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Kleine Abenteuer im Schwäbischen Wald

Sommerreportage (Schluss): Naturbegegnung, anspruchsvoll und einfach zugleich – Auf Tour mit Wildnispädagogin Astrid Szelest

Astrid Szelest ist eine erfahrene Wildnispädagogin, die in der russischen Taiga Touren anbietet und gelernt hat, draußen ganz allein zurechtzukommen. Trotzdem liebt sie es genauso, im Welzheimer Wald unterwegs zu sein. Dort liegen die Ursprünge ihres heutigen Verständnisses und ihrer Liebe zur Natur – durch die früheren Spaziergänge mit ihrer Großmutter. Wer sich (wieder) stärker auf ein Leben in und mit der Natur herantasten will, ist bei ihr richtig. Bei einer Tour gibt sie einige Tipps, was erste Schritte sein können.

Astrid Szelest schaut am Ufer der Lein nach Spuren. Entlang der Lebensader, die im Welzheimer Wald entspringt und Wasser und Kühle spendet, gibt es wunderbar idyllische Plätzchen. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Astrid Szelest schaut am Ufer der Lein nach Spuren. Entlang der Lebensader, die im Welzheimer Wald entspringt und Wasser und Kühle spendet, gibt es wunderbar idyllische Plätzchen. Fotos: A. Becher

Von Christine Schick

WELZHEIM/BACKNANG. In der Natur, fernab der Zivilisation auf sich gestellt zu sein und für sich zu sorgen, wird meist mit dem Schlagwort Survival belegt. Dieser Begriff des Überlebenskampfs ist Astrid Szelest aber zu aggressiv und lässt meist außer Acht, dass es um ein Nehmen und Geben geht, eine Balance, die ja bekanntermaßen an vielen Stellen nicht mehr im Lot ist. Die Entfernung eines Alltags von der Natur kann einen auch vergessen lassen, wie zentral bestimmte Grundlagen sind. Bei der Tour durch den Welzheimer Wald kommt Astrid Szelest auf die sogenannte Dreierregel zu sprechen, die Gefahren aufzählt: drei Sekunden ohne Aufmerksamkeit, drei Minuten ohne Sauerstoff, drei Stunden Kälte/Nässe ausgesetzt, drei Tage ohne Trinken und drei Wochen ohne Essen. An einer Stelle zeigt die 50-Jährige, wo sie mit einer Gruppe einen Unterschlupf beispielhaft hergerichtet hat. „Sollte man sich im Wald einmal verirren und nicht wie hier in der Nähe einer Siedlung sein, ist es besser, sich so eine Laubhütte zu bauen, wenn es dunkel wird“, sagt sie. Wer bei Nacht, vielleicht noch erschöpft weitergeht, setzt sich dem größeren Risiko aus. „Da passieren die meisten Unfälle.“ Scheinbar nicht umsonst stellt der Trapper im Western oder Abenteuerfilm fest, dass es dämmert.

Natürlich ist es auch nicht ganz ohne, allein im Wald zu übernachten. Die dachartig konstruierte Laubhütte wird außen und innen mit einer dicken Laubschicht ausgestattet, in der es schon mal krabbeln und wuseln kann. Was im Welzheimer Tannwald aber bei den ersten Erkundungen genauso beeindruckt: wie intensiv es nach Holz riecht, obwohl es nicht geregnet hat.

Dann die luxuriöse Variante für eine Zwischendurchrast: ein riesiges, kreisrundes Waldsofa aus Totholzbäumen, gefertigt von einer Gruppe, die die Wildnispädagogin vor einiger Zeit begleitet hat. „In Amerika gibt es eine Bewegung Bushcraft“, erzählt Astrid Szelest. „Die Anhänger wollen in die Natur eintauchen, ein Aspekt dabei ist, dass sie aus Totholz Gebrauchsgegenstände herstellen.“ Beim Sofa wird schnell klar: Es ist so konstruiert, dass man bequem, erhöht und insofern auch isoliert vom Boden sitzt. Astrid Szelest serviert einen vorbereiteten Eistee unter anderem aus Löwenzahn, Brennnesseln sowie Hagebutten. Nicht allzu weit ist der Weg zur Herstellung von Schnüren aus Pflanzenfasern, die an Abenden ihrer eigenen Touren entstehen. Das Ausgangsmaterial: große, ältere Brennnesselpflanzenstiele, die aufgeschnitten, getrocknet und deren Fasern mit dem Drehknoten verbunden werden können. Die Brennnessel steht bei Astrid Szelest sowieso hoch im Kurs. Ihre Blätter können als Salat zubereitet, die aromatischen, gerösteten Samen aufs Brot gestreut oder als Beilage für Suppe oder Müsli verwendet werden.

