Kostenlose Lebensmittel im Fairteiler

Seit wenigen Wochen gibt es zwei neue Fairteiler im Rems-Murr-Kreis: einen in Backnang und einen in Allmersbach im Tal. Dort kann ein jeder Lebensmittel kostenfrei abgeben und abholen, um so die Lebensmittelverschwendung einzudämmen.

Oberbürgermeister Maximilian Friedrich testet den neuen Fairteiler im Juze in Backnang. Im Hintergrund von links: June Klug und Rebecca Krautter vom Verein Aktion Jugendzentrum. Fotos: Alexander Becher

© Alexander Becher

Oberbürgermeister Maximilian Friedrich testet den neuen Fairteiler im Juze in Backnang. Im Hintergrund von links: June Klug und Rebecca Krautter vom Verein Aktion Jugendzentrum. Fotos: Alexander Becher

Von Anja La Roche

Allmersbach im Tal/Backnang. Heitere Stimmung im Jugendzentrum Backnang: Endlich konnte der neue Fairteiler offiziell eingeweiht werden. Ein Kühlschrank und ein Regal sind befüllt mit jeder Menge Gemüse, Obst, Backwaren und mehr. Und die darf ein jeder völlig kostenfrei abholen; die Adresse lautet Mühlstraße 3. Es handelt sich um gerettete Lebensmittel, die noch zum Verzehr geeignet sind, aber bei den Supermärkten, Bäckereien und Co. in der Tonne landen würden. Und auch in Allmersbach im Tal sagen viele Leute der Lebensmittelverschwendung den Kampf an: Dort befinden sich ebenfalls seit Kurzem ein Kühlschrank, mehrere Regale und eine Gefriertruhe in einer Garage hinter dem Jugendhaus in der Backnanger Straße 16.

Die Betreiber der sogenannten Fairteilers (gesprochen: Verteiler) freuen sich, wenn möglichst viele Menschen mitmachen und eigene Lebensmittel mitbringen, die sie selbst nicht mehr verbrauchen können, oder sich an den eingestellten Nahrungsmitteln bedienen und damit einen Teil zur Müllvermeidung beitragen. Zu beachten sind die Öffnungszeiten und Regeln (siehe Infotext). Wer ein grundsätzliches Interesse hat, kann auch den Whatsapp-Gruppen beitreten. Dort wird mitunter kommuniziert, was gerade alles im Fairteiler zu haben ist oder wer etwas zum Abholen vor seine Haustür gestellt hat (siehe Anhang).

Im Rems-Murr-Kreis gibt es nun zehn Fairteiler und 50 Kooperationen

Die Fairteiler werden lokal organisiert, aber hinter ihrem Konzept steht die Initiative Foodsharing (zu deutsch: Lebensmittel teilen). Die Initiative ist seit sieben Jahren im Rems-Murr-Kreis aktiv. „Wir wachsen massiv“, freut sich Dirk Schäfer vom Verein. Das Ziel sei, Müll zu vermeiden und einen bewussteren Umgang mit Nahrungsmitteln in der Bevölkerung zu etablieren. „Es kann nicht sein, dass ein Drittel der Lebensmittel weggeworfen wird“, sagt Schäfer. Inzwischen existieren schon zehn Fairteiler und kooperieren 50 Betriebe im Kreis – weitere Betriebe werden dringend gesucht.

So kam es auch, dass Jutta Schnell aus Allmersbach und Leonore Peltier aus Backnang von der Initiative hörten. Beide ließen sich zu sogenannten Foodsaverinnen ausbilden (zu deutsch: Lebensmittelretterinnen). Mit einer Hygieneschulung, einem Wissenstest rund um die Haltbarkeit, den Transport und die Aufbewahrung von Nahrungsmitteln und einer Einweisung von erfahrenen Rettern können sie nun Essen aus Lebensmittelläden retten.

Der Fairteiler im Juze.

© Alexander Becher

Der Fairteiler im Juze.

„Ich reinige die entsprechenden Transportbehälter vorab“, erklärt Schnell das Vorgehen. Dann fahre sie zu einem der teilnehmenden Geschäfte, sortiere die Lebensmittel aus, die nicht mehr verzehrt werden können, und nehme die restlichen mit, um sie weiterzugeben. Zum Beispiel schmeißen die Betriebe Nektarinen weg, wenn auch nur eine im Netz faulig ist. Die Retterinnen sortieren die schlechte Frucht aus und nehmen die guten Früchte mit. Das kann mal nur fünf Minuten dauern, mal über eine Stunde – je nachdem, wie viele Lebensmittel auf sie warten und wie viel der Laden bereits vorsortiert hat. Diese Arbeit leisten sie ehrenamtlich.

