Konflikt zwischen Gemeinderat und Bürgern beigelegt

Lebhafte Beteiligung bei Infoveranstaltung zum Thema Lebensmittelversorgung in Althütte  –  Die Gemeinde gibt eine Garantie für die bisherigen Betreiber

Nach einer emotional geführten Debatte und einer Unterschriftenaktion mit 867 Unterzeichnern hat die Gemeinde Althütte den Betreibern des Nah-und-gut-Marktes in der Schulstraße eine Bestandsgarantie gegeben. Dennoch soll ein weiterer Standort entwickelt werden – als Option, um die Lebensmittelversorgung auch in der Zukunft sicherzustellen. Dies erläuterte Bürgermeister Reinhold Sczuka bei einer Informationsveranstaltung in der Festhalle.

Die Bürger Althüttes haben sich für den Nah-und-gut-Markt der Familie Raimund eingesetzt.Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Die Bürger Althüttes haben sich für den Nah-und-gut-Markt der Familie Raimund eingesetzt.Foto: A. Becher

Von Annette Hohnerlein

ALTHÜTTE. Die Wogen haben sich geglättet, der Konflikt zwischen Verwaltung und Gemeinderat auf der einen und der Bevölkerung auf der anderen Seite ist beigelegt, so zumindest der Eindruck nach der Informationsveranstaltung am Dienstag in der Festhalle. Zur Erinnerung: Der Gemeinderat Althüttes hatte beschlossen, das Verfahren für einen neuen Standort für einen größeren Lebensmittelmarkt auf den Weg zu bringen. Ein Investor, die Firmengruppe Krause, und ein Betreiber, die Firma Netto, waren auch schon gefunden. Somit hätte in ein paar Jahren ein neuer Markt beim Feuerwehrgerätehaus eröffnet werden können. Wäre das Projekt wie geplant weiter betrieben worden, hätten Marcus und Cornelia Raimund vom Nah-und-gut-Markt in der Schulstraße in naher Zukunft ihren Laden zugemacht. Dies rief die Bürger von Althütte auf den Plan. In einer Unterschriftenaktion sprachen sich 867 Unterzeichner dafür aus, den Lebensmittelmarkt mit dem hoch geschätzten Betreiber-Ehepaar zu erhalten.

In der Infoveranstaltung teilte Bürgermeister Reinhold Sczuka den zahlreich erschienenen Besuchern mit, dass die Gemeinde der Familie Raimund inzwischen eine Bestandsgarantie mit Konkurrenzschutz gegeben hat. Das bedeutet: Die Raimunds können ihren Markt am bisherigen Standort weiter betreiben und haben die Zusage, dass kein weiterer Lebensmittelmarkt genehmigt wird, solange sie da sind. „Damit ist die Forderung der Unterschriftenliste zu 100 Prozent erfüllt. Sie hat gezeigt: Der bestehende Laden ist Ihnen wichtig“, begründete Sczuka das Einlenken der Verwaltung.

Zum besseren Verständnis fasste er die Vorgeschichte kurz zusammen. Nachdem die beiden Einzelhändler 2011 den Markt in der Schulstraße übernommen hatten, erlebte dieser einen „Aufschwung durch den persönlichen Einsatz der Familie Raimund“, so Sczuka. Gleichzeitig wurde klar, dass die Fläche in der Schulstraße eigentlich zu klein ist und dort auch nicht erweitert werden kann – Fakten, die einen potenziellen Investor für die Nachfolge der Raimunds abschrecken. Seit 2012 beschäftigt sich der Gemeinderat daher mit der Frage, wie es weitergehen soll, wenn die Raimunds ihr Geschäft aufgeben. Man war sich einig: Ein neuer, größerer Standort muss her.

Von fünf geprüften Alternativen wurde das Waldgebiet am Ortseingang beim Feuerwehrgerätehaus ausgewählt. Dort müsste die Gemeinde eine Fläche zwischen einem halben und einem Hektar erwerben und abholzen. Dafür würde an anderer Stelle als Ausgleich Wald aufgeforstet. Bei einem sogenannten Scoping-Termin im vergangenen Jahr verlangten mehrere Behördenvertreter, den Alternativstandort bei der Festwiese nochmals genauer zu prüfen. Dieser hätte den Vorteil, dass die Gemeinde das Gelände bereits besitzt und dass hier keine Bäume weichen müssen. Bedenken bestehen aber wegen möglicher Altlasten und Einschränkungen bei Festveranstaltungen.

Die Garantie für das Ehepaar Raimund bedeutet nun nach Aussage des Bürgermeisters, dass ein neuer Standort zwar entwickelt wird mit dem Ziel, den Bebauungsplan so zu ändern, dass bei Bedarf zügig ein neuer Lebensmittelmarkt gebaut werden könnte. Ein Verfahren, das gut und gerne fünf Jahre dauern könne, betonte Sczuka. So lange stünden auch die Firmen Krause und Netto Gewehr bei Fuß. Tatsächlich gebaut werden soll ein neuer Markt aber erst dann, wenn Marcus und Cornelia Raimund sich zur Ruhe setzen oder aus anderen Gründen aufhören.

Dieses Vorgehen sei sinnvoll, damit Althütte nicht in einigen Jahren ganz ohne Lebensmittelmarkt da steht. „Mit seinen 4 100 Einwohnern, von denen nur 1 800 bis 2 000 im Hauptort leben, liegt Althütte im grenzwertigen Bereich für mögliche Investoren“, erläuterte der Bürgermeister. Er wolle sich nicht in einigen Jahren den Vorwurf machen lassen, die Entwicklung verschlafen zu haben.

In der folgenden Diskussionsrunde wurde deutlich, dass viele mit einem Betreiber Netto nicht glücklich sind. Uwe Reinhard vom potenziellen Investor Firmengruppe Krause betonte: „Wir haben mit allen Lebensmittelanbietern gesprochen“. Am Ende habe jedoch nur die Firma Netto Interesse gezeigt. Einige Besucher brachten auch ganz andere Modelle ins Gespräch, etwa die Idee einer Markthalle mit verschiedenen Einzelhändlern mit regionalen Erzeugern und Bio-Lebensmitteln. Eine Besucherin richtete einen dringenden Appell an ihre Mitbürger: „Bitte kauft hier im Ort ein!“. Dem schloss sich Gemeinderat Rudi Beck von der Freien Wählervereinigung an, verteidigte aber gleichzeitig die Bemühungen um die zukünftige Lebensmittelversorgung: „Wir brauchen eine Vision. Die Einstellung ,So soll’s bleiben` funktioniert nicht.“ Wie Sczuka und mehrere Bürger vor ihm warf auch Beck die grundsätzliche Frage auf, wie angesichts zunehmender Online-Käufe der Lebensmittelhandel der Zukunft aussieht.

Am Ende bedankte sich der Bürgermeister bei den Besuchern für die konstruktiven Beiträge. „Ich bin stolz auf Althütte, wie wir auch bei schwierigen Themen miteinander diskutieren können“. Und er ermunterte die Bürger, ihm und den anderen Verantwortlichen weiterhin auf die Finger zu schauen: „Bleiben Sie kritisch. Es ist auch nicht immer alles gut, was wir machen.“

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Erstellt:
31. Januar 2019, 06:00 Uhr

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