Kuriose Geschichten einer Backnanger Taxifahrerin

Die Backnangerin Martina Görlich ist wie ihre beiden Schwestern ins Taxiunternehmen ihrer Eltern eingestiegen. Im Alter von 21 Jahren hat sie ihren Taxischein gemacht, 39 Jahre später liebt sie ihren Beruf nach wie vor. Bei den unzähligen Autofahrten hat sie schon viel erlebt.

Martina Görlich von Taxi Dzieciol kutschiert die Backnanger schon seit fast 40 Jahren von A nach B. Foto: Tobias Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Martina Görlich von Taxi Dzieciol kutschiert die Backnanger schon seit fast 40 Jahren von A nach B. Foto: Tobias Sellmaier

Von Anja La Roche

Backnang. „Meinen ersten Fahrgast werde ich nie vergessen“, sagt Martina Görlich, die seit 39 Jahren in Backnang als Taxifahrerin arbeitet. Er habe einen Hut mit Gamsbart und eine Knickerbocker getragen. Sie stand mit ihrem Auto an der Bleichwiese, gerade einmal 21 Jahre alt und den Taxischein ganz frisch in der Tasche. „Ich habe mir gedacht, du steigst hier bitte nicht ein“, erinnert sich die Backnangerin an ihre Nervosität. Würde sie es schaffen, den ersten Fahrgast zielsicher an seinen Wunschort zu transportieren? Immerhin gab es damals noch keine Navis. Als sie dem Mann erklärte, dass er ihr allererster Fahrgast sei, antwortete der: „Mädle, jetzt sag ich dir mal was. Du fährst und ich sag dir, wo es langgeht.“ Von Martina Görlich fiel die Anspannung ab, der Fahrgast half ihr freundlich dabei, alles richtig zu machen. Eine positive erste Erfahrung, die die Taxifahrerin die vergangenen Jahre immer begleitet hat.

Nach wie vor liebt die inzwischen 60-Jährige ihren Beruf. Schon unzählige Backnanger hat sie in ihrem Auto von A nach B gefahren und ist daher kein unbekanntes Gesicht in der Stadt. Genauso wie ihre beiden Schwestern, von denen eine allerdings inzwischen einem anderen Beruf nachgeht, ihr Mann Franz Görlich und ihr Vater Reinhardt Dzieciol, der das Unternehmen Taxi Dzieciol vor rund 45 Jahren gemeinsam mit seiner Frau gegründet hat. Was Martina Görlich seit ihrem erstem Fahrgast alles erlebt hat, dürfte wohl ein Buch füllen.

Persönliche Gespräche im Taxi

„Wir haben manche Kunden schon seit 39 Jahren, ich kenn deren ganzes Leben und die meins“, erzählt Görlich. Denn auf Autofahrten wird – je nachdem, was der Fahrgast wünscht – eben auch viel geplaudert und viel Privates besprochen. Görlich hat beispielsweise erlebt, wie ihre Kunden Eltern und später Großeltern geworden sind. Manche Mitfahrer teilen mit ihr sehr persönliche Angelegenheiten, zum Beispiel wenn sie sich in einer Lebenskrise befinden. „Es wird vieles beredet, das dann auch im Taxi bleiben soll“, sagt Görlich.

Als Martina Görlich selbst Mutter einer Tochter wurde, ist diese oft, auf dem Kindersitz platziert, mitgefahren. So konnte die Backnangerin auf ihr Kind aufpassen und gleichzeitig arbeiten. „Meine Tochter ist quasi im Taxi groß geworden“, erzählt sie. Besonders ältere Kunden hätten sich darüber gefreut. Das erste Mal gesungen habe ihre Tochter, als eine Frau, die im Chor aktiv war, ihr vorsang und sie dazu animierte.

Das Vertrauen zu einer Fahrgästin geht sogar so weit, dass sie ihren Haustürschlüssel bei den Taxiunternehmern zwischenlagert, falls sie ihren mal wieder vergisst. Es gebe auch Kunden, die ihre Bankkarte und zugehörige PIN mitgeben, damit die Taxifahrerin ihnen Bargeld abheben kann. Görlich schätzt auch zutiefst das Vertrauen, das die Eltern eines Jungen mit schwerer Behinderung aufbringen, welcher jeden Tag von einem der 21 Angestellten des Taxiunternehmens abgeholt wird. Insgesamt liegt der Anteil an Krankenfahrten bei der Firma mittlerweile bei fast 90 Prozent.

Weitere Themen

Zu ihrem Beruf gehören aber auch unangenehme Mitfahrer, auch wenn sie bei Martina Görlich nur selten vorkommen. Dennoch musste sie sich eine harte Schale zulegen. „Wie ich Taxi fahren angefangen habe, habe ich hohe Schuhe und einen Rock getragen“, erzählt sie. Das habe sich aber schnell geändert, zum einen der Bequemlichkeit wegen, zum anderen, um sich unangenehme Kunden vom Hals zu halten. Sie sei mit der Zeit resoluter aufgetreten und habe gelernt, sich Respekt zu verschaffen und auch mal lauter zu werden. „Dann sage ich: Du, horch! Du verhältst dich anständig und wenn du Stress machst, dann fliegst du raus.“ Wenn sich ein Kunde schon vor der Fahrt danebenbenimmt, dann hat sie auch schon Kunden abgelehnt. „Das muss ich mir nicht geben“, sagt Görlich. Ein paarmal rief sie sicherheitshalber ihren Mann an, um ihm mitzuteilen, wo sie sich befindet.

Zum guten Fahrer gehört Empathie

Die vielen schönen Erfahrungen und netten Fahrgäste überwiegen bei der Backnangerin aber bei Weitem. Sie genießt das Autofahren und den Kontakt mit den Menschen. „Man muss innerhalb kürzester Zeit auf die Bedürfnisse des Fahrgasts eingehen“, sagt sie. Dazu gehöre viel Empathie: Will der Fahrgast etwa lieber reden oder schweigen? Martina Görlich hat außerdem eine Menge kurioser Geschichten zu erzählen. So ließ sich einmal ein Mann in ein Bordell bringen, aber nicht aus dem auf der Hand liegenden Grund, sondern weil er so einsam war und etwas Zeit mit einer Frau verbringen wollte. Für Görlich war das eine feine Sache. „Wir haben einen Menschen damit glücklich gemacht.“ Sie habe auch schon ein Gebiss zum Zahnarzt gefahren, einen Hund bei der Polizei abgeholt und einen abgeschnittenen Finger – selbstverständlich eisgekühlt – ins Krankenhaus transportiert.

Dabei hat sich das Taxifahren über die Jahre hinweg enorm verändert. Die Autos bieten nun Stand- und Sitzheizung, Navi, Klimaanlage, Freisprechanlage und mehr; der Beruf ist also in vielerlei Hinsicht komfortabler geworden. Doch nicht alles hat sich zum Besseren gewandelt. „Die Bürokratie und der Datenschutz machen uns inzwischen in unserem Job fertig“, moniert die Backnangerin mit Nachdruck. Ganze freie Tage würden dafür draufgehen.

Mit der Selbstständigkeit einher gehen außerdem die flexiblen Arbeitszeiten – zum Vor- und Nachteil. So saß bei der standesamtlichen Hochzeit von Martina und Franz Görlich ihre Mutter noch im Taxi „und wir mussten mit dem Standesbeamten warten, bis sie da war“. Am Tag der kirchlichen Trauung saß wiederum ihr Mann noch hinterm Steuer – er schaffte es aber gerade noch zum Fototermin vor der Hochzeit.

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Erstellt:
30. Januar 2024, 11:00 Uhr

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