Produkt-Hoheiten im Südwesten

Lang lebe die Königin – beim Agraradel haben Männer keine Chance

Sie repräsentieren Wein, Spargel oder Wald: Junge Frauen werben für Produkte aus Baden-Württemberg. Nur eine Frage stellt sich immer lauter: Wann gibt es endlich auch Könige?

Die badische Weinkönigin macht sich im Weinberg nützlich, aber auch Streuobstwiesen haben längst monarchische Gesichter.

© -/Deutsches Weininstitut//dpa

Die badische Weinkönigin macht sich im Weinberg nützlich, aber auch Streuobstwiesen haben längst monarchische Gesichter.

Von Eberhard Wein

Krönchen, Schärpe, Trachtenkleid – wenn es um die Vermarktung geht, setzen landwirtschaftliche Verbände und regionale Organisationen ganz auf den Dreiklang dieser adligen Insignien. Ob Käse, Spargel oder Wein – kaum ein traditionelles Produkt in Baden-Württemberg, das nicht mit einer eigenen Monarchin beworben wird.

Anfangs ging es vor allem darum, ein schönes Gesicht für das eigene Produkt zu gewinnen. Manche Kür glich einer Misswahl. Heute ist Fachwissen und professionelles Auftreten gefragt. Nur eins hat sich noch nicht so recht geändert: der Job ist eindeutig Frauensache. Allerdings hat ein erstes Umdenken begonnen, wie ein Blick auf die Königinnen im Land verrät. Welche Königin hat das größte Reich, bei welchem Amt lockt die weiteste Reise? Und vor allem: wo haben Männer vielleicht doch eine Chance?

Zwei Weinköniginnen und diplomatische Konflikte

Die Weinkönigin ist die Mutter der adligen Repräsentanten und natürlich gibt es in Baden-Württemberg zwei davon: Seit 60 Jahren wird in Württemberg eine Weinkönigin gewählt, das badische Pendant gibt es sogar schon seit 75 Jahren. Gegenwärtig amtieren Natalie Schäfter (24) aus Bretzfeld, eine Wengertertochter mit Physik-Abschluss, und Tina Glurr (23) aus Müllheim, die ihre Leidenschaft für den Wein als Aushilfe in einer Winzergenossenschaft entdeckt hat. Die Reiche, die sie repräsentieren, sind groß: 11300 Hektar Rebfläche sind es in Württemberg, 15500 Hektar in Baden. Diplomatische Verwicklungen gab es 2019, als eine junge Dame dem badischen Eppingen württembergische Weinkönigin wurde. Doch das hatte seine Richtigkeit: sie stammte aus dem einzigen württembergischen Teilort Kleingartach. In Württemberg dürfen sich seit kurzem übrigens auch Männer bewerben, ganz nach oben schafften sie es bisher aber nicht.

Vor der Krönung geht es zum Spargel-OB

Vom Wein ist es zum Spargel nicht weit. In Schwetzingen geht die Spargelkönigin Emilia Manzano zum Spargelanstich dieser Tage schon in ihre zweite zweijährige Amtszeit. Ihr Reich ist klein und umfasst nur sieben Hektar. Traditionell wird das Amt an ein Mitglied der drei Familienbetriebe vergeben, die dort den Spargel stechen. Emilia stammt vom Neurotthof im Schwetzinger Norden, ihr war es somit in die Wiege gelegt. „Du wirst einmal Spargelkönigin“ habe ihr als kleines Mädchen schon die Oma prophezeit. Ehe es soweit war, musste sie das Vorstellungsgespräch beim Oberbürgermeister absolvieren. Ausstattung und Auslagen gibt es von der Stadt.

Braunviehkönigin als Kleinmädchentraum

Schon als kleines Mädchen hat Lisa-Marie Renz auf dem elterlichen Hof in Unterweiler bei Ulm viel Zeit im Stall verbracht. „Schon damals habe ich gesagt, dass, wenn ich alt genug bin, ich auch für dieses Amt kandidieren werde.“ Jetzt ist die pharmazeutisch-technische Assistentin die baden-württembergische Braunviehkönigin. Besonderes Highlight ihrer Amtszeit, die noch bis zum Oktober dauert, war der Besuch bei der Weltbraunviehkonferenz in Bogotá, Kolumbien. Einen Braunviehkönig gibt es bisher nicht, aber das sei durchaus umstritten, räumt Alfred Heinzler von der Rinderunion mit Sitz in Bad Waldsee ein. „Einige Landwirtinnen haben schon gesagt: Wir wollen jetzt einen König haben.“ Aber noch seien sie in der Minderheit.

