Kliniken: Platz, aber wenig Personal für Corona-Patienten

dpa/lsw Stuttgart. Die Corona-Zahlen steigen, die Kliniken im Südwesten behandeln wieder mehr Intensivfälle. Das zwingt sie mitunter zum Umplanen, auch aus Mangel an Fachpersonal. Aus der ersten Welle im Frühjahr haben die Krankenhäuser gelernt - doch haben es die Patienten auch?

Jens Spahn (CDU), Gesundheitsminister, spricht bei einer Pressekonferenz. Foto: Michael Sohn/AP Pool/dpa/Archivbild

Jens Spahn (CDU), Gesundheitsminister, spricht bei einer Pressekonferenz. Foto: Michael Sohn/AP Pool/dpa/Archivbild

Trotz steigender Corona-Zahlen und einem Teil-Lockdown müssen Patienten im Moment keine Angst haben, dass Kliniken im Südwesten wegen Überfüllung oder Engpässen schließen. Es gebe auch noch keinen Hinweis auf einen Aufnahmestopp, sagte eine Sprecherin der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) am Montag in Stuttgart. Den müsse Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) anordnen. Schon allein um Geld zu verdienen, operierten die Ärzte beispielsweise in der Regel auch weiterhin bei theoretisch aufschiebbaren Eingriffen. Nichtsdestotrotz haben viele Einrichtungen Besuchsregeln verschärft und schränken Kontakte auf das Nötigste ein.

Von mehr als 3000 Intensivbetten seien rund 800 frei, so die Sprecherin. Hinzu komme eine Notfallreserve von 1746 Betten, die innerhalb einer Woche aufgestellt werden könnten. Von den belegten Betten würden nur 245 für Corona-Patienten genutzt. Insgesamt - also auch auf anderen Stationen - wurden nach Angaben vom Montag etwa 1100 Corona-Infizierte in den Krankenhäusern im Land behandelt.

Die BWKG fordert von der Politik Sicherheit und Flexibilität bei Finanzen und Personal. „Die Versorgung einer steigenden Anzahl an Covid-19-Patienten ist eine absolute Ausnahme- und Notfallsituation“, sagte BWKG-Vorstandschef Detlef Piepenburg laut Mitteilung. „Sie darf nicht von Personalvorgaben behindert oder sogar verhindert werden, die für den Alltagsbetrieb der Krankenhäuser gemacht wurden.“

So müsse die Regierung etwa Personaluntergrenzen wieder aussetzen, damit Krankenschwestern und Pfleger auf anderen Stationen eingesetzt werden können. Wenn dann dort die Behandlung eingeschränkt werde, um Personal für schwer kranke Covid-19-Patienten auf anderen Stationen zu haben, sollte es auch eine finanzielle Sicherheit geben.

Ein Sprecher des Universitätsklinikums Mannheim beispielsweise betonte, die Belastung im Intensiv-Bereich sei grundsätzlich immer hoch, weil es in ganz Deutschland nicht genügend hochqualifizierte Intensiv-Pflegekräfte gebe. Pandemiebedingt falle derzeit aber nichts aus, die Intensivstationen könnten weitgehend normal betrieben werden. 31 Patienten mit gesicherter Sars-CoV-2-Infektion behandelt das Klinikum im Moment, davon 16 intensivmedizinisch. Von Tag zu Tag würden Operationskapazitäten angepasst. „Aktuell finden noch nahezu alle Eingriffe wie geplant statt“, so der Sprecher. Nur einige absolut zeitunkritische Operationen würden verschoben.

Auch ein Sprecher des Klinikverbunds Südwest mit Standorten unter anderem im Calw und Böblingen verwies auf den Fachkräftemangel: „Mehr als die technische Einrichtung ist der limitierende Faktor aber immer das für solche Einheiten benötigte, hochqualifizierte Fachpersonal.“ Weil Personal umgeschichtet werde, müssten manche OPs verschoben werden. „Bereits jetzt fahren wir täglich auf Sicht.“

Hinzu kommen Mitarbeiter, die vor allem als Kontaktperson oder wegen einer Infektion in Quarantäne müssen - allein im Oktober seien das im Verbund rund 80 gewesen. „Das entspricht über 300 Schichten, deren Kompensation ein immenser Kraftakt für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darstellt“, so der Sprecher. Auf Intensivstationen liegen 11 von 64 Covid-19-Patienten. Von 70 Intensivbetten seien rund zehn Prozent frei. „Allerdings sind diese Zahlen immer Momentaufnahmen und viel gewichtiger als die tagesaktuelle Meldung freier Intensivkapazitäten ist vielmehr, unter welchen Voraussetzungen die Kliniken weitere Kapazitäten freibekommen können.“

Zur Finanzierung zählt für die BWKG auch, dass die Krankenkassen dauerhaft Rechnungen der Kliniken innerhalb von fünf Tagen bezahlen müssen. „Die bisher vorgesehene Begrenzung dieser Regelung auf das Jahr 2020 muss gestrichen werden“, heißt es in einem Papier der BWKG. Piepenburg erläuterte: „Damit sich die Krankenhäuser auf die Versorgung der Covid-19-Patienten konzentrieren können, muss ihre Liquidität zu jedem Zeitpunkt sichergestellt sein.“ Rettungsschirme auch für Reha-Kliniken und Pflegeeinrichtungen sollten für die Dauer der Pandemie gesichert werden, mindestens aber bis Ende März 2021.

Spahn hatte am Sonntagabend im ZDF auf eine gesetzliche Regelung verwiesen, die sicherstelle, dass es keine wirtschaftlichen Nachteile für Krankenhäuser gebe und alle Defizite auch im letzten Quartal 2020 ausgeglichen würden. „Wo wir nachsteuern müssen, werden wir nachsteuern“, sagte er. Jedes Krankenhaus solle sich in der Pandemie darauf verlassen können, keine wirtschaftlichen Nachteile zu haben.

Im Frühjahr hatten viele Patienten mit anderen Erkrankungen als Corona häufig aus Angst vor einer Infektion einen großen Bogen um Krankenhäuser gemacht. Dafür gebe es auch heute keinen Grund, betonte die BWKG-Sprecherin. „Wir hoffen, dass das eine Lehre aus der ersten Welle war.“ Die Kliniken seien gut vorbereitet. Zum Beispiel gebe es getrennte Wege für Corona-Verdachtsfälle. Wer etwa Symptome eines Schlaganfalls oder Herzinfarkts habe, müsse ebenso wie Kinder mit schwerem Magen-Darm-Infekt unbedingt im Krankenhaus behandelt werden. Erkrankte oder Angehörige könnten auch über die Telefonnummern 112 oder 116 117 Experten zurate ziehen, welche Hilfe richtig ist.

Der Sprecher des Uniklinikums Mannheim teilte dazu mit: „Im Gegensatz zum Beginn der Pandemie können wir seit dem Frühsommer alle Patienten vor ihrer geplanten Aufnahme auf Sars-CoV-2 testen.“ Infektiöse könnten so von anderen Patienten getrennt werden, was die Sicherheit der Patienten und Mitarbeiter erhöhe. „Wir haben den Eindruck, dass diese Maßnahmen und die zunehmende Information der Bevölkerung dazu geführt haben, dass aktuell weniger Menschen aus Angst vor einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus eine eigentlich dringende Behandlung hinausschieben als noch im Frühjahr.“

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Erstellt:
2. November 2020, 14:55 Uhr

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