Kultur in der einstigen Keimzelle der Stadt

Blick in das Archiv von Peter Wolf: Auf dem Burgberg liegt die historische Urzelle der Stadt Backnang. Heute hat sich der Bereich zu einem Zentrum für Kultur entwickelt.

Das Bandhaus mit dem markanten Jugendstilgiebel um 1912. Links daneben das Helferhaus. Repros: P. Wolf

Das Bandhaus mit dem markanten Jugendstilgiebel um 1912. Links daneben das Helferhaus. Repros: P. Wolf

Von Claudia Ackermann

Backnang. Hoch oben auf einem Muschelkalkfelsen oberhalb einer Murrschleife liegt die Keimzelle der Stadt. Wann eine erste Burg zur Sicherung der kreuzenden Wege und deren Furten über die Murr errichtet wurde, ist völlig unklar, heißt es im Backnang-Lexikon. Spätestens im Verlauf des 11. Jahrhunderts wurde unter den Hessonen eine Burg mit Bergfried gebaut.

Die Stiftskirche auf dem Burgberg nimmt bis heute eine prägende Rolle im Stadtbild ein. Sie vereinigt Elemente unterschiedlicher Bauphasen. Die ältesten Partien des Baus gehen auf eine romanische Kirche zurück. Vermutlich im zweiten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts wurde die reich dotierte Pfarrkirche in Backnang durch Markgraf Hermann von Baden und seine Frau Judith in ein Augustiner-Chorherrenstift umgewandelt. Bis Mitte des 13. Jahrhunderts diente das Backnanger Stift als Grablege der Markgrafen von Baden und ihrer Familien.

Seit 1496 war Petrus Jacobi aus Arlon Propst des Augustiner-Chorherrenstifts in Backnang, das er durch verschiedene Reformen zu einem Zentrum des Humanismus in Süddeutschland machte, heißt es im Backnang-Lexikon weiter. Vom Aufschwung des Stifts unter seiner Leitung zeugen auch der Bau eines spätgotischen Chors mit Sakristei- und Bibliotheksanbau sowie der Einbau einer ersten Orgel in die Stiftskirche. Petrus Jacobi starb am 3. Mai 1509 in Worms und wurde in Backnang begraben. Nach ihm benannte man den Petrus-Jacobi-Weg, der heute am Bandhaus, am Helferhaus und der Galerie der Stadt entlangführt.

Im Jahr 1693 brannte die Kirche fast komplett aus

Im Jahr 1534 wurde die Reformation in Backnang durchgeführt und das Stift aufgelöst. Beim Stadtbrand von 1693 brannte die Kirche fast komplett aus. Während das dreischiffige Langhaus durch den Brand derart in Mitleidenschaft gezogen worden war, dass man es komplett abtragen musste, blieb das Gewölbe des Chors stehen. In den Jahren 1697/98 wurde das Kirchenschiff in Form eines stützenfreien Saalbaus neu aufgebaut. Zur Unterbringung der Gottesdienstbesucher zog man Emporen ein, und die Orgel wurde 1702 auf die Empore im Chor verlegt.

Durch Heinrich Dolmetsch wurde der Innenbereich der Kirche 1895 restauriert und neogotisch umgestaltet. Äußerlich erfolgte 1913/14 eine Neugestaltung des Schiffs durch Theodor Dolmetsch und Felix Schuster in Jugendstilformen. Das Kircheninnere veränderten 1929 die Architekten Werner Klatte und Richard Weigle. Dabei versetzte man die Orgel vom Chor auf die Westempore. Im Rahmen der Arbeiten 1929 erhielten die fünf Fenster des Chorschlusses farbige Glasmalereien mit Szenen zum Leben Christi. Außerdem wurde die Krypta ausgegraben, tiefer gelegt und in neuen Formen rekonstruiert. Darin sind die Überreste der verschiedenen Mitglieder der badischen Markgrafenfamilie untergebracht.

