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Lehrer dringend gesucht

Personalmangel zwingt Schulen im Kreis zu kreativen Lösungen – Staatliches Schulamt hat keine Krankheitsreserven mehr

Die Lage war schon lange nicht mehr so dramatisch: Das Staatliche Schulamt hat größte Mühe, die Grundversorgung mit Lehrern aufrechtzuerhalten, und die Schulleiter können den Unterrichtsausfall kaum noch begrenzen. Die äußerst knappe Personaldecke führt dazu, dass immer häufiger Engpässe auftreten, für die es dann keine Vertretungen gibt.

Im Klassenzimmer kommen wegen der Personalnöte immer häufiger Studierende, Referendare und externe Kräfte zum Einsatz. Foto: Adobe Stock

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Im Klassenzimmer kommen wegen der Personalnöte immer häufiger Studierende, Referendare und externe Kräfte zum Einsatz. Foto: Adobe Stock

Von Armin Fechter

BACKNANG. Zufall und Glück, das sind die Verbündeten, auf die das Schulamt in letzter Zeit immer häufiger hoffen muss. Denn der Pool an Krankheitsvertretungen war schon zum Schuljahresbeginn ausgeschöpft, die Liste mit Vertretungslehrern besteht vor allem aus Lücken, und überhaupt: Der Markt an ausgebildeten Pädagogen ist leer gefegt.

Für Schulamtsleiterin Sabine Hagenmüller-Gehring war deshalb von Anfang an klar, dass die Lehrerversorgung auf Kante genäht ist. Mit der ersten herbstlichen Krankheitswelle zeigten sich dann die Nöte. „Manches kann aufgefangen werden“, erklärt Hagenmüller-Gehring – aber das geht nicht so systematisch, wie es wünschenswert wäre. Es sei mehr oder weniger dem Zufall überlassen, ob sich jemand auf die Vertretungsliste setzen lässt. Und wenn man die Personen dann kontaktiert, stelle sich oft heraus, dass sie nicht verfügbar sind, klagt Schulrat Helmut Bauer, der den Fachbereich Unterrichtsversorgung betreut. Markus Keller, der sich speziell um die sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) kümmert, formuliert flapsig: „Sobald sich jemand meldet, wird er verhaftet.“ So bekommen öfter auch junge Kräfte, die die Zeit zwischen dem ersten Staatsexamen und dem Referendariat überbrücken wollen, einen kurzfristigen Vertrag, ebenso sogenannte Nichterfüller, die keine Lehrerausbildung haben.

Ein ganzes Bündel an Ursachen ist verantwortlich für die Engpässe

Ursachen für die Engpässe gibt es etliche. Da wäre etwa die Pensionierungswelle, die wohl noch das eine oder andere Jahr andauern wird. Für die Ruheständler wurden bereits viele Nachwuchspädagogen eingestellt – von denen nicht wenige schon wieder für eine Weile weg sind: Mutterschutz, Elternzeit. Es wurden neue Konzepte entwickelt, die zusätzliche Stundenkontingente beanspruchen – erst für die Gemeinschaftsschule, jetzt für die Realschule. „Die Inklusion hat sich anders entwickelt als erwartet“, beschreibt Keller eine weitere Baustelle. Auch Flüchtlingswelle und Ganztagesbetrieb haben die Ressourcen strapaziert.

„Den politischen Entscheidungen kommt die Lehrerausbildung nicht hinterher“, analysiert Bauer: Das Lehramtsstudium mit Vorbereitungsdienst dauert mindestens fünf, sechs Jahre. „Wir wollen wieder an den Punkt kommen, dass wir flexibel reagieren können“, unterstreicht Hagenmüller-Gehring, die über die Schwerfälligkeit des Gesamtsystems klagt. Es wird aber nach Einschätzung Kellers Jahre dauern, bis wieder eine Krankheitsreserve aufgebaut werden kann, die auch die pädagogische Qualität im System sichert. Derzeit aber seien, so Bauer, die Eingangshürden tiefergelegt.