Weil es zu viele gerettete Lebensmittel wurden, um sie privat zu verteilen, setzten sich Jutta Schnell und Leonore Peltier jeweils für einen zentralen Vergabeplatz in ihrer Gemeinde ein. In Allmersbach war Unterstützung schnell gefunden: Der Gemeinderat bewilligte, dass die Verwaltung sich darum kümmert. Einen geeigneten Standort zu finden war laut Bürgermeisterin Patrizia Rall nicht einfach, doch im Sommer wurde die Garage frei. Die Kosten für alles inklusive der Ausstattung lagen bei knapp 3600 Euro. „Eine große tolle Gemeinschaft steckt hinter dem Fairteiler, die sehr rührig ist und sich um die ganze Abwicklung kümmert“, freut sich Rall.

Der Verein Aktion Jugendzentrum hat den Fairteiler blitzschnell organisiert

In Backnang gestaltete sich der Prozess etwas schwieriger. Nachdem Peltier 2022 bei der Stadtverwaltung zunächst keine Unterstützung fand, wurde sie anderthalb Jahre später beim Verein Aktion Jugendzentrum fündig. In kurzer Zeit beschaffte der Verein die Ausstattung und gründete sogar einen Arbeitskreis. Dabei konnte fast alles mit Spenden finanziert werden. Die Vereinsmitglieder hoffen nun, dass sich auch ältere Personen eingeladen fühlen, den Fairteiler im Juze zu nutzen. Oberbürgermeister Maximilian Friedrich zeigt sich bei der Eröffnung überzeugt von dem Konzept. „Wir wollen dabei unterstützen, auf dieses Angebot aufmerksam zu machen, und finden das ganz toll“, sagt er.

June und Gupala Klug übernehmen nun die Verantwortung für den Fairteiler im Juze. In Allmersbach machen das Charlotte Mandich und Sabine Killian. Im Endeffekt stehen aber ganze Teams an ehrenamtlichen Helfern hinter einem Fairteiler. In Allmersbach zählt das Team 13 Leute und im Juze fünf. Sie sprechen sich ab, wer tagtäglich nach den Regalen und Kühlschränken schaut, sie den Hygienevorschriften gemäß reinigt und die Kühlschranktemperatur überprüft. Das alles müssen sie dokumentieren und zwei Jahre lang aufheben.

Dabei liegt den Ehrenamtlichen eines am Herzen: Jeder, der sich bei den öffentlich zugänglichen Regalen und Kühlschränken bedient, soll im Zweifel leere Kartonagen oder fauliges Gemüse entsorgen. „Es wäre schön, wenn jeder Retter die Augen offen hält“, sagt Jutta Schnell.

Weitere Fairteiler sind geplant

Zudem wollen die Lebensmittelretter mit einem weit verbreiteten Vorbehalt aufräumen. Das gerettete Essen würde nämlich nicht, wie oftmals angenommen, bedürftigen Menschen weggenommen. „Es gibt eine eindeutige Reihenfolge: Erst kommt die Tafel, dann kommen wir“, versichert Dirk Schäfer. Dazu habe Foodsharing sogar einen Vertrag mit den Tafeln geschlossen.

In den kommenden Jahren sollen weitere Fairteiler in der Region etabliert werden. Seit einem Jahr wird bereits nach einem Standort in Backnang-Maubach gesucht – möglichst zentral und gut zu erreichen sollte der sein. OB Friedrich kündigt an, dass sich auch die Stadtverwaltung für weitere Standorte einsetzen werde.

Hier gelangt man zu der Whatsapp-Gruppe Foodsharing Backnang.

Hier gelangt man zu der Whatsapp-Gruppe Lebensmittel retten Allmersbach.

Die Regeln fürs Essenabgeben und -abholen

Öffnungszeiten Der Fairteiler in Allmersbach ist rund um die Uhr geöffnet, der in Backnang wie folgt:

Mo. bis Do. 20 bis 24 Uhr

Fr. bis Sa. 20 bis 1 Uhr

So. 19 bis 24 Uhr, aber es ist ab 17 Uhr jemand da.

Kontrolle Jeder soll die Lebensmittel überprüfen. Die Devise: Nur teilen, was man selbst essen würde.

Abgelaufenes Datum Das Mindesthaltbarkeitsdatum darf überschritten werden, Lebensmittel mit abgelaufenem Verbrauchsdatum dürfen nicht in den Fairteiler.

Beispiele Erlaubt sind etwa Brot und Brötchen, Obst und Gemüse, Milchprodukte und Trockenware. Nicht erlaubt sind unter anderem Alkohol und Energydrinks, Hackfleisch und roher Fisch, selbst gesammelte Pilze sowie Rohmilch und Roheiprodukte.

Mehr Infos Die weiteren Regeln hängen ausgedruckt an den Fairteilern. Außerdem stehen jede Menge Informationen auf der Website www.foodsharing.de. Dort findet man auch alle Standorte der Fairteiler.

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Erstellt:
8. Dezember 2023, 06:00 Uhr

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