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Kliniken investieren 122 Millionen Euro

In Winnenden soll 2021 ein Erweiterungsbau entstehen, in Schorndorf im Jahr darauf ein neuer zentraler Funktionsbau

Die Rems-Murr-Kliniken investieren weiter in die Zukunft. Konkret bedeutet dies, dass am Standort Winnenden ein vierstöckiger Erweiterungsbau für 38Millionen Euro errichtet werden soll. Am Standort Schorndorf fällt das Engagement noch größer aus, dort werden in einem ersten Schritt 84 Millionen in einen neuen Funktionsbau gesteckt. Trotz dieser gewaltigen Investitionen soll das jährliche Defizit künftig weiter auf 5 bis 10 Millionen Euro sinken.

Die einzige Stelle, bei der aktuell eine Erweiterung des Winnender Klinikums möglich ist: Der Bereich zwischen dem östlichen Bettenbau und dem Verwaltungsgebäude. Derzeit ist hier ein Interimsparkplatz mit 100 Stellflächen angelegt. Visualisierung: RMK

Die einzige Stelle, bei der aktuell eine Erweiterung des Winnender Klinikums möglich ist: Der Bereich zwischen dem östlichen Bettenbau und dem Verwaltungsgebäude. Derzeit ist hier ein Interimsparkplatz mit 100 Stellflächen angelegt. Visualisierung: RMK

Von Matthias Nothstein

WINNENDEN/SCHORNDORF. Die beiden Krankenhäuser des Rems-Murr-Kreises in Winnenden und Schorndorf sind auf einem guten Weg. Zwar musste der Landkreis in den vergangenen fünf Jahren etwa 100 Millionen Euro an Defizit ausgleichen, aber die Werte werden kontinuierlich besser. Landrat Richard Sigel rechnete vor: Nach dem Bezug des Neubaus in Winnenden im Jahr 2014 waren es anfangs über 30 Millionen Euro Defizit jährlich, die der Klinikbetrieb verursachte. Bis heute konnte dieser Wert halbiert werden. Und es ist das erklärte Ziel, dass in naher Zukunft pro Jahr nur 5 bis 10 Millionen Euro Miese gemacht werden müssen. „Das ist der Zielkorridor“, so Sigel, der noch ergänzt: „Wir werden mit den Kliniken nie Geld verdienen, aber das wollten wir auch nicht.“

Die Reduzierung des Defizits, Klinikmanager Marc Nickel spricht gar von einer Trendwende, ist an sich schon beachtlich. Viel mehr aber noch angesichts dessen, dass die Kosten für die Mammutinvestitionen in den beiden Häusern schon eingerechnet sind. Denn um die geplante Medizinkonzeption umsetzen zu können und die beiden Häuser zukunftssicher zu machen, muss sowohl in Winnenden als auch in Schorndorf gebaut werden. In Winnenden ist ein vierstöckiger Erweiterungsbau geplant, da der Neubau so gut angenommen wird, dass er inzwischen aus allen Nähten platzt. So herrscht im Neubau nahezu das gesamte Jahr über eine Hochbelegungsphase, die verschiedenen Stationen müssen oft den Betrieb für Neuaufnahmen abmelden, da sie keine freien Kapazitäten mehr haben. Nickel: „Die Kliniken sind ein Stück weit Opfer ihres Erfolgs.“ Um aktuelle Defizite – Patienten auf den Fluren oder in fachfremden Abteilungen – abstellen zu können, ist der Neubau unumgänglich. Das hat Mitte Februar auch das Sozialministerium attestiert und den Erweiterungsbau gestern ganz aktuell als Alternativvorhaben im Jahreskrankenhausbauprogramm 2020 aufgenommen. Demnach fördert das Land 19 Vorhaben mit insgesamt 248 Millionen Euro. Mit dabei, sehr zur Freude von Sigel und Nickel: das Winnender Projekt.

