Kreis zahlt am Milliardenprojekt mit

Zehn Jahre lang sind bis zu zwei Millionen Euro jährlich für neue Züge erforderlich – Digitale Technik soll Zugfolge beschleunigen

Eine neue Investitionsrunde steht bei der S-Bahn bevor: Über eine Milliarde Euro wollen Bund, Bahn, Land und Region aufbringen, um für mehr Verlässlichkeit auf der Schiene zu sorgen. Der Landkreis finanziert das Vorhaben mit.

Die S-Bahn soll wieder pünktlicher werden. Dazu ist der Einsatz zusätzlicher Fahrzeuge und neuer Technik geplant. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Die S-Bahn soll wieder pünktlicher werden. Dazu ist der Einsatz zusätzlicher Fahrzeuge und neuer Technik geplant. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

WAIBLINGEN. Große Veränderungen spielen sich derzeit im öffentlichen Nahverkehr ab. Landrat Richard Sigel nennt die Neuerungen gar historisch. Sie betreffen den Busverkehr ebenso wie die S-Bahn. Eine zentrale Umstellung passiert zum 1. April: die Tarifzonenreform im VVS, bei der aus 52 Zonen fünf Ringe werden – und das sollen die Bürger ganz konkret als Entlastung im Geldbeutel spüren.

Im öffentlichen Nahverkehr gibt es bei allen Verbesserungen aber auch eine Kehrseite: Die S-Bahn wird zunehmend von Problemen gebeutelt. Die Fahrgastzahlen gehen durch die Decke. Pro Tag sind heute 435000 Menschen mit der S-Bahn in der Region Stuttgart unterwegs. Das sind schon jetzt deutlich mehr als die 410000, die eigentlich erst für 2025 prognostiziert waren. Zum Vergleich: Im Jahr 2005 wurden nur 315000 Fahrgäste pro Tag gezählt. Anders gerechnet ergibt sich, dass die Zahl der Fahrten pro Jahr in den vergangenen zehn Jahren von 102 auf 127 Millionen gestiegen ist.

Für den Ansturm gibt es verschiedene Ursachen. Sicherlich spielen vermehrte Jobticket-Angebote eine Rolle, ebenso die Feinstaubthematik und Fahrverbote. Und es kommt eins zum andern. Weil mehr Menschen mit der S-Bahn fahren, werden längere Züge eingesetzt und die Takte verdichtet. Weil das Angebot also ausgeweitet wird und damit die Attraktivität zunimmt, steigen wiederum mehr Menschen auf die S-Bahn um. Und weil schließlich sehr viele Menschen unterwegs sind, kommt es vor allem auf der Stammstrecke in Stuttgart zu Staus an den Stationen beim Ein- und Aussteigen und folglich zu Haltezeitüberschreitungen. Die vielen Baustellen tun das ihre dazu. Folge von alledem: S-Bahnen sind nicht pünktlich, Fahrgäste verpassen Anschlüsse, kommen zu spät zur Arbeit, in die Schule, zu Vorlesungen oder Behördenterminen. Ärger ist vorprogrammiert. Dieses Problem will der Verband Region Stuttgart, der für den S-Bahn-Verkehr zuständig ist, in Angriff nehmen. Maßnahmen sind umso dringlicher, als ein weiterer Anstieg der Fahrgastzahlen zu erwarten ist und das Angebot weiter ausgebaut werden soll. Der am nächsten liegende Ansatz wäre, wie Martin Beyer vom VRS unlängst im Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistags erläuterte, die Infrastruktur auszubauen: zusätzliche Außenbahnsteige anzulegen oder eine zweite Stammstrecke zu bauen. Technische Gründe und die Frage der Finanzierbarkeit stehen dem jedoch entgegen.

Ein anderer Ansatz wäre, die vorhandene Infrastruktur besser zu nutzen. Doch auch da kommen die Planer nicht weiter, weil die Potenziale ausgeschöpft sind oder aber die vorhandene Signaltechnik nicht mehr hergibt.

