nicht allein sind. Archivfoto: E. Layher

© Edgar Layher

Nicht alle Sterbenden können oder wollen reden. Manchen reicht es auch, nur zu spüren, dass sie nicht allein sind. Archivfoto: E. Layher

Von Silke Latzel

BACKNANG. Wenn Elke Renner einen Anruf bekommt und ins Krankenhaus, Altenheim oder Hospiz gebeten wird, weiß sie, dass der Tod auch bald kommen wird – mal dauert es noch Wochen, oft nur wenige Stunden, manchmal auch nur noch Minuten, bis es so weit ist. Und Elke Renner ist in dieser Zeit einfach da, spricht mit den Sterbenden, liest oder singt ihnen vor oder hält auch die Hand, wenn es gewünscht ist.

Die 51-Jährige ist ehrenamtliche Sterbebegleiterin der Hospizstiftung Rems-Murr-Kreis. Sie steht quasi auf Abruf bereit, denn „wann der Tod genau kommt, das weiß niemand. Genau wie bei der Geburt, ist das ein Geheimnis, das auch die Wissenschaft nicht vorhersehen kann – auch wenn sie es gerne würde“, so Renner. „Ich kann zeitlich natürlich auch nicht immer, aber dann bin ich auch so ehrlich und sage das auch. Man sollte diese Arbeit nicht unter Druck machen.“

„Den eigenen Tod stirbt man bloß,

die anderen müssen damit leben“

Seit elf Jahren begleitet Renner Menschen in den Tod. Kurz bevor sie sich entschließt, die Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin zu machen, stirbt ihr Vater. „Die Nachbarn haben immer nur über mich geredet und sich gefragt, wie es mir wohl geht, statt ein einziges Mal zu mir zu kommen und mich anzusprechen. Da bin ich dann richtig sauer geworden.“ Sie beschließt, sich näher mit dem Thema Tod und dem Umgang damit zu befassen und meldet sich auf eine Anzeige in der Zeitung, in der eine Ausbildung zur Sterbebegleitung angeboten wird. Dort schildert sie ihre Beweggründe und wird angenommen. „Der natürliche Tod ist für viele Menschen verbunden mit einer echte Horrorvorstellung. Dabei kann er still, leise und unspektakulär sein. Dass zum Beispiel jemand nach Luft ringt und kläglich erstickt, das habe ich noch nie erlebt.“ Ihre Arbeit mit sterbenden Menschen habe ihr geholfen, dem eigenen Tod gelassener entgegenzublicken. „Den eigenen Tod, den stirbt man bloß, die anderen müssen damit leben.“ Allerdings wird es „für mich trotz meiner Ausbildung genauso schlimm sein wie für jeden anderen, einen geliebten Menschen zu verlieren.“ Dabei spricht Renner auch aus Erfahrung, in ihrem Freundeskreis starb ein 20-Jähriger ganz plötzlich, „und das ist dann einfach unvorstellbar“.

Renner begleitet nicht nur Erwachsene auf dem letzten Weg, sondern betreut auch schwer kranke Kinder und deren Angehörige. Seit acht Jahren ist sie beispielsweise regelmäßig in einer Familie, in der eine der beiden Töchter an Mukoviszidose erkrankt ist. „Ich kümmere mich allerdings vor allem um das gesunde Kind“, erzählt sie. „Spielplatz- oder Schwimmbadbesuche, Basteln, Hausaufgaben machen...solche Dinge eben. Um das kranke Kind kümmert sich die Mutter selbst und ich bin für das gesunde Mädchen da, damit nicht nur ihre Schwester die ganze Aufmerksamkeit bekommt und sie in den Hintergrund gerät.“ Natürlich habe sie auch immer wieder das kranke Kind im Krankenhaus besucht oder mit den Geschwistern gemeinsam etwas unternommen. Mittlerweile ist die gesunde Schwester 16 Jahre alt, mit ihr macht Renner nun andere Dinge als früher. „Wir gehen beispielsweise zusammen shoppen. Am Anfang war ich wöchentlich bei der Familie, zum Kennenlernen. Denn welche Mutter vertraut ihr Kind schon einer völlig Fremden an?“ Jetzt werden die Abstände zwischen den Besuchen allerdings größer, nicht nur, weil Renner wieder mehr hauptberuflich arbeitet, sondern auch, weil „die Freundinnen jetzt einfach wichtiger werden“.