Gaben der Natur: Brennnesselblätter und -samen im Holzgefäß mit Löffel, mitgebracht hat Astrid Szelest Schnüre aus Brennnessel- und Weidenröschenfasern sowie eine Hirschsehne (von links).

© Pressefotografie Alexander Beche

Gaben der Natur: Brennnesselblätter und -samen im Holzgefäß mit Löffel, mitgebracht hat Astrid Szelest Schnüre aus Brennnessel- und Weidenröschenfasern sowie eine Hirschsehne (von links).

Auch der Löwenzahn rangiert bei ihr an oberster Stelle, den sie zu fast jeder Jahreszeit erntet – zunächst die zarten Blätter, später die Blüten und schließlich die Wurzeln, wenn die Natur auf dem Rückzug ist. „Dort sind dann die Bitterstoffe mit dabei, geröstet kann man sich so eine Art Kaffee-Ersatz machen“, sagt sie. Auf dem Weg über eine große Wiese findet sich Wegerich, dessen Pflanzensaft antiseptische Wirkung hat, zerkaut oder zerdrückt auf Stichen Linderung bringt. „Wenn ich mit dem Korb in den Wald losziehe, sagt mein Mann, jetzt geht sie wieder shoppen“, erzählt die Wildnispädagogin mit einem Schmunzeln. Zu beachten ist nur, die Gaben nicht direkt am Wegesrand (Hunde), nicht an Feldern (Dünger) und nur in Maßen zu pflücken sowie logischerweise geschützte Pflanzen außen vor zu lassen. Um der Natur auch etwas zurückzugeben, nimmt Astrid Szelest im Gegenzug Müll mit, den sie auf ihren Rundgängen findet.

Beim Eintritt in ein feenhaftes Waldstück mit Moosboden und Bachlauf stellt sie fest, dass Auszeiten in der Natur, das Grün der Landschaft, Balsam für Körper und Geist sind. Die Brücke zum fordernden Outdoorevent ist für sie letztlich die mentale Stärke. „Es geht darum, in einer Notsituation überlegt zu handeln, den Überblick zu behalten, Muster zu erkennen wie beim Spurenlesen, sich zu orientieren“, sagt sie. Fähigkeiten, die auch in ihrem ganz anderen Berufsalltag beim Schulamt in Backnang nicht von Nachteil sind. Trotzdem „ist die Haltung des Menschen am Schreibtisch nicht ganz artgerecht“, meint sie und lächelt. Nicht umsonst verspüren viele das Bedürfnis nach Ausgleich und sind Angebote wie Waldbaden nicht mehr verpönt.

Wer draußen autonom(er) unterwegs sein will, ist gut beraten, alle Sinne zu benutzen. Was, wenn das Wasser ausgeht? Astrid Szelest bleibt stehen und schließt die Augen. „Ganz genau hinhören, ob irgendwo ein Rauschen auftaucht. Das nennen wir Audiospur.“ Ganz klar, linkerhand fließt ein Bächlein. In einer weiten Landschaft ist der entscheidende Hinweis die Farbe: Wo sich auf braun-verdorrter Fläche grüne Stellen zeigen, könnte ebenfalls eine Quelle beziehungsweise Wasser zu finden sein.

