Landwirt wehrt sich gegen Anfeindungen

Jungbauer Dennis Bauer hat an einem Maisacker bei Bartenbach eine Tafel über die Kulturpflanze angebracht, um zu informieren, und vorwurfsvolle Kommentare geerntet. Der 20-Jährige fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Junglandwirt Dennis Bauer ist enttäuscht über die kommentierte Infotafel. Der Maisacker liegt an einem Weg zwischen Sulzbach an der Murr und Murrhardt, der viel von Radlern und Fußgängern genutzt wird. Fotos: U. Gruber

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Junglandwirt Dennis Bauer ist enttäuscht über die kommentierte Infotafel. Der Maisacker liegt an einem Weg zwischen Sulzbach an der Murr und Murrhardt, der viel von Radlern und Fußgängern genutzt wird. Fotos: U. Gruber

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR/MURRHARDT. Dennis Bauer macht ein ganz niedergeschlagenes Gesicht. Er zieht eine wetterfeste Tafel hervor, auf der unter Verwendung von Zahlen des Statistischen Bundesamtes die klimatisch wirksamen Leistungen der Maispflanze beschrieben sind: die enorme CO2-Bindeleistung dieser Kulturpflanze, die große Mengen Sauerstoff freisetze und durch ihre mexikanische Herkunft bestens auf den Klimawandel vorbereitet sei.

Dieses Schild hatte der 20-jährige Junglandwirt an seinem Maisacker neben dem stark von Radlern und Fußgängern frequentierten Feldweg zwischen dem Sulzbacher Teilort Bartenbach und Murrhardt aufgestellt. Stolz wollte er damit aufklären über den Sinn seiner Arbeit. Und weil die hoffnungsvollen Jungpflänzchen auf dem Feld dahinter eventuell für Laien noch nicht als Mais zu erkennen sind, ist auf der Tafel außerdem ein kapitaler Maiskolben abgelichtet.

Grund für seinen Frust war nun, dass die Aussagen auf der Tafel offensichtlich einen Passanten zum Widerspruch angeregt haben und selbiger meinte, diesen sogleich mit einem Kugelschreiber und kräftigem Druck auf der Tafel manifestieren zu müssen: Von Agrarlüge ist da die Rede, von Profitgier und politisch gewolltem Höfesterben, angeprangert wird die Ackernutzung zur Erzeugung von Biosprit und Futtermitteln und die nach Ansicht des Kommentators daraus folgenden Nahrungsmittelimporte in dreistelliger Milliardenhöhe.

„Ich hab’ versucht, das wegzuwischen, aber das geht nicht“, klagt Dennis Bauer, „das ist doch Sachbeschädigung!“ Gerne würde er mit dem Schreiberling über dessen Aussagen diskutieren, die er für pauschalisiert, teilweise falsch und in sich widersprüchlich hält. Der aufgerichtete Maiskolben hatte den Schreiber oder die Schreiberin auch zu einem anzüglichen Kommentar zur angeblich potenzmindernden Nebenwirkung von Pestiziden veranlasst. „Die wissen doch gar nicht, ob hier Pflanzenschutzmittel eingesetzt wurden. Und wenn ja, welche!“

Dennis Bauer nimmt das Ganze sehr persönlich und hat den Vandalismus mit seinen Berufsschulkameraden und Freunden auf Facebook und Instagram geteilt. Dem landwirtschaftlichen Nachwuchs gehen die andauernden Anfeindungen noch mehr an die Nieren als die Agrarpolitik selbst; viele haben darauf keine Lust mehr, selbst wenn sie ihre Arbeit eigentlich gerne machen.

Nicht wenige beteiligen sich deshalb an den großen Schlepper-Demonstrationen. Auch Dennis Bauer war im Winter drei Tage in Berlin dabei, mehrmals in Stuttgart und auch 2020 bei der Blockade des Aldi-Zentrallagers wegen deren Dumpingpreisen. Sein Eindruck ist: „Scheint’s wollen alle die Landwirtschaft in Deutschland abschaffen. Wir sollen hier nur noch Blumenwiesle mähen.“

Familie Bauer bewirtschaftet einen vielseitigen landwirtschaftlichen Betrieb auf den bergigen Höhen zwischen Murrhardt und Mainhardt. Zwangsläufig ist der größte Teil der zugehörigen Betriebsfläche obligates Grünland, welches die Landwirte am besten durch ihre Milchkuhherde verwerten. Zur Energieergänzung des Futters wird auf den wenigen Ackerflächen unter anderem Mais angebaut. Als zusätzliches Standbein hat der Familienbetrieb neben Fotovoltaikanlagen auch zwei Hähnchenmastställe.

