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Koran von früh bis spät?Weißenborn

Der Islamverband VIKZ betreibt Schülerwohnheime und bietet Ferienfreizeiten an – Kritiker halten das für Indoktrination

Der umstrittene Islamverband Ditib ist in aller Munde. Der VIKZ dagegen agiert lieber im Stillen. Manche Experten halten ihn aber für integrationsfeindlicher. In Leinfelden-Echterdingen will er jetzt ein neues Schülerwohnheim bauen.

Leinfelden-Echterdingen Das Erste, was dem Besucher ins Auge springt, ist die strenge Geschlechtertrennung. Die Männer sitzen auf Bierbänken draußen weitgehend unter sich und trinken Tee. Die Frauen bereiten drinnen ohne Unterlass türkische Speisen zu: Lahmacun, gefüllte Weinblätter. Vorbei huschen junge Frauen mit Kopftuch und dunklen knöchellangen Mänteln. Jeder Blickkontakt wird gemieden. Am liebsten würden sie sich wohl unsichtbar machen. Mit den Frauen sprechen? „Geht nicht“, meint Muhammet Güclü freundlich, aber bestimmt. „Sie würden sich unwohl fühlen.“

Auf dem Nachbarschaftsfest des Moschee-Vereins für Kultur, Bildung und Integration (VKBI) in der Karlsruher Straße in Leinfelden-Echterdingen bleibt diese türkische Gemeinschaft unter sich. Der 38-jährige Güclü, in Jeans und schickem Wollmantel, ist neuer Vorstand. Der Ingenieur, verbindlich im Auftritt, wurde in die Fildergemeinde gerufen, um die Wogen wieder zu glätten. Denn spätestens seit Sommer tobt hier ein bitterer Streit um den Bau einer neuen Moschee, der Eyüp Sultan Camii, mit angeschlossenem Schülerwohnheim im Stadtteil Oberaichen.

Auf der einen Seite die Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Roland Klenk (CDU). Er sieht sich von dem Verein getäuscht. Immer wieder seien Zusagen nicht eingehalten worden. Er will das in Erbpacht überlassene Grundstück von dem Moscheeverein wieder zurückkaufen. Die Moschee soll zwar fertiggebaut werden. Das geplante Schülerwohnheim soll es aber nicht mehr geben. „Ein voller Schülerwohnheimsbetrieb vergrößert meine Sorge, dass es hier nicht darum geht, junge Menschen zu integrieren“, so der OB. Auf der anderen Seite steht der VKBI. Güclü räumt Versäumnisse in der Vergangenheit ein. Er spricht von Absprachefehlern und Missverständnissen. Den Plan, auch ein Schülerwohnheim zu errichten, für 26 Kinder im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren, will er jedoch keinesfalls aufgeben: „Das steht in unserer Satzung ganz oben.“ Der ebenfalls neue Vize-Imam Bilal Yilmaz pflichtet ihm bei: „Wir wollen den Islam richtig lehren.“

An diesem Dienstag wird es ernst. Der Gemeinderat von Leinfelden-Echterdingen tagt am Abend. Nichtöffentlich wird über den Rückkauf entschieden. Sprechen sich die Räte gegen OB Klenks Wunsch aus, ist der Weg für das Wohnheim frei.

Neben Klenk zweifeln auch viele Bürger inzwischen an den Beteuerungen des Vereins. Zwar tragen er und sein Kölner Dachverband VIKZ das Wort Integration im Namen. Doch Islamwissenschaftler, Sicherheitsexperten und kundige Lehrer stellen fest, dass ihre Projekte, vor allem ihr Markenzeichen, die Schülerwohnheime, eher für einen erzkonservativen Islam und Abschottung stehen – das Gegenteil von Integration.

Belege dafür, dass dieses Misstrauen begründet ist, finden sich bundesweit. Etwa in Neu-Ulm: Dort hatten 2015 an einer Grundschule neun- und zehnjährige muslimische Schüler mit Hetzparolen gegen „Ungläubige“ Aufsehen erregt. Kurz nach den Anschlägen auf die Redaktion der französischen Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“, sagten die Kinder, dass „du Christ“ ein schlimmes Schimpfwort sei, und „Christen muss man töten“ oder „Juden stehen auf einer Stufe mit Schweinen“. Die Behörden ermittelten wegen Volksverhetzung – ergebnislos.

