Asiatische Nadelameise im Rosensteinpark
Kleine Killer: Eine invasive Ameisenart lehrt Stuttgart das Fürchten
Im Stuttgarter Rosensteinpark, dem größten englischen Landschaftspark Südwestdeutschlands, ist jeder herzlich willkommen. Wirklich jeder? Nein! Eine kleine Ameise aus Asien wollen die Stuttgarter am liebsten schnell wieder loswerden. Denn Brachyponera chinensis, die Asiatische Nadelameise – so ihr Name –, ist echt übel.
© Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung/Universität Hohenheim
Diese Krabbler sind echt unangenehm: Obwohl die Asiatische Nadelameise nicht aggressiv ist, sticht sie bei Störung, was schmerzhaft sein und Unbehagen verursachen kann.
Von Markus Brauer
Stuttgart hat zwar keinen festen, offiziellen Slogan, der die Stadt als „weltoffene Stadt“ lobt. Aber die baden-württembergische Landeshauptstadt profitiert vom Slogan „Willkommen in The Länd“ der Landesregierung, um weltoffen zu wirken und internationale Fachkräfte anzulocken.
Willkommen in der Hauptstadt von „The Länd“!
In der Hauptstadt von „The Länd“ sind neuerdings allerdings „Fachkräfte“ immigriert, welche die Stuttgarter wohl am liebsten schnell wieder loswerden wollen. Dabei passt der neue mehrfarbige Einwanderer vorzüglich zum diversen, vielfältigen und lebenswerten Flair, dass die Metropolregion aktiv pflegt.
Die Rede ist von Brachyponera chinensis, der Asiatischen Nadelameise. Einem 5 Millimeter (Arbeiterinnen) winzigen Formicidae – also eine Art aus der riesigen Familie der Ameisen, von denen es weltweit vermutlich 20.000 bis 30.000 verschiedene Arten gibt.
Auf Reddit, einer US-Social-Media-Plattform für Foren, ist über Brachyponera folgendes zu lesen:
„Wow, ich dachte, Feuerameisen wären schon schlimm genug, aber zumindest sind sie leicht zu erkennen. Dieses Vieh ist viel kleiner und baut keine sichtbaren Hügel als Nest, und seine Stiche sind übel, wenn man bereits allergisch gegen Bienen- und Wespenstiche ist. Und sie breiten sich aus, was es, gelinde gesagt, gefährlich macht.“
Die konkrete Warnung eines Users aus den USA vor Brachyponera chinensis beruht offenbar auf eigenen, schmerzhaften Erfahrungen. Ihren Namen Nadelameise verdankt sie übrigens ihrem markanten Aussehen, dass sie so schmal wie eine Nadel wirken lässt.
All around the world – and now in Stuttgart
Japan, Korea und China, wo die kleinen Krabbler ursprünglich herkommen, sind weit weg. Stimmt nicht! Im Zeitalter des globalen Handels kommen invasive Arten per Schiff, Lkw oder Flugzeug in quasi jede Ecke des Planeten, der ihnen optimale Überlebenschancen bietet.
Und ausgerechnet Stuttgart ist so eine Ecke!
Stuttgarter Forscher finden ersten Beweis im Rosensteinpark
Jetzt hat ein Forscherteam um Brendon Boudinot von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und Maura Haas-Renninger vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart sowie unter Beteiligung von Forscher der Universität Hohenheim zum ersten Mal die invasive Asiatische Nadelameise (Brachyponera chinensis) in Deutschland nachgewiesen.
Die Ameisenforscher – auch Myrmekologen genannt – fanden im Stuttgarter Rosensteinpark eine Kolonie der aus Ostasien stammenden Ameise. Die Insekten werden von der EU aufgrund ihrer möglichen Schadwirkung und ihrer potenziell allergieauslösenden Stiche als besonders problematisch eingestuft. Die Studie zum deutschen Erstnachweis ist am Freitag (27. März) im Fachjournal „Zootaxa“ erschienen.
BioBlitzed: The first record of #Brachyponera#chinensis (Emery, 1895) in Germany (#Hymenoptera: #Formicidae)#taxonomyhttps://t.co/J5lNJDXUjvpic.twitter.com/b7cyv3a1zC — Zootaxa updates (@Zootaxa) March 26, 2026
Als blinde Passagiere an Bord
Invasive AmeisneInvasive Ameisen gelten seit Langem als ernstzunehmendes Risiko für die heimische Biodiversität und Ökosysteme. Sie untergraben Parks, Bauwerke und Gärten, greifen Nutztiere an, verdrängen heimische Tiere und Pflanzen. Einige sind so giftig, dass sie auch Menschen gefährlich werden.
Häufig werden sie unabsichtlich mit international gehandelten Gütern importiert, beispielsweise in der Erde von Topfpflanzen.
In der Liste der einhundert schädlichsten gebietsfremdem Arten der Global Invasive Species Database (GISD) nehmen Ameisen gleich fünf Plätze ein: darunter die Rote Feuerameise (Solenopsis invicta)
- die Großkopfameise (Pheidole megacephala)
- die Gelbe Spinnerameise (Anoplolepis gracilipes).
- In der Europäischen Union sind rund 70 gebietsfremde Ameisenarten bekannt.
- In Deutschland, genauer in Stuttgart, ist jetzt die Asiatische Nadelameise (Brachyponera chinensis) dazugekommen.
Schmerzhafte Stiche, die allergische Reaktionen auslösen
Studien haben gezeigt, dass Brachyponera chinensis negative Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit hat.Obwohl die Asiatische Nadelameise nicht aggressiv ist, sticht sie bei Störung, was schmerzhaft sein und Unbehagen verursachen kann. Allergische Reaktionen auf die Proteine im Gift können . . .