Medizinisches Versorgungszentrum mit 20 Praxen im Erdgeschoss

Im Erdgeschoss des Erweiterungsbaus soll ein medizinisches Versorgungszentrum mit etwa 20 Arztpraxen entstehen. Dies ist laut Nickel nicht als Konkurrenz zu den niedergelassen Ärzten im Landkreis zu verstehen, sondern mit ihm soll die medizinische Versorgung gewährleistet werden. Und es soll verhindert werden, dass Arztsitze in andere Kreise verloren gehen.

Im Stockwerk darüber ist eine Kurzzeitpflegestation mit 21 Betten geplant. Darüber eine Normalstation mit zusätzlichen Betten und im vierten Stock eine neue Wahlleistungsstation, in diesem Fall mit Zweibettzimmern. Dazwischen, im dritten Stock, möchte das Klinikum eine Etage freihalten als Ausbaureserve.

Die Kosten für die Erweiterung belaufen sich auf 34 Millionen Euro, die unvermeidliche Kostensteigerung bis zum Baubeginn ist darin eingerechnet, so Nickel. Das Land gibt keinen Zuschuss für die Gesamtsumme, da einige „nicht förderfähige Bausteine“ wie etwa das MVZ in dem Vorhaben enthalten sind. Trotzdem hofft die Verwaltung auf einen satten Zuschuss des Landes, das die Unterstützung bereits signalisiert hat.

Der Neubau soll zwischen dem Hauptgebäude und dem Verwaltungstrakt entstehen. Derzeit ist hier ein Interimsparkplatz mit 100 Stellplätzen angelegt. Es handelt sich laut Sigel um die einzige Fläche, auf der sich die Kliniken derzeit ausbreiten können. Ein Grünstreifen weiter östlich am Zipfelbach darf aus Hochwasserschutzgründen nicht bebaut werden, im Falle eines HQ 100, also eines Hochwassers, wie es in 100 Jahren einmal vorkommt, wird diese Fläche als Überflutungsareal gebraucht.

Weil die Parkplätze verloren gehen, kniet sich die Verwaltung umso eifriger in die Realisierung von zwei Parkhäusern rein. Die werden jedoch nicht rechtzeitig fertig. Wenn also die Bagger für den Erweiterungsbau rollen, muss die Klinikverwaltung zwei weitere Interimsplätze in der Nähe des Feuerwehrhauses anlegen. Die Verhandlungen mit der Stadt Winnenden laufen auf Hochtouren.

Die Erweiterungspläne wurden dem Kreistag vor wenigen Tagen bei einer Klausurtagung vorgestellt. Und da gestern auch das Land seinen Segen erteilt hat, wird der Baubeschluss in diesem Frühjahr noch vorbereitet und soll im Herbst dem Kreistag vorgelegt werden. Voraussetzung für den Beschluss ist jedoch der Förderbescheid des Landes, stellten Sigel und Nickel klar. „Ohne Zuschuss können wir nicht bauen.“ Zwei Anmerkungen konnte sich Nickel nicht verkneifen: Der Neubau erhält keinen Keller und keine sogenannte Weiße Wanne und die früheren Architekten Hascher und Jehle kommen nicht zum Zuge.

Während es sich in Winnenden um ein Projekt in Höhe von 38 Millionen Euro handelt, sollen in Schorndorf allein in einem ersten Abschnitt sogar 84 Millionen Euro investiert werden. Es geht darum, dass der aktuelle Funktionsbau – das Herzstück eines Krankenhauses mit Notaufnahme, Intensivstation und OPs – weit über 50 Jahre auf dem Buckel hat und den Ansprüchen längst nicht mehr genügt. Die Beschäftigten des Schorndorfer Hauses klagen über altersschwache Aufzüge und einen ineffizienten Workflow. Ferner gibt es noch Dreibettzimmer und sehr verschieden große Abteilungen oder Stationen. Das Fazit lautet unisono: „Wir brauchen unbedingt einen Neubau, damit wir moderne Medizin machen können.“ Klinik-Geschäftsführer Nickel hat volles Verständnis für die Nöte seiner Mitarbeiter. Er kritisiert ebenfalls, dass in der Vergangenheit nur die Hülle saniert wurde: „Von außen sieht das chic aus.“ Er verweist auch darauf, dass etwa die Notfallversorgung auf eine neue Ebene gehoben werden muss, nur so könnten auch in Zukunft alle Notfälle versorgt werden. Dazu gehört bei Herzinfarkt- oder Schlaganfallpatienten, dass unmittelbar beim Schockraum auch ein MRT vorhanden sein muss.

