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Klänge von versonnener Arglosigkeit

Violinstar Midori und Klavierbegleiter Özgür Aydin präsentieren in Backnang Kammermusik auf Weltklasseniveau

Kammermusik auf Weltklasseniveau im Walter-Baumgärtner-Saal des Backnanger Bürgerhauses: Der Violinstar Midori und ihr Klavierbegleiter Özgür Aydin verzauberten das Publikum. Mit vier Sonaten aus über zweihundert Jahren bot das Duo einen schönen Überblick, mit einem gewissen Schwerpunkt auf eher selten gespielten Werken.

Ziehen mit schlafwandlerischer Sicherheit an einem künstlerischen Strang: Midori und ihr Begleiter am Klavier, Özgür Aydin. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Ziehen mit schlafwandlerischer Sicherheit an einem künstlerischen Strang: Midori und ihr Begleiter am Klavier, Özgür Aydin. Foto: A. Becher

Von Christoph Rothfuss

BACKNANG.Die beiden Ausnahmemusiker eröffneten ihr Konzert mit der Sonate G-Dur für Violine und Basso continuo von Johann Sebastian Bach. Ein behutsames Hineintasten war da zu vernehmen, vorsichtig getupfte Töne. Midori scheint mit ihrer Violine zu verschmelzen, innig ist sie in die Musik versunken. Und Aydin liefert einen dermaßen leisen und dennoch immer noch tragenden Klang dazu bei. Binnen Kurzem findet man sich in einer anderen Welt wieder. Zeitlose Linien erblühen, im „Vivace“ lässt das Duo feine Funken sprühen. Spritzig-energetisch dann das abschließende „Presto“. So klein und zierlich Midori ist, so überwältigend stark sind ihr Gestaltungswille und ihre Aussagekraft. Ihr Ton changiert je nach Erfordernis zwischen schneidend-hellem Silber und dann wieder goldprangender Färbung. Das Duo beherzigt die alte Musikerweisheit, dass die Musik nicht allein aus den gespielten Tönen besteht, sondern wesentlich aus der Spannung zwischen diesen Tönen.

Die Sonate A-Dur für Violine und Klavier von César Franck genießt seit ihrer Entstehung im Jahre 1886 – vier Jahre vor Francks Tod – Kultstatus und trug maßgeblich zum Ruhm des Komponisten bei. Alle vier Sätze sind quasi-zyklisch zusammengebunden durch das jeweilige Auftreten eines prägnanten Motivs. Das Werk bekommt so eine große Geschlossenheit. Im ersten Satz „Allegretto moderato“ fließt Midoris und Aydins Vortrag völlig schwerelos – alles scheint zu schweben. Im folgenden Satz („Allegro“) lassen die beiden eine sturmgepeitschte Meeresgischt brodeln, vor deren Folie die friedvolle Vision am Ende des Mittelteiles umso verzückender gerät.

Das „Recitativo“ bezieht seine Kraft aus der Wendung nach innen, scheinbar in die Ewigkeit hineinreichende lange Töne tun das Ihrige.

Im Finale („Allegretto poco mosso“) darf das Publikum eine großzügig sich verströmende Warmtönigkeit genießen. Ein pastoraler Ton, der sich mehrmals zu pathetischer Größe empor schwingt. Wieder ist zu erleben, mit welch schlafwandlerischer Sicherheit das Duo an einem künstlerischen Strang zieht. Das ist ganz großer Kunstgenuss – mehr noch: ansteckende, großartige Menschlichkeit.

Nach der Pause macht das Duo Midori/Aydin dort weiter, wo es vor der Pause geendet hatte. Diesmal allerdings mit Werken, die heutzutage nicht allzu oft im Konzertsaal zu hören sind. Franz Schubert schuf mit seiner Violinsonate g-moll eine bewegende Hommage an Wolfgang Amadeus Mozarts Werke dieser Gattung. Stark, wie unheimlich-murmelnd die Stargeigerin und ihr Partner den Beginn darstellen, um dann sofort in eine keck auftanzende Stimmung abzubiegen. Eine ganz und gar einnehmende Schlichtheit, eine versonnene Arglosigkeit überzeugt, indem sie nicht überzeugen will.

Wehmutsvolle Phrasen und übermütige Phasen; nicht nur hier, sondern während des ganzen Konzertabends herrscht eine frappante Kurzweil, die das Ergebnis einzigartigen Talents und sehr harter Arbeit ist. Wenn dann noch ehrliche Unbefangenheit dazukommt, bleiben keine Wünsche unerfüllt.

Am Ende stand die Sonate h-moll für Violine und Klavier von Ottorino Respighi. Über dieses Werk lässt sich sicher streiten, einiges wirkt hier unausgegoren, manches zu sehr gewollt. Aber Zeuge zu werden, wie Midori diese Komposition adelt, erfüllt einen mit Freude und Hochachtung.

Und es sind ja auch große Gesten, zarte Expressivität und ein manchmal schon fast impressionistisches Flimmern, welches der spätromantische Italiener aufbietet. Ein perfekter Tummelplatz für die Ausdruckskünstlerin und Musik-Botschafterin Midori.

Das Backnanger Publikum dankt begeistert und erklatscht sich eine Zugabe.

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Erstellt:
26. November 2018, 06:00 Uhr

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