Kleine Kläranlagen werden stillgelegt

Neben der großen Kläranlage in Neuschöntal betreibt die Stadt Backnang noch zwei kleine in Sachsenweiler und Horbach. Deren Tage sind nun aber gezählt: Bis 2025 will die Stadt die veralteten Anlagen aufgeben und die Gebiete an das allgemeine Kanalnetz anschließen.

Das Abwasser aus Sachsenweiler wird momentan noch in dieser kleinen Kläranlage gereinigt. Spätestens in drei Jahren soll dies wie für den Rest von Backnang in Neuschöntal passieren. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Das Abwasser aus Sachsenweiler wird momentan noch in dieser kleinen Kläranlage gereinigt. Spätestens in drei Jahren soll dies wie für den Rest von Backnang in Neuschöntal passieren. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

Backnang. Die Entscheidung, die beiden Kläranlagen aufzugeben, hat die Stadtverwaltung nicht ganz freiwillig getroffen. Vielmehr stand sie unter Zugzwang, weil die sogenannte wasserrechtliche Erlaubnis in Sachsenweiler bereits Ende 2020 abgelaufen ist, für die Kläranlage Horbach endet sie 2025. „Wir müssten viel Geld investieren, um diese Genehmigungen zu verlängern“, erklärte Erster Bürgermeister Siegfried Janocha nun im Betriebsausschuss Stadtentwässerung. Denn die Anforderungen an die Reinigungsleistung sind in den vergangenen Jahren europaweit verschärft worden. Insbesondere für Stickstoff und Phosphor gelten mittlerweile wesentlich strengere Grenzwerte als beim Bau der Anlagen. Die Kläranlage Sachsenweiler stammt aus dem Jahr 1956 und war zuletzt 1990 saniert worden. Dort wird das Abwasser von knapp 1500 Bewohnern des Stadtteils gereinigt. An die 1997 gebaute Anlage in Horbach sind nach Angaben der Stadt lediglich 94 Personen angeschlossen.

Wollte man die heutigen Standards erfüllen, müsste man in Sachsenweiler rund zwei Millionen Euro investieren, in Horbach immerhin 350000 Euro. Das erscheint der Stadtverwaltung nicht sinnvoll, zumal noch weitere Gründe gegen einen Weiterbetrieb sprechen: „Kleinere Kläranlagen sind deutlich störanfälliger“, erklärt Markus Dohmann, stellvertretender Leiter des Tiefbauamts. Außerdem sei es günstiger, nur in eine Anlage zu investieren als in drei.

Hinzu kommt, dass sich das gereinigte Wasser, das bisher aus den Kläranlagen in die Weißach beziehungsweise den Horbach fließt, trotzdem noch negativ auf die Wasserqualität der Bäche auswirkt. In Horbach befindet sich die Kläranlage zudem in einem Wasserschutzgebiet. Auch aus ökologischer Sicht sei eine Stilllegung deshalb sinnvoll und werde vom Landratsamt empfohlen, so Baudezernent Stefan Setzer.

Anbindung ans Kanalnetz isttechnisch anspruchsvoll und teuer

Die Haushalte, deren Abwasser bisher in Sachsenweiler und Horbach gereinigt wurde, sollen deshalb wie der Rest von Backnang an die Kläranlage in Neuschöntal angeschlossen werden. Billig ist allerdings auch das nicht. Von Sachsenweiler muss dafür ein etwa 1,1 Kilometer langer Kanal bis zum Spinnereigelände verlegt werden. Die Trasse soll parallel zur Weißach verlaufen und führt teilweise durch ökologisch wertvolles Gebiet. Um dort keinen Schaden anzurichten, soll die Rohrleitung in diesem Bereich ohne Aufgraben unterirdisch verlegt werden. Die Gesamtkosten schätzt die Stadt auf 1,8 Millionen Euro. Davon sind 270000 Euro bereits verbaut: Im vergangenen Jahr hatte die Stadt eine Baustelle der Firma d&b Audiotechnik genutzt, um auf deren Firmengelände einen etwa 120 Meter langen Abwasserkanal zu verlegen.

Auch die Anbindung in Horbach ist technisch nicht einfach. Weil es dort im Unterschied zu Sachsenweiler kein natürliches Gefälle gibt, müssen ein Pumpwerk und eine Druckleitung gebaut werden, um den Weiler an das Kanalnetz im 1,3 Kilometer entfernten Heiningen anzuschließen. Die Kosten werden auf 880000 Euro geschätzt – mehr als doppelt so viel wie die Sanierung der alten Kläranlage gekostet hätte.

Langfristig lohne sich die Investition trotzdem, betonte Stefan Setzer, denn die jährlichen Betriebskosten lägen mit rund 5000 Euro pro Jahr weit unter denen der Kläranlage (30000 Euro). Im Übrigen kann die Stadt mit Zuschüssen rechnen: Sowohl in Sachsenweiler als auch in Horbach übernimmt das Land laut Setzer ein Viertel der Investitionskosten.

Kläranlage in Neuschöntal hat noch freie Kapazitäten

Der Zeitplan sieht vor, dass die beiden Baumaßnahmen spätestens im Jahr 2025 abgeschlossen sind. Die bereits abgelaufene wasserrechtliche Erlaubnis für Sachsenweiler wurde vom Landratsamt bis dahin verlängert. Die Sorge einiger Stadträte, durch den Anschluss der zusätzlichen Haushalte könnten das Kanalnetz oder die Kläranlage in Neuschöntal überlastet werden, sind aus Sicht der Verwaltung unbegründet. Denn zum einen gehe es gemessen an der Gesamtstadt um vergleichsweise wenige Haushalte und zum anderen sei die Anlage in Neuschöntal für eine Stadt wie Backnangs eigentlich überdimensioniert. „Sie wurde damals für die Industrieabwässer der Lederindustrie gebaut“, erklärt Tiefbauamtsleiter Lars Kaltenleitner. Nachdem es die aber nicht mehr gibt, würden die Kapazitäten der Kläranlage theoretisch für eine Stadt mit bis zu 67000 Bewohnern reichen.

33 Haushalte ohne Anschluss ans Kanalnetz

Anschlussquote Nach Angaben der Stadtverwaltung sind 99,7 Prozent der Backnanger Einwohner an eine öffentliche Kläranlage angeschlossen. Lediglich bei
33 Haushalten mit insgesamt 122 Personen ist das bis jetzt noch nicht der Fall. Hierbei handelt es sich überwiegend um Gebäude im Außenbereich, bei denen ein Anschluss an die öffentliche Abwasserreinigung einen unverhältnismäßig hohen wirtschaftlichen und technischen Aufwand nach sich ziehen würde.

Alternativen Das Abwasser dieser Haushalte wird entweder durch eine private Hauskläranlage gereinigt oder in einer geschlossenen Grube gespeichert und in regelmäßigen Abständen zur Sammelkläranlage Neuschöntal transportiert.

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Erstellt:
25. Januar 2022, 06:00 Uhr

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