Der Kreistag kann Schritt für Schritt entscheiden, ob gebaut wird

In Schorndorf ist der Neubau aber nur ein erster Schritt, der frühestens 2022 begonnen wird. Der zweite Schritt würde den Abriss des bisherigen Funktionsbaus beinhalten, an seiner Stelle würde dann frühestens 2024 ein neues Bettenhaus entstehen. Und als dritter Schritt müssten die Bettenhäuser umfassend saniert werden. Das ginge frühestens 2026. Nickel und Sigel beteuern, dass alles nur schrittweise umgesetzt werden soll, so wie es die Finanzen erlauben. Der Kreistag habe zu jeder Zeit die Kontrolle.

Sigel und Nickel lobten mehrfach den konstruktiven und vertrauensvollen Abstimmungsprozess mit dem Sozialministerium, bei dem die Weichen für die Campusentwicklung der Rems-Murr-Kliniken gelegt wurde. Sigel: „Die bauliche Weiterentwicklung beider Standorte ist ein zentraler Baustein der Medizinkonzeption und ein notwendiger Schritt, um die Rems-Murr-Kliniken zukunftsfähig aufzustellen.“

Kommentar
Scheibchenweise

Von Matthias Nothstein

Es ist in den vergangenen Jahren ruhig geworden rund ums Thema Rems-Murr-Kliniken. Das ist gut so, immer nur an alte Fehden zu erinnern, macht auch keinen Sinn. Und so konnte das Unternehmen in Ruhe arbeiten und das jährliche Defizit zum Wohle des gesamten Landkreises drastisch senken. Dass jetzt nur der Blick nach vorne zählt, ist in Ordnung, und die Investitionen sind absolut sinnvoll.

Angesichts dieser Vorrede klingt es fast ein wenig wie Nachtreten, wenn man das Schorndorfer Projekt bis zur Endstufe betrachtet und zum Fazit kommt: Unterm Strich wird in der Daimler-Stadt ein völliger Neubau errichtet. Zwar in drei Scheibchen, aber immerhin. Erst wird ein Funktionshaus neu gebaut. Dann anstelle des bisherigen Funktionsbaus ein neues Bettenhaus. Und zum Abschluss werden die bisherigen Bettenhäuser komplett saniert. Als es um die Schließung der Häuser in Backnang und Waiblingen ging – das sei jetzt aber wirklich zum letzten Mal erwähnt –, hieß es noch, in Schorndorf sei alles in bester Ordnung und müsse nichts mehr saniert werden. Heute ist klar, das hat damals schon nicht gestimmt. Das taktische Manöver war zwar nicht fair, soll heute aber kein Grund sein, sich der Zukunft zu verweigern. Es ist zu hoffen, dass der Kreistag die Maßnahmen mitträgt – zum Wohle aller, auch wenn die Wahrheit in der Vergangenheit nur scheibchenweise präsentiert wurde.

Und noch eines: Auch wenn der Verlust des Backnanger Krankenhauses heute noch manch einen schmerzt: Es war vermutlich die richtige Entscheidung. Angesichts vielfältiger Entwicklungen wäre das Ende so oder so gekommen. Dann aber, ohne in Winnenden einen so attraktiven Neubau als Alternative zu haben.

m.nothstein@bkz.de

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Erstellt:
12. März 2020, 06:00 Uhr

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