Neben der Stiftskirche auf dem Burgberg befindet sich das Bandhaus. Der Name rührt daher, dass der Keller des Gebäudes schon vom Augustiner-Chorherrenstift als Weinlager genutzt wurde und um die Weinfässer „Bänder“ gebunden waren, so das Backnang-Lexikon. 1583 ist die Rede von einem neu erbauten Kornkasten, unter dem sich das Bandhaus und ein großer Keller befanden. Beim Stadtbrand 1693 wurde das Gebäude zerstört, anschließend wiederaufgebaut und erneut zur Lagerung von Getreide genutzt. Die Stadt Backnang erwarb 1837 das Bandhaus und nutzte es nach einem Umbau als Schule. 1905 erhöhte man das Haus um ein Stockwerk und versah es mit einem markanten Jugendstilgiebel, der 1958/59 bei einem erneuten Umbau wieder entfernt wurde. Das Bandhaus war bis 1992 zusammen mit dem Turmschulhaus der Sitz der Schickhardt-Realschule. Zeitweise diente der uralte Gewölbekeller den Schülern als Fahrradabstellraum.

Mit dem Einzug des Nögge-Atelier-Theaters mit einer Schule für Improvisationstheater und Schauspiel von Frieder Nögge begann 1997 die Nutzung des Gewölbekellers und Bandhauses als kulturelle Stätte. Ab 2003 waren der Keller und das Haus dann Domizil des Traumzeit-Theaters, des Zaubertheaters Pegasus, des Kalanag-Museums, des Zaubercafés, der Varieté-Schule und des Deutschen Zauberzentrums unter Leitung von Michael Holderried. Seit 2013 befindet sich hier das Bandhaus-Theater Backnang, das von den Theaterpädagoginnen Jasmin Meindl und Juliane Putzmann geleitet wird, während die kleine Bühne im Bandhaus von Puppenspieler und Bildhauer Gregor Oehmann genutzt wird. In die restlichen Räume des Bandhauses zog 2012 die Backnanger Jugendmusikschule ein.

Zu dem historischen Gebäudeensemble am Burgberg gehört auch das Helferhaus Das 1583 erstmals erwähnte Kulturdenkmal diente über Jahrhunderte als Wohnhaus des zweiten Stadtpfarrers (Helfer) und Diakonat. Als man nach dem Stadtbrand von 1693 im Oktober die Ruine untersuchte, stieß man auf einen noch brauchbaren Gewölbekeller, heißt es im Stadtkataster. Doch stürzte dieser Keller ein, bevor man das Gebäude 1698 wiederaufbaute. Erst nachträglich, nämlich 1708/09, wurde der Keller, wie er heute noch besteht, wiederhergestellt. In den Jahren 1755/56 erfuhr das Pfarrhaus eine Änderung in der Dachform, indem der vordere Giebel durch einen Halbwalm ersetzt wurde, und um 1807 erhielt der Bau ein rückwärtiges Treppenhaus angebaut. Seine Funktion als Diakonat verlor das Gebäude 1963.

Das Helferhaus kam in den Besitz der Stadt und wurde später dem Backnanger Heimat- und Kunstverein überlassen, der darin 1968 das Museum Helferhaus eröffnete. Heute veranstaltet der Heimat- und Kunstverein in der Galerie im Helferhaus auf zwei Etagen Kunstausstellungen. Im Kabinett werden regelmäßig Ausstellungen mit historischen Fotos gezeigt und im Foyer finden Vorträge, etwa bei der Veranstaltungsreihe „Altstadtstammtisch“, statt. Das städtische Graphik-Kabinett zeigt in wechselnden Ausstellungen Druckgrafiken aus der Backnanger Ernst-Riecker-Stiftung in dem Gebäude im Petrus-Jacobi-Weg 5. Zusammen mit der Städtischen Galerie, die sich im danebengelegenen ehemaligen Turmschulhaus befindet, das auf den Grundmauern der 1122 errichteten Michaelskirche gebaut wurde, ist am Burgberg ein Zentrum für Kultur entstanden.

Die Krypta wurde 1929 ausgegraben. Darin fand man die Überreste verschiedener Mitglieder der badischen Markgrafenfamilie.

Die Krypta wurde 1929 ausgegraben. Darin fand man die Überreste verschiedener Mitglieder der badischen Markgrafenfamilie.

Die Stiftskirche innen vor 1929. Die Orgel befindet sich noch auf der Empore im Chor.

Die Stiftskirche innen vor 1929. Die Orgel befindet sich noch auf der Empore im Chor.

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Erstellt:
27. Juli 2021, 11:30 Uhr

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