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Helmholtz-Zentrum erforscht Durchseuchungsgrad der Deutschen

dpa/lsw Reutlingen. Das Wissen um die tatsächliche Verbreitung des Coronavirus könnte den Umgang mit der Pandemie erleichtern. Das Helmholtz-Zentrum startet eine deutschlandweite Antikörper-Studie - und beginnt im Südwesten.

Ein Wattestäbchen mit einem Abstrich wird im Labor für einen Corona-Test verarbeitet. Foto: Oliver Berg/dpa/Symbolbild

Ein Wattestäbchen mit einem Abstrich wird im Labor für einen Corona-Test verarbeitet. Foto: Oliver Berg/dpa/Symbolbild

Im Kreis Reutlingen startet das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) eine bundesweite und langfristig angelegte Antikörperstudie. Am Mittwoch geht das Testzentrum auf einem ehemaligen Paketpostgelände in der Stadt in Betrieb. „Wir wollen besser verstehen, mit welcher Geschwindigkeit sich das Coronavirus verbreitet, welche Bevölkerungsgruppen betroffen sind und wie viele wahrscheinlich immun sind“, sagte Studienleiter Gérard Krause der Deutschen Presse-Agentur. Seinen Angaben nach handelt es sich um die bisher größte Antikörperstudie in Deutschland.

Wissenschaftliche Daten deuten darauf hin, dass viele Covid-19-Fälle so milde verlaufen, dass sie nicht erkannt werden. Die Infizierten entwickeln aber Antikörper und gelten nach bisheriger Kenntnis als immun gegen das Virus. Das Wissen um die sogenannte Durchseuchung der Gesellschaft könnte daher eine wichtige Entscheidungsgrundlage im künftigen Umgang mit der Pandemie sein.

Im Kreis Reutlingen sollen innerhalb von zunächst vier Wochen 2500 Menschen auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 getestet werden. Sie werden über das Einwohnermeldeamt nach dem Zufallsprinzip angeschrieben und eingeladen. Eine zweite Erhebung ist für den Herbst oder Winter vorgesehen.

Genauso will das HZI in etwa acht weiteren deutschen Kommunen vorgehen. Die unterschiedlichen Testorte und Testzeitpunkte sollen eine verlässliche Übertragung der Ergebnisse auf die gesamte Bundesbevölkerung ermöglichen. Herausfinden wollen die Forscher unter anderem, inwieweit die Anzahl jener Menschen mit Antikörpern mit der Zahl der gemeldeten Infektionsfälle übereinstimmt.

Neben Alter und Geschlecht sollen beispielsweise auch Berufsgruppen und Vorerkrankungen der Probanden abgefragt werden. „Wir hoffen, in Zukunft Daten von zigtausenden Probanden zu haben“, so Krause.

Unabhängig von der Helmholtz-Studie bieten bereits seit einiger Zeit verschiedene Einrichtungen Antikörpertests für Interessierte in Deutschland an. Das Tübinger Humangenetik-Labor CeGaT etwa bietet seit Anfang Mai Antikörpertests in der Universitätsstadt an. Weitere Teststandorte in Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, Dachau, Frankfurt und Stuttgart folgten. Zudem können Menschen von überall Testkits bei der Firma bestellen, sich bei ihrem Hausarzt Blut abnehmen lassen und die Probe zur Auswertung zurück an CeGaT senden.

Das Unternehmen aktualisiert die Ergebnisübersicht wöchentlich. Zuletzt wiesen bei 22 555 durchgeführten Tests 6,28 Prozent der Teilnehmer Antikörper gegen das Coronavirus auf. Repräsentativ für eine mögliche Immunität der Gesamtbevölkerung sind diese Zahlen nach Angaben eines Sprechers aber nicht. „Am Anfang kamen Leute, die besonders starke Indizien hatten, eine Covid-19-Infektion durchlaufen zu haben“, sagt Stefan Griesbach, der für Marketing und Vertrieb bei dem Tübinger Unternehmen zuständig ist. Beispielsweise Menschen also, die im Spätwinter Urlaube in Risikogebieten verbracht oder Kontakt zu Infizierten hatten, wegen der zwischenzeitlichen Kapazitätsmängel damals aber nicht auf das Virus getestet wurden.

Nach der ersten Auswertung hatte der Anteil der positiv ausgefallenen Tests bei CeGaT noch bei 8,8 Prozent gelegen. „Wir erwarten, dass mit starker Testnachfrage unsere Positivrate sinkt“, so Griesbach. Zwischenzeitlich haben ihm zufolge vor allem auch kleine Betriebe wie Arztpraxen das Angebot gruppenweise genutzt.

Repräsentative lokale Testreihen könnten Griesbachs Einschätzung nach mehr als nur eine Momentaufnahme sein: Mit Kenntnis des Durchseuchungsgrads der Bevölkerung ließen sich etwa auch Prognosen zur Auslastung des Gesundheitssystems treffen.

Neben der Politik könnten - gerade auch negative - Antikörpertests dem Einzelnen helfen: „Wenn jemand denkt, ich hatte es eh schon, und dann unvorsichtig ist, bringt schon die Information etwas, noch voll gefährdet zu sein“, sagt Griesbach.

Auch der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) möchte wissen, wie es um die lokale Immunität der Bürger in seiner Stadt steht. Parallel zu den örtlichen Tests von CeGaT will er 1000 Tübinger nach dem Zufallsprinzip um Tests bitten - eine Finanzierung dafür gebe es aber noch nicht, teilte die Stadtverwaltung mit.

Eine Laborantin zeigt ein Röhrchen mit einer Blutprobe für einen Corona-Antikörper-Test. Foto: Marijan Murat/dpa

Eine Laborantin zeigt ein Röhrchen mit einer Blutprobe für einen Corona-Antikörper-Test. Foto: Marijan Murat/dpa

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Erstellt:
26. Juni 2020, 06:22 Uhr

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