Kinder wollen im Neckar baden und weniger Fleisch essen

Wie würde Stuttgart aussehen, wenn Grundschüler bestimmen könnten, was sie in der Stadt anders haben möchten? Die Ideen der Mädchen und Jungen dürften auch vielen Erwachsenen gefallen.

Von Julia Bosch

Stuttgart - Die Kinder in Stuttgart beschönigen nichts. Die Luft in der Stadt sei „schlecht“, es sei „viel zu heiß im Sommer“, und die Autos und Lastwagen „produzieren viel zu viele Abgase“. Bei der Kinderversammlung der Stadt haben 200 Kinder im Grundschulalter Ideen gesammelt, was sie sich für mehr Gerechtigkeit sowie für die Natur und die Umwelt wünschen.

Baden im Neckar Bis zum Jahr 1950 sei das Baden im Neckar noch erlaubt gewesen; etwa in Obertürkheim, Untertürkheim und bei einem Badeplatz am Cannstatter Wasen. Im Max-Eyth-See durfte man sogar bis zum Jahr 1978 baden, haben Kinder der Steinenbergschule in Hedelfingen recherchiert. Seit vielen Jahren ist das nicht mehr möglich wegen „Öl von den Schiffen, Chemie und Müll“, schreiben die Kinder in einem Antrag. Die Freibäder seien aber oft voll, kosteten Eintritt und „es gibt auch oft Stress zwischen den vielen Menschen dort“.

Weil die Kinder sich eine kostenlose und entspannte Abkühlmöglichkeit wünschen, appellieren sie an die Stadt, strengere Regeln aufzustellen, damit weniger Dreck in den Neckar gelangt. Sie selbst bieten an, Plakate zu basteln, auf denen dafür sensibilisiert wird, dass man seinen Müll nicht in den Fluss wirft – und Unterschriften zu sammeln, um zu verdeutlichen, wie viele Menschen sich das Baden im Neckar wünschen.

Mehr Grün überall Hochbeete und mehr Bäume auf dem Schulhof, eine mobile Gartenwerkstatt, Blumenwiesen sowie Dach- und Fassadenbegrünung: In mehreren Anträgen haben Grundschüler Ideen formuliert, wie Stuttgart grüner wird.

Ein konkreter Wunsch ist ein „Pflanzifant“. Das soll ein Sprinter voll mit Gartenmaterialien sein, der ähnlich wie das Spielmobil Mobifant an verschiedene Orte in Stuttgart fährt. Experten sollen den Kindern Wissen vermitteln, wann was angebaut und erledigt werden muss, heißt es in dem Antrag der Grundschule Galileo in S-Mitte.

Trinkwasser auf Spielplätzen Zwar gibt es in Stuttgart inzwischen 108 Trinkwasserbrunnen – aber nicht auf Spielplätzen, bemängeln die Acht- bis Neunjährigen der Steinenbergschule in Hedelfingen. Weil die Sommer immer heißer werden, brauche es dort Trinkmöglichkeiten, fordern sie. Die Kinder selbst bieten an, Hinweisschilder zu basteln, sodass diejenigen, die (noch) nicht lesen können, erkennen, dass das Wasser trinkbar sei.

Weniger Fleisch in Mensen Alle Kinder lieben panierte Schnitzel? Nicht unbedingt. Die Drittklässler der Lerchenrainschule in Stuttgart-Süd wünschen sich, dass es weniger Fleisch in der Mensa gibt – und falls doch, solle es Biofleisch sein.

Auf diesen Antrag gibt es bereits eine Reaktion der Stadt. Bereits seit 2021 seien 25 Prozent der Lebensmittel in Schulmensen in Bioqualität, heißt es. Künftig aber sollen die Cateringdienste mehr Fleisch aus Haltungsstufe vier – also derjenigen mit dem höchsten Tierwohl – anbieten. Alle Eier sollen aus Freilandhaltung sein. Und es soll nur noch einmal pro Woche Fleisch geben, wie es seit Kurzem auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfehle, heißt es. Außerdem wird den Kindern vorgeschlagen, einen Mensa-Rat zu gründen, um über das Essen mitbestimmen zu können.

Günstige Lebensmittel im Supermarkt Acht- bis Elfjährige aus dem Kinderhaus in Hausen finden es ungerecht, dass die Lebensmittel in den Supermärkten immer teurer geworden sind. Daher schlagen sie das Einführen einer Lebensmitteltüte mit Gemüse, Obst, Milchprodukten und Co. zu fairen Preisen plus Rezepten vor. Die Tüte sollen ärmere Menschen im Supermarkt mitnehmen können.

Kostenloser Schwimmkurs für alle Sechs- bis Zwölfjährige aus dem Kinderhaus Feuerbach fordern einen kostenlosen Schwimmkurs für alle Sieben- bis Achtjährigen. Denn nicht alle Familien könnten sich dies leisten, es sei aber wichtig, dass alle Kinder schwimmen lernen, schreiben sie.

Umgang mit Anträgen der Kinder Die Stadtverwaltung muss auf die Anträge der Kinder reagieren und ihnen Möglichkeiten zur Umsetzung aufzeigen. Teils ist dies bereits passiert. Die SPD-Fraktion hat zudem beantragt, dass in einem Ausschuss über die Anträge diskutiert wird. Es sei auffällig, dass sich viele davon mit der Anpassung an Klimafolgen beschäftigten, sagt die SPD-Stadträtin Lucia Schanbacher. Sie überrascht das nicht: Denn neben Älteren und Personen mit Vorerkrankungen litten „die Kleinsten“ besonders unter Hitze. Zudem will die SPD wissen, wie die Ideen der Kinder in die Kommunalpolitik eingebracht und gegebenenfalls umgesetzt werden, wann und wo das für zwei Millionen Euro verabschiedete Hitzesofortprogramm umgesetzt werde und ob die Sanierung von Spielplätzen anhand von Sozialdaten priorisiert würden. „Es ist sinnvoll, zuerst die Spielplätze anzugehen, wo die Familien keinen eigenen Garten haben – und danach die in den Reihenhaussiedlungen“, so Lucia Schanbacher.

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Erstellt:
2. April 2024, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
3. April 2024, 22:00 Uhr

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