- eine Anaphylaxie (akute, potenziell lebensbedrohliche allergische Sofortreaktion, die oft innerhalb von Minuten nach Allergenkontakt auftritt und Organsysteme wie Haut, Atemwege, Kreislauf betrifft. Hauptauslöser sind Insektengifte, Medikamente und Nahrungsmittel)
- und in einigen Fällen Urtikaria (Hauterkrankung, die sich durch stark juckende Quaddeln und oft schmerzhafte Schwellungen äußert) auslösen.
Da Brachyponera chinensis immer weiter in städtische Gebiete vordringt, ist mit einem Anstieg der Begegnungen mit Menschen zu rechnen.
Lokale Arteninventur führte zur Ameisenkolonie
Während eines „BioBlitz“ – also einer zeitlich begrenzten lokalen Arteninventur – gelang es Forschern des Naturkundemuseums Stuttgart, der Universität Hohenheim und der Senckenberg Gesellschaft, die Ameisenart im Juni 2025 erstmals im Stuttgarter Rosensteinpark nachzuweisen.
In der neuen Studie zum Erst-Nachweis warnen die Experten ausdrücklich vor den Risiken einer möglichen Ausbreitung in Deutschland hin und plädieren für ein gezieltes Monitoring – also eine Dauerbeobachtung – der gebietsfremden Ameise.
„Wir konnten in dem Park eine vollständige Kolonie der Asiatischen Nadelameise mit Nachwuchs entdecken. Das zeigt, dass es sich nicht nur um einzelne eingeschleppte Tiere handelt, sondern sehr wahrscheinlich um eine lokale überwinterungsfähige Population“, berichtet Erstautor Brendon Boudinot vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt. „Damit liegt der erste gesicherte Nachweis dieser Art in Deutschland vor.“
Von Asien über Italien nach Stuttgart
Die Asiatische Nadelameise stammt ursprünglich aus Ostasien. Im Südosten der Vereinigten Staaten wurde sie 1932 erstmals entdeckt und ist seitdem in mehreren Bundesstaaten verbreitet und heimische Ameisenarten verdrängt. Zudem sind aus den USA auch allergische Reaktionen nach Stichen bekannt.
In Europa gab es bislang nur wenige bestätigte Nachweise: Ein Exemplar wurde 2020 in Neapel gefunden.Später folgten weitere Funde in Italien, unter anderem am Comer See.
2025 wurde die Asiatische Nadelameise von der Europäischen Union in die „Unionsliste“ der invasiven gebietsfremden Artenaufgenommen und damit als potenziell besonders schädliche invasive Art eingestuft.
Ameisen breiten sich bereits weiter aus
Für die Bestimmung der in Stuttgart gefundenen Ameisenart verglich das Forscherteam verschiedene äußere Merkmale wie Körperform, Oberflächenstruktur und Augen. Die Studie liefert eine präzisierte Beschreibung, um die Ameise künftig sicher von nah verwandten Arten unterscheiden zu können.
Die Forscher vermuten, dass die Tiere in Stuttgart über Pflanzen eingeschleppt wurden. „Urbane Gebiete stehen häufig im Zentrum der Etablierung gebietsfremder Arten: Hier kommen sie vermehrt als blinde Passagiere, beispielsweise in Topfpflanzen oder anderen Importgütern an und können sich oft auch besonders gut etablieren“, erklärt Letztautorin Maura Haas-Renninger vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart.
„Dass wir geflügelte Königinnen im Stuttgarter Rosensteinpark gefunden haben, zeigt, dass sich die Tiere hier bereits eigenständig weiter ausbreiten könnten.“
Zusammenfassung
- Gefahren: Ein Stich der Asiatischen Nadelameise kann Anaphylaxie und Urtikaria, bei Allergikern zudem schwere allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock auslösen. Der Schmerz hält oft tagelang an.
- Äußeres: Kleine, dunkelbraune bis schwarze Ameise mit rötlich-braunen Beinen und Fühlern, schmal, Arbeiterinnen sind rund 5 Millimeter groß..
- Lebensraum: Brachyponera chinensis bevorzugt schattige, feuchte Gebiete, nistet oft unter Steinen, Baumstämmen oder in Blättern.
- Ausbreitung: Ursprünglich aus Asien (Japan, Korea, China) kommend, hat sie sich stark in den USA ausgebreitet in den USA; inzwischen ist sie in Europa (Italien und Deutschland) nachgewiesen worden.
- Öko-Folgen: Sie gilt als große Bedrohung für heimische Ameisenarten.
Niemand weiß, wo Nadelameisen bereits heimisch sind
Noch ist unklar, wie weit die Asiatische Nadelameise in Deutschland bereits verbreitet ist. Die Wissenschaftler empfehlen gezielte Monitoring-Programme, um eine mögliche Ausbreitung frühzeitig zu erkennen.
„Durch den Klimawandel besteht in Europa grundsätzlich ein erhöhtes Risiko für die Ansiedlung gebietsfremder Ameisenarten,“ warnt Boudinot. „Bereits vor einigen Jahren wurde das potenzielle Auftreten der Asiatischen Nadelameise in Europa prognostiziert.“
Haas-Renninger ergänzt: „Unser Nachweis hebt die zentrale Bedeutung des Biodiversitäts-Monitorings hervor: Nur wenn wir wissen, welche Arten sich ausbreiten oder zurückgehen, können gezielte Schutzmaßnahmen entwickelt werden.“
