Keine Rettung für den hölzernen Steg

Von einem Tag auf den anderen hat die Stadt Backnang im Oktober die Fußgängerbrücke an der Bleichwiese gesperrt. Inzwischen ist klar: Der Steg wird nicht mehr geöffnet, denn eine Sanierung lohnt sich nicht. Ob es einen Ersatz geben wird, ist fraglich.

Die Fußgängerbrücke an der Bleichwiese überspannt seit 1984 die Murr, das Dach wurde allerdings erst vier Jahre später aufgesetzt. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Die Fußgängerbrücke an der Bleichwiese überspannt seit 1984 die Murr, das Dach wurde allerdings erst vier Jahre später aufgesetzt. Foto: J. Fiedler

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Für Besucher, die auf der Bleichwiese parken, war er die schnellste Verbindung in die Innenstadt, bei Regengüssen bot er einen trockenen Unterstand und abends und an den Wochenenden war er auch ein Treffpunkt für Jugendliche. 36 Jahre lang leistete der hölzerne Steg über die Murr gute Dienste und prägte das Stadtbild, doch nun sind seine Tage gezählt. Bei einer routinemäßigen Überprüfung hatte ein Experte im vergangenen Oktober festgestellt, dass sich der Zustand der Holzkonstruktion rapide verschlechtert hatte. Die Sicherheit der Fußgänger war nicht mehr gewährleistet, weshalb die Stadt den Überweg unverzüglich sperrte. Seitdem ist die Brücke auf beiden Seiten mit Spanplatten verbarrikadiert.

Inzwischen hat die Stadt den Zustand der Brücke von einem Statiker genauer untersuchen lassen und auch mit einer Spezialfirma über eine mögliche Sanierung gesprochen. Doch das Urteil der Experten fiel eindeutig aus: „Die Schäden sind mit vertretbarem Aufwand nicht mehr reparabel“, erklärt Lars Kaltenleitner, der das städtische Tiefbauamt leitet. Die hölzernen Lager der Brücke seien innerlich verfault. Das Fachwerk sei so aufgebaut, dass Wasser in die Verbindungselemente laufen konnte. Kaltenleitner spricht von einem Konstruktionsfehler und wundert sich, dass der 1984 eingeweihte Steg überhaupt so lange gehalten hat. Ihn jetzt noch einmal aufwendig zu sanieren, sei allerdings nicht sinnvoll. Die überdachte Holzbrücke wird also in absehbarer Zeit abgebaut. Aber was kommt dann?

Klar ist, dass ein Neubau kein Schnäppchen wäre. Der Ernst-Riecker-Steg, der 2013 die ebenfalls hölzerne Brücke unterhalb des Burgbergs ersetzt hat, kostete schon damals rund 300000 Euro, inzwischen dürfte es deutlich teurer sein. Wobei die Kosten natürlich auch von Konstruktion und Gestaltung der Brücke abhängen: „Nach oben gibt es da keine Grenzen“, weiß Kaltenleitner.

Im Rathaus stellt man sich deshalb die Frage, ob eine Fußgängerbrücke an dieser Stelle überhaupt noch gebraucht wird. Schließlich gibt es mit dem Ernst-Riecker-Steg und der Sulzbacher Brücke in nicht allzu weiter Entfernung noch zwei weitere Möglichkeiten, die Murr zu überqueren. Und seit die Holzbrücke gesperrt ist, habe es auch nur ganz vereinzelte Beschwerden aus der Bürgerschaft gegeben, berichtet Baudezernent Stefan Setzer. Die Entscheidung treffe letztlich aber natürlich der Gemeinderat.

Auch die Treppe zur Postgassegefällt den Stadträten nicht.

Die Vertreter der größeren Fraktionen äußern sich auf Anfrage überwiegend zurückhaltend zu einem möglichen neuen Steg. Es sei zwar unstrittig, dass die Verbindung rege genutzt worden sei und viele sie auch zukünftig für wichtig und wünschenswert hielten, erklärt die CDU-Fraktionsvorsitzende Ute Ulfert. „Derzeit müssen wir jedoch mit den Finanzen sehr haushalten.“ Sie könnte sich deshalb vorstellen, erst einmal abzuwarten, wie sich die Fußgängerströme nach der Pandemie entwickeln. Sollte die fehlende Brücke dazu führen, dass mehr Passanten in der Uhlandstraße oder der unteren Marktstraße landen, könnte dies den dortigen Händlern ja sogar nützen, gibt Ulfert zu bedenken.

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„Mein Herz hängt nicht an diesem Steg“, sagt auch Willy Härtner, Fraktionschef der Grünen. Zwar habe auch er ihn regelmäßig genutzt „und irgendwie gehört er auch zu Backnang“. Doch wenn man angesichts knapper Mittel Prioritäten setzen müsse, rangiere ein neuer Steg bei ihm nicht ganz oben. „Die Brücke am Bahnhof halte ich da für wesentlich wichtiger“, stellt Härtner klar.

Auch Heinz Franke (SPD) macht deutlicht, dass ein neuer Murrsteg für ihn nicht das wichtigste Thema ist: „Das können wir angehen, wenn die Rahmenbedingungen besser sind“, so Franke. Jetzt müsse man erst einmal schauen, welche Auswirkungen die Coronapandemie auf die städtischen Finanzen hat.

Sollte man sich eines Tages für einen neuen Brückenschlag über die Murr entscheiden, plädieren Heinz Franke und Ute Ulfert dafür, in diesem Zusammenhang auch den Treppenaufgang zur Postgasse in den Blick zu nehmen. „Der müsste auch dringend attraktiver gestaltet werden“, fordert Franke. Allerdings würde das Projekt dadurch natürlich auch noch einmal teurer werden.

Ein deutliches Bekenntnis für eine neue Brücke kommt einzig von der Fraktion Bürgerforum/FDP/BIG: „Wir plädieren für einen Neubau des Stegs“, erklärt Fraktionschefin Charlotte Klinghoffer. Der Weg von der Bleichwiese über die Brücke sei der wichtigste Zugang zum historischen Stadtkern. „Moderne Stadtplanung denkt stets in Sicht- und Erlebnisachsen. Dem sollten wir gerecht werden“, so Klinghoffer. Sie schlägt vor, die neue Brücke baugleich zum Ernst-Riecker-Steg zu errichten. So bekomme man nicht nur ein einheitliches Erscheinungsbild, sondern könne im besten Fall auch Planungskosten sparen.

Aufschub für Bogenbrücke

Der Steg an der Bleichwiese ist nicht die einzige marode Holzbrücke in Backnang. Auch die markante Bogenbrücke über die Stuttgarter Straße ist in einem schlechten Zustand. „Die Bogenbinder sind durch Fäulnis stark angegriffen“, erklärt Tiefbauamtsleiter Lars Kaltenleitner.

Anders als beim Murrsteg hat man hier jedoch eine Lösung gefunden, um die Brücke noch einige Zeit nutzen zu können. Eine Spezialfirma werde die Holzkonstruktion mit Stahlstützen verstärken, erklärt Kaltenleitner. So soll der Überweg an der Spritnase noch etwa fünf Jahre nutzbar bleiben.

Diese Zeit will die Stadt nutzen, um an dieser Stelle eine dauerhafte Lösung für Fußgänger und Radfahrer zu finden.

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Erstellt:
10. April 2021, 06:00 Uhr

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