Das Gesicht der Erdbeere

Auch Martha Spraul aus Renchen-Ulm ist ein Kind der Landwirtschaft. Als Erdbeerkönigin Martha I. soll die 18-Jährige der heimischen Erdbeere ein Gesicht geben. Als Studentin für Gartenbau ist das für sie allerdings kein Problem. Organisiert wird die Wahl alle zwei Jahre von der Stadt Oberkirch mit Unterstützung der Verbände und dem Landwirtschaftsministerium. Manche Erdbeersorte hat übrigens selbst einen royalen Namen, zum Beispiel „Königin Luise“, benannt nach einer deutschen Hoffigur. Die Frucht soll einen besonders süßen, vollmundigen Geschmack haben.

Käsekrone vom Minister höchstpersönlich

Im äußersten Südosten des Landes liegt das Reich der Allgäuer Käsekönigin. Aktuelle Regentin ist Hannah Sust. Die 19-Jährige stammt von einem Hof in Ravensburg und hat nach dem Besuch des Agrarwissenschaftlichen Gymnasiums in Wangen beschlossen, Landwirtin zu werden. „Mich interessiert vor allem der Werdegang eines landwirtschaftlichen Produkts“, sagt sie. Gekrönt wurde sie bei der Oberschwabenschau von Landwirtschaftsminister Peter Hauk.

Von der Alb bis nach Südtirol

Auch eine Wachholderkönigin gibt es in Baden-Württemberg. Anja I. vertritt die Wachholderheide auf der Schwäbischen Alb. Der Gomadinger Bürgermeister Klemens Betz habe sie persönlich für die Wahl angeworben, erzählt Anja Winter. Dass sie dann aber auch gewählt worden sei, habe sie durchaus überrascht. Eigentlich sei sie gerade erst neu zugezogen, um im Restaurant Landhotel Winter ihrer Eltern einzusteigen und mitzuhelfen. „Das Amt ist eine tolle Möglichkeit, um mich vorzustellen.“ Mit Dirndl, Schärpe und Krone zaubere man jedem ein Lächeln ins Gesicht – ob beim Fassanstich beim Gomadinger Schlachtfest, bei der CMT in Stuttgart oder beim Königinnentreffen in Südtirol. Denn natürlich sind die Agrarhoheiten gut vernetzt.

Tief aus dem Wald bis nach Berlin

Sie hat vermutlich das größte Reich unter sich: Die Waldkönigin ist Botschafterin von 1,4 Millionen Hektar Wald in Baden-Württemberg. Das entspricht fast 40 Prozent der gesamten Landesfläche. Franziska Waselikowski wurde Ende März bei der Forst-Messe in Offenburg gekürt. Die 26-jährige ausgebildete Forstwirtin stammt aus dem Renchtal und arbeitet für Forst BW unter anderem in der Jungbestandspflege. Auch sie wird zahlreiche Repräsentationstermine zu bewältigen haben, unter anderem bei der Grünen Woche in Berlin.

Verbunden mit Hopfen

Seit kurzem darf sich Tettnang offiziell Hopfenstadt nennen und aufs Ortsschild schreiben. Die Hopfenkönigin gibt es hingegen schon länger. Bereits 1949 wurde die erste in Tettnang gewählt, seit 30 Jahren findet die Kür alle zwei Jahre statt. Erwartet wird, dass die Bewerberinnen mit dem Hopfenanbau verbunden sind. In der Bewerbungsphase erhalten sie einen Knigge- und Rhetorikkurs. Entscheidend ist dann ihre fünfminütige Hopfenrede. Diesmal sollten die Bewerberinnen Argumente nennen, warum der internationale Hopfenkongress in diesem Jahr unbedingt in Tettnang stattfinden muss. Gewonnen hat Irina Müller. Ihre erste Amtshandlung: Zusammen mit ihren beiden Prinzessinnen musste die junge Agrarstudentin aus Bodnegg beim Hopfenball in Obereisenbach drei Fässer gleichzeitig anstechen.

Verliebt in Streuobstwiesen

Seit 2013 kürt der Landkreis Böblingen eine Steuobstkönigin als Botschafterin für die ökologische Kulturlandschaft. Als Lohn lockt eine Aufwandsentschädigung von insgesamt 2000 Euro für die zweijährige Amtszeit. Auch hier werden selbstverständlich Outfit, Krone und Schärpe gestellt. Seit 2022 dürfen sich auch Männer bewerben, doch bisher wollte keiner. Aktuelle Streuobstkönigin ist Linda Österle aus Merklingen bei Weil der Stadt. Sie ist Vorsitzende des örtlichen Obst- und Gartenbauvereins. „Streuobstwiesen sind weit mehr als schöne Natur – sie sind gelebte Heimat, Tradition und Zukunft“, sagt sie.

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Erstellt:
10. April 2026, 17:20 Uhr

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