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„Erst am Anfang“: Kretschmann erwartet mehr Infektionen

dpa/lsw Stuttgart/Freiburg. Hotels und Gaststätten bekommen die Maßnahmen zum Coronavirus voll zu spüren. In ihrer Freizeit scheinen sich die Menschen im Südwesten jedoch bislang nicht stark einschränken zu wollen. Regierungschef Winfried Kretschmann: Das ist erst der Anfang der Corona-Ausbreitung.

Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) spricht bei einer Pressekonferenz. Foto: Marijan Murat/dpa/Archivbild

Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) spricht bei einer Pressekonferenz. Foto: Marijan Murat/dpa/Archivbild

Die Zahl der Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus in Baden-Württemberg wird allen Anzeichen nach weiter steigen. Ein Ende ist nach Einschätzung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) noch lange nicht in Sicht. Im Gegenteil, man stehe erst am Anfang der Ausbreitung, sagte Kretschmann am Dienstag in Stuttgart. Ziel sei es weiter, die Ausbreitung zu bremsen. Bislang habe man das gut geschafft. Prognosen zu weiteren Ansteckungszahlen wollte die Regierung zunächst nicht geben.

In Baden-Württemberg sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Dienstag mindestens 232 Menschen mit dem Virus infiziert. Innenminister Thomas Strobl (CDU) sagte, für Menschen unter 50 Jahren und ohne Vorerkrankungen ziehe das neuartige Coronavirus in der Regel keine lebensgefährliche Krankheit nach sich. Es gelte, vor allem ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen zu schützen. Er verstehe die Sorgen, könne manches aber auch nicht nachvollziehen, sagte Strobl. „Für Hamsterkäufe gibt es keine Veranlassung.“

Die Hotels und Gaststätten bekommen die Folgen der Vorsichtsmaßnahmen schon voll zu spüren. Im Durchschnitt lägen die Umsatzeinbußen jetzt bei einem Drittel, sagte Tourismusminister Guido Wolf (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. Kinos und Theater in Baden-Württemberg trotzen dagegen bislang dem neuartigen Coronavirus. Auch ein Spiel des VfB Stuttgart fand vor fast ausverkaufter Kulisse statt.

Wolf geht nach Gesprächen mit der Branche davon aus, dass bei drei von vier Betrieben im Hotel- und Gastgewerbe der Umsatz deutlich zurückgegangen ist. „Wir müssen alles dafür tun, dass aus der Coronakrise keine Wirtschaftskrise im Tourismus wird“, sagte er.

Wolf schloss auch nicht aus, dass Betriebe der Tourismusbranche durch die Krise in Existenzgefahr geraten könnten. Vor allem die Absagen von Messen, Tagungen, Firmenveranstaltungen und Geschäftsreisen führten zu einer enormen Zahl von Stornierungen. In diesem Bereich liege der Rückgang des Buchungsvolumens bei rund 80 Prozent. In den kommenden Tagen wolle die Landesregierung gemeinsam mit der Branche über tragfähige Konzepte beraten. „Allein mit Maßnahmen zu Kurzarbeit wird es dabei nicht getan sein“, sagte Wolf.

Nach Empfehlung von Bundes- und Landesregierung werden Absagen größerer Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern erwartet. Das Nachbar-Bundesland Bayern kündigte an, solche Veranstaltungen zu untersagen, auch Schleswig-Holstein plant entsprechend. Kretschmann sprach am Dienstag nur von einer Empfehlung, Veranstaltung mit mehr als 1000 Menschen abzusagen.

Für Unmut sorgte in der Regierung eine Äußerung des Hauptgeschäftsführers des Landkreistags, Alexis von Komorowski. Dieser hatte den „Stuttgarter Nachrichten“ und der „Stuttgarter Zeitung“ (Dienstag) gesagt: „Wir glauben, dass wir uns die Eindämmungspolitik nicht mehr länger leisten können.“ Die Übertragung lasse sich auch durch einen „Überbietungswettbewerb“ von Einschränkungen kaum mehr aufhalten, stattdessen komme es zu Engpässen bei Schutzausrüstungen und anderen Ressourcen. „Wir laufen auch Gefahr, das Gesundheitswesen und seine Behörden durch diese Eindämmungspolitik komplett lahmzulegen.“

Kretschmann entgegnete, die Landkreise seien in den entsprechenden Gremien vertreten. Wenn es andere Vorschläge oder Kritik gebe, solle sie das dort vorbringen. Aber öffentliche Kritik in einer Krise gehe überhaupt nicht. „Das trägt nur zur Verunsicherung der Bevölkerung (bei) und führt nicht zur Lösung der Probleme.“ Gesundheitsminister Lucha sagte, die Kritik sei fachlich nicht angemessen gewesen.

Von Absagen könnten unter anderem Messen, große Konzerte und der Profifußball betroffen sein. Im Gegensatz zu einzelnen Spielen der Ersten Bundesliga, die vor leeren Rängen ausgetragen werden sollen, fand am Montagabend das Zweitliga-Spitzenspiel des VfB Stuttgart gegen Arminia Bielefeld (1:1) vor Publikum statt. 54 302 Zuschauer sahen das Spiel. Minister Lucha meinte: „Das wird meines Erachtens das letzte Bundesligaspiel in der Größenordnung vor Zuschauern für eine Zeit X gewesen sein.“

Auch bei großen Kinos und Theater gibt es bisher keine Besucherrückgänge zu verzeichnen. Das teilten etwa die Staatstheater in Stuttgart und Karlsruhe, das Theater Heidelberg, das Nationaltheater in Mannheim sowie Kinos in Mannheim und Heidelberg auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Lediglich einzelne Kinos und Theater berichteten, dass Besucher und Abonnenten vereinzelt darum gebeten hätten, ihre Karten zurückzugeben zu können.

In Freiburg bleiben 30 Mitarbeiter des Universitätsklinikums zur Sicherheit vorerst zu Hause. Dort hatte vermutlich ein Besucher einen Patienten mit dem Coronavirus angesteckt. „Wer krank ist oder sich krank fühlt, sollte auf keinen Fall einen Besuch in einem Krankenhaus abstatten“, sagte ein Kliniksprecher. Die 30 Ärzte, Pfleger und anderen Mitarbeiter seien bislang nicht an Covid-19 erkrankt, sagte er. Jetzt soll herausgefunden werden, wer wann mit dem betroffenen Patienten in Kontakt war. Der Patient ist in der Klinik isoliert. Der Betrieb im Krankenhaus ist nicht beeinträchtigt.

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Erstellt:
10. März 2020, 13:42 Uhr

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