Die härtesten Sätze kamen laut Schulleiterin von einigen Kindern, die sonntags und in den Ferien eine Moschee des örtlichen VIKZ-Ablegers besuchten. „Kein Zweifel, die Kinder besuchten die Koranschule im Schwaighofen“, erzählt die Rektorin Beate Altmann und meint damit einen Neu-Ulmer Stadtteil. Sie betont, dass – damals wie heute – die meisten muslimischen Kinder anders dächten, dass viele türkische Eltern „ebenfalls schockiert“ waren. Der damalige Moscheevereinsvorstand wies alle Vorwürfe zurück. Dafür versuchte er die Pädagogin einzuschüchtern. Aber Altmann lässt sich nicht so leicht einschüchtern. Die Kinder hätten ihr erzählt, dass sie stundenlang den Koran auswendig lernen mussten, ohne Fragen stellen zu dürfen. In ihren Augen hat das nichts zu tun mit „demokratischer, kinderzugewandter Erziehung“. Das sei „Gehirnwäsche“. Die Kinder, die heute noch in diese Moschee gingen, erzählten nichts mehr aus dem Gebetshaus.

In Nordrhein-Westfalen und Hessen bewegte sich der VIKZ in den 2000er Jahren mehrfach jenseits der Gesetze. Es ging um illegal betriebene Kinderbetreuung. Das hessische Sozialministerium etwa schloss 2002 und 2005 zwei Schülerwohnheime: Man sah „eine Beeinträchtigung des Kindeswohls unter anderem durch die Gefahr, dass Jugendliche der gesellschaftlichen Integration entzogen und Außenkontakte stark reduziert werden“, so ein Sprecher. Das Ministerium fürchtete vor allem, „dass ein Menschenbild vermittelt wird, das westlichen Wertvorstellungen entgegensteht beziehungsweise diese unterdrückt“. Hessen stützte sich bei der Entscheidung auf die Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann.

Der VIKZ mit seinen rund 300 Moscheegemeinden in Deutschland, darunter 45 in Baden-Württemberg, ist die drittgrößte Organisation türkischer Muslime in Deutschland. Formal bekennt sich der Verband zum Grundgesetz. Doch laut Experten ist er der abgeschottetste und – neben Milli-Görüs – der konservativste. Die religiöse Bildung junger Menschen ist ihm das Wichtigste. Daher unterhält er im Südwesten elf genehmigte Schülerwohnheime. Kinder ab zwölf Jahren besuchen öffentliche Schulen, nachmittags und abends verbringen sie meist im Heim – in einer völlig anderen Welt. Der zuständige Kommunalverband Jugend und Soziales (KVJS) stellt fest: Hinweise auf Kindeswohlgefährdungen aufgrund der konservativen Ausrichtung gebe es bislang nicht. Das werde auch mit Vor-Ort-Besuchen kontrolliert. Das Wohnheim in Leinfelden-Echterdingen sei noch nicht genehmigt. Den CDU-Integrationspolitiker Bernhard Lasotta überzeugt das nicht. „Kinder und Jugendliche werden in einer ultrakonservativen und mittelalterlichen Lebenswelt einzementiert.“ Er fordert eine Neuregelung der Genehmigungspraxis. „Was mit den Kindern tatsächlich passiert, wird vor allem formal und viel zu wenig inhaltlich geprüft.“

Das „Wochenend- und Ferienkonzept“, des VKBI, das unserer Zeitung vorliegt, scheint ihm recht zu geben. Es sieht an Wochenenden und für einwöchige Freizeiten – wenn sich Kinder in ihren Familien erholen sollten – ein Ganztagsarbeitsprogramm von 10 Uhr bis zur Bettruhe um 21.30 Uhr vor. Dazu zählen „Einführung in die Koranrezitation“, „Religionsunterricht“, „Gruppenarbeit“ und selbst nach dem Abendessen noch „Einzelarbeit“.

Und was wird da gelehrt? „Ein stockkonservatives, vom Koran, den Worten und Handlungen des islamischen Propheten Mohammed und von der Scharia als religiöse Norm für jegliches Verhalten geprägtes Weltbild, das eines Tages die Menschen beglückt“, sagt Spuler-Stegemann. Der Verband bestreitet das, wies die Analyse Spuler-Stegemanns für Hessen als „sachlich falsch“ und „tendenziös“ zurück. Heute steht der VIKZ-Vizepräsident Kazim Per nicht mehr für eine Stellungnahme zur Verfügung. Und VKBI-Chef Güclü beschwichtigt: Die Kritik etwa, sein konservativer Islam diskriminiere Frauen, weist er von sich. „Die Frau hat bei uns einen hohen Stellenwert.“

Doch das verfängt nicht bei allen. Als 2016 der VIKZ-Ableger in Ebersbach an der Fils ein Schülerheim bauen wollte, waren die Räte von CDU, SPD und Grünen alle dagegen. „Wir sahen, wie die Mädchen im Wohnheim in Kirchheim kaserniert werden“, sagt die CDU-Fraktionsvorsitzende Brigitte Kreisinger. „So eine Parallelwelt wollten wir hier nicht.“ Dass die Räte in Leinfelden-Echterdingen darüber uneins sind, mache sie fassungslos.

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Erstellt:
11. Dezember 2018, 13:40 Uhr

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