Natürlich unterscheide sich die Arbeit mit Kindern zur Arbeit mit Erwachsenen. „Die Erwachsenen bekommen ihre Diagnose und wenn ich dann angerufen werde, weiß ich, dass derjenige nicht mehr lange lebt. Bei Kindern ist es etwas anders: Da kann es noch jahrelang gehen, da ich bereits dann angerufen werde, wenn sie die Diagnose ,lebensverkürzende Krankheit‘ bekommen – und das heißt eben einfach nicht, dass sie bald sterben werden.“ Bei den Erwachsenen wird Renner also meistens sehr schnell mit dem Tod konfrontiert. Sie erinnert sich an ihre Oma: „Sie hat immer gesagt, ,Der hat sterben dürfen‘, und das fand ich früher ziemlich blöd, aber heute sehe ich es genauso.“ Bei Kindern leide sie vor allem mit den Eltern und der Familie.

Schwer fällt Renner der Umgang mit dem Tod aber trotzdem nicht. Dabei hilft ihr auch ihr Glaube. „Ich bin überzeugte Christin, glaube an die Auferstehung und daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.“ Bei ihrer Arbeit lernt sie Menschen vieler verschiedener Glaubensrichtungen kennen, deshalb spricht Renner auch nur über ihren Glauben, wenn ihr Gegenüber das auch möchte. „Ich dränge mich nicht auf. Aber oft merkt man es auch, wenn dann zum Beispiel eine Bibel auf dem Nachttisch liegt.“ Zum Abschied und beim Verlassen des Zimmers segnet sie die Menschen – still und für sich, ohne, dass sie die Segnung laut ausspricht.

Worüber sie mit den sterbenden Menschen spricht, ist unterschiedlich. „Es sind nicht immer tiefsinnige Gespräche. Oft geht es auch beispielsweise ums Angeln, Mofafahren, Kochen oder die Jugendzeit. Wir sprechen über das, was schön war im Leben, und nicht nur über Krankheit und Tod. Denn auch das Schöne darf beim Abschied erlaubt sein und darüber zu reden ist wichtig.“ Manche ihrer Patienten seien allerdings schon gar nicht mehr ansprechbar, wenn Renner zu ihnen kommt. „Aber ich weiß, dass sie trotzdem spüren, dass ich da bin. Es passiert oft, dass die Menschen ganz unruhig sind und sich im Bett hin- und herwälzen. Und wenn man dann im Raum ist, mit ihnen spricht und vielleicht ihre Hand nimmt, dann werden sie auf einmal ganz ruhig.“

Natürlich sei ihre Aufgabe nicht einfach und sie müsse oft trübe und traurige Gedanken aushalten. „Sollte es einmal ganz schlimm werden, stehen mir Ansprechpartner zur Verfügung. Und in unserer Gruppe der Ehrenamtlichen besprechen wir so etwas dann auch.“ Renner ist glücklich darüber, ihren Platz im Hospizdienst gefunden zu haben. „Ich begegne so vielen Menschen, die ich sonst nie getroffen hätte. Und durch die Arbeit bin für jeden Tag, den ich lebe, dankbar und sehe oft schöne Kleinigkeiten, die ich sonst vielleicht nicht sehen würde.“ Sie hat vor allem eines für sich mitgenommen: Im Hier und Jetzt leben und nicht erst alles aufschieben bis zur Rente. „Lieber jetzt auf die große Reise gehen, die man schon immer machen wollte“, sagt sie lachend. „Sonst ist es vielleicht irgendwann zu spät.“

Elke Renner ist ein fröhlicher Mensch, sie übt ihr Ehrenamt sehr gerne aus. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Elke Renner ist ein fröhlicher Mensch, sie übt ihr Ehrenamt sehr gerne aus. Foto: A. Becher

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Erstellt:
11. Dezember 2018, 06:00 Uhr

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