Demografie

Lebenserwartung in Deutschland sinkt weiter

Nach Angaben von Statistiken sterben die Deutschen früher als die Bewohner anderer westeuropäischer Staaten. Was läuft hier falsch? Das erklären ein Alters- und ein Demografieforscher.

Die beiden tun etwas gegen mögliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Sie tanken frische Luft und tauschen sich aus.

© dpa//Jens Büttner

Die beiden tun etwas gegen mögliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Sie tanken frische Luft und tauschen sich aus.

Von Bettina Hartmann

Deutschland gehört in Westeuropa zu den Schlusslichtern bei der Lebenserwartung und verliert weiter an Anschluss. Das zeigt eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden und des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock, die die Sterblichkeitstrends über mehrere Jahrzehnte untersucht hat.

„Dass wir so schlecht abschneiden, ist ein Armutszeugnis“, lautet das Fazit von Konrad Beyreuther, Gründungsdirektor des Netzwerks Alternsforschung an der Universität Heidelberg. Es sei aber „erwartbar“ gewesen, so der Wissenschaftler weiter: Bereits 2023 habe eine Studie gezeigt, dass Deutschland seit Langem eine verhältnismäßig niedrige Lebenserwartung aufweist. Das habe mit dem sozioökonomischen Status zu tun: „Die größer werdende Schere zwischen arm und reich in Deutschland hat ganz konkret Einfluss auf die Lebenserwartung.“

Abstand hat sich auf 1,7 Jahre vergrößert

In Deutschland lag die Lebenserwartung bei Frauen bei 83,5 Jahren und bei den Männern bei 78,7 Jahren. Spitzenreiter bei den Frauen sind Spanien (86,2 Jahre) und Frankreich (85,6), bei den Männern die Schweiz (81,9) und Schweden (81,4). Im Jahr 2000 betrug der Rückstand Deutschlands zur durchschnittlichen Lebenserwartung bei Geburt in Westeuropa im Schnitt rund 0,7 Jahre. Bis 2022 hat sich der Abstand auf 1,7 Jahre vergrößert.

„Der Beginn der 2000er-Jahre markiert einen Wendepunkt in der Dynamik der Sterblichkeitsentwicklung in Deutschland“, fasst BiB-Autor Pavel Grigoriev die Studienergebnisse zusammen. Seitdem sei die Sterblichkeitslücke zwischen Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern gewachsen. Verglichen wurden die Daten von 15 Staaten in Westeuropa , darunter die Schweiz, Österreich, Großbritannien, Italien, Spanien und Frankreich.

„Wir haben hierzulande allerdings keinen stetigen Rückgang der Lebenserwartung“, relativiert Jonas Schöley vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung. „Die Periodenlebenserwartung gibt die Sterblichkeit in einem einzelnen Jahr wieder und kann somit von Jahr zu Jahr stark schwanken – ohne, dass dies Konsequenz für die Lebenslänge eines Neugeborenen hat.“ In den letzten Jahren sei die Entwicklung von der Dynamik der Pandemie geprägt gewesen. „Daher ist es schwer, langfristige Trends herauszulesen.“

Höhere Sterblichkeit bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Trotzdem geht aus der Untersuchung hervor, dass Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung zunächst den Rückstand gegenüber Westdeutschland und Westeuropa erheblich verringern konnte. Dazu hätten auch Investitionen in die Gesundheitsversorgung beigetragen, heißt es. Seit der Jahrtausendwende habe jedoch ganz Deutschland an Boden verloren, so die Studie.

Doch woran liegt das? Was läuft falsch? „Der langjährige Rückstand scheint sich wesentlich durch eine höhere Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im fortgeschrittenen Erwachsenen- bzw. Rentenalter zu erklären“, schreiben die Autoren. Das zeigt auch eine Studie aus dem Jahr 2020: Mit Österreich wies Deutschland im Jahr 2015 den höchsten Anteil an Sterbefällen durch Kreislauferkrankungen auf. Auch Jonas Schöley bestätigt: Der Rückgang in der Mortalität von Herz-Kreislauf-Erkrankungen habe zwar seit der Wende den größten Beitrag zur gestiegenen Lebenserwartung in Deutschland geleistet. „Gleichzeitig ist die Sterblichkeit etwa in Frankreich und Spanien geringer als hierzulande.“

Zu dem wachsenden Rückstand tragen einzelne Altersgruppen in unterschiedlicher Art und Weise bei, so die Forscher. Bei Frauen weisen in Deutschland vor allem die ab 75-Jährigen eine höhere Sterblichkeit auf als Gleichaltrige im westeuropäischen Ausland. Dagegen ist bei den Männern insbesondere die Altersgruppe zwischen 55 und 74 Jahren entscheidend für die Lücke.

Unterschiede zwischen den Ländern gebe es auch in der Gesundheitspolitik, so die Studie – etwa hinsichtlich der Prävention, Früherkennung und Behandlung von Erkrankungen. Empirische Belege deuten darauf hin, dass nationale Maßnahmen etwa bei der Eindämmung von Tabak- und Alkoholkonsum, der Vorbeugung und Behandlung von Bluthochdruck sowie bei Lebensmittelstandards und Ernährung in vielen Ländern zu erheblichen Verbesserungen der Gesundheit der Bevölkerung beigetragen haben.

Für BiB-Forschungsdirektor Sebastian Klüsener besteht daher vor allem Handlungsbedarf bei der Prävention und Früherkennung – von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch in den Bereichen Tabak- und Alkoholprävention sowie gesunde Ernährung. Die Autoren der Studie empfehlen dringend „eine Neuadjustierung von Prioritäten und Investitionen im Gesundheitswesen“. Die Fokussierung auf mehr Vorbeugung sollte zeitnah erfolgen, „damit auch die Babyboomer noch davon profitieren und gesünder altern können“. Auch Konrad Beyreuther sieht hier Potenzial. „Wir stehen vor einer großen Aufgabe, nicht nur was den Ausgleich von sozialen Unterschieden betrifft.“ Es werde zu wenig auf die Herzgesundheit geachtet: „Ich sehe hier vor allem die Politik gefordert – und weniger die Medizin.“

Lauterbach kündigt Vorsorge-Pläne an

Immerhin: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat kürzlich Pläne zur Prävention von Herz-Kreislauferkrankungen konkretisiert. Es werde an Gutscheine für Herz-Check-ups sowie die Ausweitung der Erstattungsfähigkeit von Statinen und der Nikotinersatztherapie gedacht, teilte er mit. Das so genannte Herz-Gesetz könnte schon nächstes Jahr in Kraft treten.

Nach Angaben der AOK Baden-Württemberg besteht kein Zweifel daran, dass ein gesunder Lebensstil dazu beiträgt, die Lebenserwartung zu verlängern: „Prävention kann dabei dazu beitragen, das Auftreten chronischer Erkrankungen zu verringern, indem sie lebensstilbedingte Risikofaktoren wie zu wenig Bewegung, ungesunde Ernährung, Rauchen und Übergewicht reduziert.“

Somit kann jeder selbst zur persönlichen Gesundheit beitragen: etwa mit dem Wahrnehmen von Vorsorgeuntersuchungen, ausgewogener Ernährung, regelmäßigem Sport, maßvollem Alkoholkonsum, sozialen Kontakten und Stressreduktion. Im europäischen Vergleich lebt die Bevölkerung in Deutschland in dieser Hinsicht aber ungesünder. Das zeigen unter anderem Auswertungen des Robert- Koch-Instituts.

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Erstellt:
22. Mai 2024, 20:04 Uhr

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