In einer kleinen Biogasanlage werden die Rindergülle und der Hühnermist plus Silageabfall zur Stromgewinnung fermentiert. Die anfallende Abwärme wiederum sorgt bei den empfindlichen Küken für wohlige Wärme und spart Heizkosten. Nachhaltigkeit war für die schwäbische Bauernfamilie schon eine Selbstverständlichkeit, lange bevor dieser Begriff in Mode kam. Profitgier? „Natürlich muss sich unsere Arbeit lohnen“, sagt der junge Landwirt, „wir müssen schließlich davon leben.“

Zur Frage, wie das Verhältnis von Nahrungsmittelanbau und Importen einzuschätzen ist, hat Deutschland laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung einen Selbstversorgungsgrad von über 100 Prozent bei den Grundnahrungsmitteln Kartoffeln, Weizen, Fleisch, Zucker und Milch. Um diesen hohen Grad an Selbstversorgung bei pflanzlichen Nahrungsmitteln zu erreichen, genügen 22 Prozent der 16,7 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche Deutschlands. Tatsächlich dienen 60 Prozent der Futtermittelproduktion, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass davon fast die Hälfte Wiesen und Weiden sind, die nur für Viehfutter nutzbar sind. Weit unter dem eigenen Verbrauch liegt dagegen die deutsche Produktion von Obst (rund 22 Prozent Selbstversorgung), Gemüse (37 Prozent) und Honig (30 Prozent). Auch Eier sind ein Nettoimportprodukt (72 Prozent).

Was die Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe zum Anbau von Mais als Biokraftstoff sagt? Auf knapp 2,6 Millionen Hektar, also rund 15 Prozent der deutschen Landwirtschaftsfläche, werden nachwachsende Rohstoffe angebaut. Neben technischen Rohstoffen für die Industrie dienen diese in erster Linie der klimafreundlichen Energiegewinnung. 30 Prozent werden explizit als Treibstoff(-beimischung) verwendet (E10, B7) und stellen dennoch 89 Prozent der erneuerbaren Energie auf diesem Sektor. 60 Prozent dagegen werden über Biogas in Strom und Wärme verwandelt. Hauptanbaukultur hierfür ist der Mais (64 Prozent), der dadurch regional das Landschaftsbild prägt. Mit seinem Kumpel Philipp Trinkle (16), einem Landwirtssohn aus dem Nachbarort, will Dennis Bauer weitere Tafeln anschaffen und aufstellen, zum Beispiel neben seinen Wiesen: „Ich glaube, manche Leute verstehen gar nicht, dass das Futter für die Kühe ist. Die entsorgen da ihren Müll oder lassen ihre Hundehaufen liegen.“

Immer wieder müsse er beim Mähen vom Schlepper steigen und Glasscherben oder Plastikteile einsammeln. „Am schlimmsten sind Getränkedosen. Die werden vom Mähwerk in messerscharfe Teile zerschnitten.“ Für eine Kuh, die artgemäß ihr Futter ziemlich rasch hinunterschlingt, könne dies tödlich enden. Noch ist Dennis Bauer unschlüssig, was er nun mit der besudelten Maistafel anfangen soll: „Vielleicht sollte ich eine leere Tafel danebenhängen, wo jeder seine Ansicht äußern kann?“ Aufgeben will er vorerst jedenfalls nicht.

Mais braucht weniger Wasser als mitteleuropäische Getreidesorten

Kulturmais war und ist Hauptnahrungsmittel der indianischen Urbevölkerung im Hochland von Mexiko. Unter der heißen Höhensonne hat diese Grasart einen Stoffwechsel entwickelt, der mit deutlich weniger Wasser als mitteleuropäische Getreidesorten hocheffizient Kohlendioxid (CO2) in Stärke umwandelt. Damit ist Mais auch bestens gewappnet für den Klimawandel.

Die Jungpflanze der später bis drei Meter hohen Art reagiert sehr sensibel auf Konkurrenz, eine Unkrautbekämpfung ist daher unverzichtbar, sei es durch Hacken oder Chemie. Darüber hinaus kommen Pflanzenschutzmittel außer als Beizung üblicherweise nicht zum Einsatz.

Dass Maisanbau dennoch ein rotes Tuch für viele Umweltschützer ist, liegt einerseits an seiner Selbstverträglichkeit, sprich es reichern sich keine spezifischen Krankheiten im Boden an, und die Kultur kann Jahr für Jahr auf derselben (großen) Fläche angebaut werden. Die berüchtigte Monokultur entsteht mit negativen Folgen für die Artenvielfalt. Andererseits reizt der große Nährstoffhunger zur Überdüngung, überschüssige Düngermengen landen dann fatalerweise im Grundwasser. Außerdem bietet der blanke Boden zwischen den weit gestellten Pflanzen eine unerwünschte Angriffsfläche für Erosion, zum Beispiel bei Gewitterregen. In den USA ist zudem 85 Prozent des Maisanbaus gentechnisch verändert.

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Erstellt:
9. Juli 2021, 06:00 Uhr

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