Bliebe noch der dritte Weg: eine neue Technik, die den Betrieb zu beschleunigen vermag. Die Zauberformel heißt ETCS, eine Abkürzung, die für European Train Control System steht. Diese digitalisierte Leit- und Sicherungstechnik erlaubt in Verbindung mit teilautomatisiertem Fahren eine raschere Zugfolge auf der Stammstrecke. Die gewonnenen Sekunden summieren sich so, dass – so die Hoffnung – die S-Bahn dereinst wieder pünktlich fahren kann.

Um die Ziele – Ausbau des Angebots einerseits und Beschleunigung andererseits – zu erreichen, sollen in den nächsten Jahren 58 neue S-Bahn-Fahrzeuge beschafft und alle 215 Züge mit der neuen Technik ausgestattet werden. Die Kosten sind enorm. Allein die neuen Züge kommen auf 422 Millionen Euro. Das ETCS kostet zusammen mit einem neuen Stellwerk rund 600 Millionen Euro.

Bahn, Bund und Land finanzieren Infrastruktur zur Beschleunigung

Finanziert wird das Milliardenprogramm größtenteils vom Bund und der Bahn, teilweise auch vom Land. Aber es bleibt an der Region Stuttgart immer noch ein erklecklicher Batzen für den Kauf der neuen Züge hängen, und den müssen die Verbundlandkreise mitfinanzieren. Für den Rems-Murr-Kreis bedeutet dies im Zeitraum von 2021 bis 2031 einen jährlichen Beitrag von voraussichtlich 1,85 bis 2 Millionen Euro.

„Besser spät als nie“, kommentierte Christoph Jäger (CDU) im Ausschuss die jetzt ins Rollen gekommenen Planungen. Das neue System dürfe aber nicht zulasten der Sicherheit gehen, warnte er. „Ich kann nur hoffen, dass es funktioniert“, hob auch Klaus Riedel (SPD) einen mahnenden Zeigefinger. Während Verkehrsdezernent Peter Zaar in dem Vorhaben, das in Verbindung mit dem S-21-Großprojekt realisiert werden soll, eine Riesenchance sieht, legte Jochen Haußmann (FDP/FW) den Finger auf einen anderen Punkt: Er wünschte sich nämlich mit Blick auf kritische S-Bahn-Stationen mehr Elan in puncto Barrierefreiheit.

Willy Härtner (Grüne) nutzte die Gelegenheit, um seinen Kropf wegen des Busverkehrs in und um Backnang zu leeren: „Ich ärgere mich jeden Tag.“ Nur an einzelnen Tagen seit der Umstellung zu Jahresbeginn habe er mit der Linie aus Richtung Aspach den Anschluss zur S-Bahn geschafft. Da gebe es eine ganze Menge nachzusteuern, meldete er an. „Es ging etwas holprig los“, räumte Landrat Richard Sigel ein und verwies auf laufende Anstrengungen, die Mängel zu beheben. In Backnang sei der Großteil der Probleme inzwischen gelöst, beschwichtigte Zaar. Es sei aber ein „organisatorischer Wahnsinn“ gewesen, praktisch jeden dritten Bus im Kreis neu zu organisieren.

Zum Artikel

Erstellt:
16. März 2019, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Stadt & Kreis

Im Altersheim die große Liebe gefunden

Mutmacher-Geschichten: Gudrun Spillecke und Willi Huiss haben sich vor drei Jahren im Bürgerheim kennen und lieben gelernt. Hausleiterin Bettina Kleinknecht hat die beiden einsamen Herzen verkuppelt. Die anderen Bewohner freuen sich mit ihnen.

Die Fußgängerbrücke an der Bleichwiese überspannt seit 1984 die Murr, das Dach wurde allerdings erst vier Jahre später aufgesetzt. Foto: J. Fiedler
Top

Stadt & Kreis

Keine Rettung für den hölzernen Steg

Von einem Tag auf den anderen hat die Stadt Backnang im Oktober die Fußgängerbrücke an der Bleichwiese gesperrt. Inzwischen ist klar: Der Steg wird nicht mehr geöffnet, denn eine Sanierung lohnt sich nicht. Ob es einen Ersatz geben wird, ist fraglich.