Beim Eintritt in den Wald gibt ein Vogel Alarm, sein Rufen ist laut und auf den Boden gerichtet

Hat man in dieser Hinsicht kein Glück, bleibt noch die Plane, mit der Tau oder Regenwasser aufgefangen werden kann, oder das T-Shirt, das nicht nur als Wasserfilter, sondern auch als Taufänger in einer Wiese am Morgen dienen kann. Das Grün auf Augenhöhe im dichten Tannwald wird immer spärlicher, der Waldboden dafür immer weicher. Ein Vogel scheint über den Besuch ziemlich unerfreut zu sein. „Das war ein Bodenalarm, er schimpft laut nach unten, um die anderen zu warnen“, erklärt Astrid Szelest. Ein paar andere Artgenossen fliegen auf, nehmen Sicherheitsabstand. Ein Stück weiter sucht sich die Lein ihren Weg durch den Wald, das Wasser ist herrlich kühl, glitzert in der Sonne. Die Wildnispädagogin ist auch Fährtenleserin und es zeigt sich, dass der Fluss noch bei anderen beliebt ist. Es finden sich Spuren von Nagetieren sowie Waschbären, die wie zu klein geratene Kinderhände wirken.

Es folgt eine kurze Shoppingeinheit: Für das nächste Projekt werden dünne, trockene Totholzästchen von den Bäumen abgebrochen, kommen zu einem Schnäppchen, das vorher schon ein toter Baumstamm feilbot – mit dem Messer abgetrennte, papierartige Birkenrinde. Denn auch wenn klar ist, dass Feuermachen jenseits befestigter, ausgewiesener Grillstellen wegen der Waldbrandgefahr absolut tabu ist, gehört es für die Outdoorexpertin einfach dazu.

Astrid Szelest hat Redakteurin Christine Schick (von links) auf die Probe gestellt: Mit nur einem Streichholz ein Feuer entfachen. Die Freude ist groß, als es geklappt hat.

© Pressefotografie Alexander Beche

Astrid Szelest hat Redakteurin Christine Schick (von links) auf die Probe gestellt: Mit nur einem Streichholz ein Feuer entfachen. Die Freude ist groß, als es geklappt hat.

An der Hagmühle findet sich ein idealer Grillplatz, und es wird ernst. Die Aufgabe: ein Feuer entfachen, für das es nur einen Versuch, sprich nur ein Streichholz, gibt. Die Ästchen werden nach Größe sortiert, die filigraneren Teile und die Birkenrinde wandern ins Innere, außen angelehnt werden die etwas dickeren, sodass eine Art Miniatur-Tipi mit einer kleinen Öffnung entsteht. Astrid Szelest liefert die Motivation: „Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Ihrem Freund im hohen Norden unterwegs, er ist mit dem Schlitten ins Eiswasser samt Proviant und Ausrüstung eingebrochen, muss sich aufwärmen, um zu überleben. Sie haben aber nur noch ein Streichholz, das Sie in der Tasche hatten.“ Die wirkt, wobei sie netterweise ein etwas längeres Streichhölzchen bereithält, dessen Flamme, vor der fast nicht vorhandenen Brise geschützt, zittrig ins Tipi wandert und sich in Birkenrinde und Hölzchen frisst. Großartig. So viel Freude über ein kleines Feuer! Nachgelegt wird nicht, aber das Abbrennen und Ausglimmen mit Geschichten aus der Taiga inklusive Arbeit in der Bärenaufzuchtstation und Touren von Astrid Szelest gewürzt.

Beim Rückweg scheint der Boden mit Fichtenzapfen gepflastert zu sein, die die Füße wunderbar massieren. Der Genuss dieser Tour überwiegt ganz klar. Auch beim Abschluss mit einer Achtsamkeitsübung an den Mammutbäumen am Waldrand: Kontakt aufnehmen mit einem der Riesen, ihn mit möglichst allen Sinnen wahrnehmen und an ihn angelehnt und mit geschlossenen Augen noch mal die Umgebung aufsaugen. Keine Frage, der Respekt vor Flora und Fauna wächst mit diesen Eindrücken noch weiter. Die Begegnung mit der Natur ist einfach und anspruchsvoll zugleich.

Weitere Infos zur Arbeit und den Projekten von Astrid Szelest auf www.szelest.info und www.wildniswissen.de.

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Erstellt:
14. September 2019, 16:00 Uhr

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