Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Komm, bleib hocka!

Auf gut Schwäbisch Nachdenkliche Töne beim 31. Stammtisch im Stuttgarter Zeppelinstüble

Mundart-Kunst – oft heiter, gelegentlich zotig-derb und manchmal voller Anmut und Tiefsinn. Letzteres ist die Spezialität der Mundart-Autorin Sabine Stahl, die mit dem Liederpoeten Bernhard Mohl zu Gast beim Schwäbisch-Stammtisch unserer Zeitung war.

Stuttgart Einen so stillen, konzentrierten Zuhörerkreis hat der „Auf gut Schwäbisch“-Stammtisch in seiner fünfjährigen Geschichte wohl noch nicht erlebt. Es braucht ein paar Minuten, bis sich jeder im Zeppelinstüble des Hotels Steigenberger Graf Zeppelin darauf eingestellt hat. Diesmal kein Schenkelklopfen also, sondern ein Zurücklehnen und Lauschen. „Komm, bleib hocka!“, das ­Programm, mit dem die Tübinger Sabine Stahl und Bernhard Mohl im Land unterwegs sind, ist auch eine schwäbisch-gemütliche Aufforderung, einen Moment der ­Besinnung zuzulassen.

Wenn Sabine Stahl, die nicht umsonst ­Finalistin beim letztjährigen Sebastian-Blau-Preis für schwäbische Mundart war, in ihren zarten Dialektminiaturen von „Dr­hoim“ erzählt, dann ist das Herzerwärmende meistens nicht weit weg vom Abgründigen: Denn „Drhoim“, so Stahl, sei zwar für manchen da, wo „d Katz sich zammarollt und schnurrt“. Für andere aber auch der Ort, wo einer zum anderen sagt: „Was glaubschn du überhaupt, wer du bisch!?“

Die Poesie, die die 1959 in Stuttgart geborene studierte Philosophin und Germanistin vor ihren Zuhörern aufspannt, regt zum Nachdenken an, auch zum Weiterdenken. Und wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat, dann scheint auch der feine Humor durch die Zeilen hindurch, der dem Schweren immer wieder die Spitze nimmt. Oder wie Stahl es ausdrückt: „Warom gfallet oim die Runzla vom a Baumstamm, aber die im oigne Gsicht net . . .“

Es war der Silberburg-Verlag, bei dem die Autorin ihre Miniaturen unter dem Titel „Komm, bleib hocka“ als Buch veröffentlicht hat, der die Tübinger Autorin und Radio-Journalistin mit dem Tübinger Liedermacher Bernhard Mohl künstlerisch verkuppelt hat. Der 1960 geborene Mohl, der singt, Gitarre, Violine und Ukulele spielt, vertont Stahls Gedichte. Der Lieder- und Theatermusiker steuert auch Eigenes zum Programm des Duos bei. „Wenn es von mir isch, reimt sich’s“, lässt er die 40 Stammtischgäste im Zeppelinstüble wissen. Zu seinen Spezialitäten gehören Vertonungen von Gedichten von Robert Gernhardt, Eduard Mörike oder auch des spätmittelalterlichen französischen Dichters François Villon. „Wobei es dann auch durchaus derb werden kann“, erzählt Mohl. Mit einem eigenen Liederprogramm ist er unter dem Namen Kommando Bimberle im Duo mit Andreas Fischer auf den Bühnen zu hören und zu sehen. Wie er auf seine Melodie-Ideen kommt, wenn er der Poesie von Sabine Stahl musikalische Flügel verleiht, will Moderator Tom Hörner wissen. Mohl überlegt kurz und sagt dann: „Die Musik ist einfach in der Luft, und ich pflücke sie runter.“

Dass Sabine Stahl ganz genau weiß, was Worte bewirken können, hat sie auch durch ihre Arbeit in Schreibgruppen erfahren, in der sie Krebskranke und ihre Angehörige unterrichtet. „Es ist ein heilsames Schreiben mit therapeutischem Effekt“, erzählt Stahl zwischen ihren Gedichtvorträgen.

Wo die Künstlerin sprachlich mehr zu Hause sei, im Hochdeutschen oder im Schwäbischen? „Hier gerade, im Zeppelin­stüble, wahrscheinlich im Schwäbischen“, meint sie augenzwinkernd. Ganz sicher ist aber, dass sie hier wie dort der Sprache ganz auf den Grund geht. Und deshalb weiß sie auch, dass mit der schwäbischen Mundart manches – ob Tiefgründiges oder Oberflächliches – gesagt werden kann, was das Hochdeutsche nicht auszudrücken vermag.

Ein Beispiel? „Mei Nachbare secht ‚a Oi‘, und i sag ‚a Ai‘, und es soll sogar welche gebe, die saget ‚oi Ai‘ oder au ‚oi Oi‘.“ Und der arme Hochdeutschsprecher? Der ist beim standardsprachlichen Herumgeeiere zwischen dem unbestimmten Artikel „ein“ und dem Zahlwort „ein“, anders als der Schwabe, gefangen im Einerlei. Mit ihrem Gedicht „Oier und Aier“ bestätigt Stahl mit ihrer wort­gewandten Lyrik aber natürlich, was das Publikum des Mundart-Stammtischs schon lange wusste: Schwäbisch ist dem Hochdeutschen oifach immer oin Schritt voraus.

Zum Artikel

Erstellt:
29. Januar 2019, 11:21 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!