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Lebensretter am Limit: Ärzteverband warnt vor Überlastung

dpa/lsw Stuttgart. Lange Schichten, müde Ärzte, viele Kranke - der Alltag in Krankenhäusern wird immer härter, klagt der Marburger Bund. Das hat auch Folgen für die Patienten.

Ein Arzt trägt ein Stethoskop um den Hals. Foto: Rolf Vennenbernd/Archivbild

Ein Arzt trägt ein Stethoskop um den Hals. Foto: Rolf Vennenbernd/Archivbild

Die Ärzte in den Krankenhäusern im Land sind nach Angaben des Marburger Bunds immer stärker überlastet. Die Arbeitsbedingungen in den Kliniken hätten sich in den vergangenen Jahren massiv verschlechtert, sagte der Landeschef der Gewerkschaft, Frank Reuther, am Mittwoch in Stuttgart. Dahinter stünde etwa der ökonomische Druck, die Verdopplung der Patientenzahlen im stationären Bereich und überlaufende Notaufnahmen. „Die Patienten spüren das natürlich auch“, sagte Reuther. Es sei nachvollziehbar, dass nach einer 24-Stunden-Schicht Fehler und Unfälle passierten.

Der Marburger Bund pocht deshalb auf eine Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes im ärztlichen Dienst in Krankenhäusern. Im Durchschnitt darf die wöchentliche Arbeitszeit von 48 Stunden nicht überschritten werden. Es gibt aber nach Angaben der Gewerkschaft in nahezu allen Tarifverträgen schon Öffnungsklauseln, die deutlich mehr Arbeitsstunden für Ärzte erlauben. Auf acht Stunden Vollarbeit darf demnach ein Arzt maximal 16 Stunden Bereitschaftsdienst pro Tag machen, davon muss er sich aber mindestens acht Stunden ausruhen. Doch auch gegen solche Öffnungsklauseln werde regelmäßig verstoßen.

Der Marburger Bund erhalte täglich Anrufe von Krankenhausärzten wegen Verstößen gegen das Arbeitszeitgesetz, berichtete Reuther. „Uns ist klar, dass kein Arzt mitten in der Operation das Skalpell fallen lassen kann, wenn die maximale Arbeitszeit erreicht ist“, sagte er. Aber Arbeitszeitgesetz und Tarifverträge müssten eingehalten werden. Der Notfall dürfe nicht zur Regel werden. „Regelmäßige Verstöße sind leider an der Tagesordnung. Dies können wir so nicht länger hinnehmen“, sagte Reuther.

Der Verband fordert regelmäßige und anlassunabhängige Kontrollen - nicht erst nach Anzeigen. Dafür wird eine Online-Petition gestartet. In einem halben Jahr will der Marburger Bund die Unterschriften Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) überreichen. Der Marburger Bund fordert außerdem mehr Stellen bei den Kontrollbehörden. Die Zuständigkeit für den Arbeitsschutz müsse zudem zurückwandern vom Wirtschafts- ins Sozialministerium, da das Arbeitszeitgesetz in erster Linie ein Arbeitnehmerschutzgesetz sei und dem Gesundheitsschutz der Mitarbeiter diene.

„Es hat sich unglaublich zugespitzt“, sagte auch Sylvia Ottmüller, 2. Landesvorsitzende des Marburger Bunds. Ärzte hätten teils kaum noch Ruhezeiten in den Bereitschaftsdiensten, sondern müssten mitunter 24 Stunden durcharbeiten. Viele würden Berge von Hunderten Überstunden vor sich herschieben. Aus Pflichtbewusstsein würden die meisten Ärzte diese Bedingungen dulden. Das Berufsethos dürfe aber nicht systematisch ausgenutzt werden, sagte Ottmüller.

Die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft (BWKG) sieht die Lage anders. „Die statistischen Zahlen zeigen, dass sich die Belastung der Ärzte in den vergangenen Jahren deutlich reduziert hat“, betonte der BWKG-Vorstandsvorsitzende Detlef Piepenburg am Mittwoch. Zwischen 2007 und 2017 hätten nach den Zahlen des Statistischen Landesamts die Krankenhäuser im Land 5700 zusätzliche Ärzte eingestellt. Im Jahr 2007 kamen auf einen Arzt rechnerisch knapp 123 Patienten - 2017 knapp 110. „Uns liegen von Seiten der Aufsichtsbehörden oder auch aus den Berichten unserer Mitglieder keine Informationen über zunehmende oder besonders gravierende Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz vor“, erklärte er.

Der Marburger Bund im Südwesten vertritt politisch und gewerkschaftlich die Interessen von Ärzten und gehört mit 16 000 organisierten Medizinern zu den mitgliederstärksten Landesverbänden.

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Erstellt:
25. September 2019, 17:04 Uhr

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