Kommentar: Entsetzt, aber nicht überrascht
Kommentar: Entsetzt, aber nicht überrascht
Von Rebekka Wiese
Als sei etwas gekippt. So fühlte es sich für viele Frauen an, als vergangene Woche die Vorwürfe der Schauspielerin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian UImen bekannt wurden. Es geht dabei unter anderem um sexualisierte Gewalt im Internet. Das Kippen, das viele Frauen jetzt spüren, reicht weit über den konkreten Fall hinaus. Das ist wesentlich, um zu verstehen, worum es in dieser Debatte geht: nicht um Ulmen. Sondern um Männergewalt gegen Frauen – auch und gerade im persönlichen Umfeld, durch Partner, Kollegen und Nachbarn.
Fälle wie Pelicot, Epstein oder auch die um deutsche Prominente – Sänger, Comedians, Fußballstars – rühren bei Frauen an einen kollektiven Schmerz. Fast jede Frau hat Erfahrungen mit Sexualisierung und Männergewalt gemacht. Und mit der Machtlosigkeit dagegen, mit männlicher Komplizenschaft. Das erklärt auch den Satz, der nun von vielen Frauen als Reaktion zu hören ist: Wir sind entsetzt, aber nicht überrascht. Viele Männer hingegen sind zwar im besten Fall entsetzt, wenn sie von solchen Vorwürfen gegen andere Männer hören. Aber noch immer überrascht. Das ist Teil des Problems.
Was aus dem Kippmoment folgt, ist offen. Damit aus einer Bewegung eine Veränderung – aber kein Bruch – entsteht, reicht es nicht, dass sich Frauen zusammentun, um gegen Formen der Männergewalt zu kämpfen. Es bräuchte auch die Männer. Deren Sprachlosigkeit ist ohrenbetäubend.