In dieser äußerst angespannten Lage hätten die sogenannten Vollerhebungen des Ministeriums, bei denen der Stand des Unterrichtsausfalls abgefragt wurde, die Schulen verunsichert, berichtet Hagenmüller-Gehring: „Eine brenzlige Geschichte in so einer Zeit.“ Schulen, die dreimal in Folge stark vom Durchschnitt abgewichen sind, mussten sich erklären. Sieben Schulen im Kreis waren betroffen, die Gespräche hätten aber nicht im Kultusministerium stattgefunden, sondern mit dem Schulamt. Dabei sei man nicht anklagend aufgetreten, sondern hinterfragend und „in allem Respekt vor der Arbeit, die täglich geleistet wird“. Die Fragen seien dabei vorgegeben gewesen, weil Rückmeldung gefordert war, um vergleichen zu können. Laut Hagenmüller-Gehring hat sich gezeigt, dass das Zusammentreffen mehrerer Faktoren jeweils zu den massiven Problemen geführt hätte. „Ich muss meine Schulleiter wirklich loben“, stärkt sie den Rektoren den Rücken. Es habe keinen Fall gegeben, der nicht nachvollziehbar gewesen sei, sagt Bauer. Neben Erkrankungen seien es Abwesenheiten aus unterschiedlichsten Gründen gewesen – Klassenfahrten, Teilnahme an Wettbewerben, Fortbildungen. In schwierigen Situationen übernähmen Schulleitungen selbst Vertretungen und legten Verwaltungsarbeiten in Abendstunden.

Wie schwierig die Situation ist, sei bekannt, das werde auch immer nach oben transportiert, erklärt Hagenmüller-Gehring. Sorge bereite, dass sich die Lage im Lauf des Schuljahrs immer weiter verschärfe: Bislang, so Bauer, hätten die Schulen intern noch gut mit dem Personalmangel umgehen können, aber es sei stets mit neuen Krankheits- oder Mutterschutzfällen zu rechnen. 300 Wochenstunden an Ausfällen, die in den nächsten Monaten kommen, seien jetzt schon bekannt, aber nur 100 kämen mit Lehrkräften aus der Elternzeit zurück. Keller stellt zudem klar, dass man unterscheiden müsse: Personalausfälle gebe es viel häufiger als tatsächlichen Unterrichtsausfall. Der Unterricht werde mit kreativen Lösungen und Betreuungskonzepten aufrechterhalten, sodass nach außen nichts auffällt, es herrsche aber ein hoher interner Druck. Zurückgefahren würden laut Bauer Stunden, die nicht den Kernunterricht in Mathe, Deutsch und Englisch beträfen. Meist hätten Schulleitungen Lösungen parat, wenn sie einen Ausfall melden müssten – und dabei kooperierten Rektoren häufig auch miteinander.

Zugleich hat die Mangelsituation laut Hagenmüller-Gehring noch einen weiteren Effekt: Lehrer wüssten, dass sie überall begehrt sind und die Wahl haben. Folglich tun sich Schulen in ländlichen Gegenden oft schwerer, Bewerber anzuziehen. Es komme auch zu Konkurrenzkämpfen zwischen Schulen und Schulämtern. Unter der Situation leide wiederum die Planbarkeit, beklagt Keller.

Wie sieht es mit Unterrichtsausfall an Ihrer Schule aus? Bitte schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen an redaktion@bkz.de.

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Wie Schulleiter versuchen, einem Unterrichtsausfall vorzubeugen

Jochen Nossek von der Tausschule in Backnang wirft zunächst die Frage auf, was unter Unterrichtsausfall zu verstehen sei: Geht es darum, dass Schüler zu Hause bleiben müssen? Dann hätte seine Schule fast keinen Ausfall. Oder geht es darum, dass der Unterricht so gegeben wird, wie er auf dem Stundenplan steht, und um Qualitätskriterien? Mit den regulär zur Verfügung stehenden Kräften sei der Unterricht grade so abzudecken. In Krankheitsfällen muss der Rektor häufig auf Studierende, Referendare und Externe setzen. In der Gemeinschaftsschule herrsche allerdings ein anderes Verständnis von Lernen, man könne leichter als in anderen Schularten Lerngruppen auflösen und sei insgesamt flexibler. Nossek spricht daher auch von einer Campus-Lösung.

Die Plaisirschule in Backnang, eine reine Grundschule, hatte bereits mit großen Personalnöten zu kämpfen. In einem Extremfall ging es, wie Schulleiterin Annedore Bauer-Lachenmaier berichtet, um 34 Stunden. 20 Stunden konnten vertreten werden, den Rest musste sie streichen. Das sei außerhalb des Korridors von der zweiten bis zur fünften Stunde möglich. In solchen Fällen würden die Eltern zum frühest möglichen Zeitpunkt informiert, notfalls telefonisch. Haben die Eltern keine Möglichkeit, ihr Kind in der fraglichen Zeit selbst zu betreuen, oder werden sie nicht erreicht, werden betroffene Schüler in der Schule anderweitig untergebracht. „Kein Kind steht auf der Straße“, versichert Bauer-Lachenmaier. Um Unterrichtsausfällen möglichst vorzubeugen, hat sich die Schulleiterin ein ganzes Repertoire an Möglichkeiten zurechtgelegt – vom Einsatz sogenannter Handschlagkräfte (Pensionäre oder Lehrer in Elternzeit) über die Zusammenlegung von Klassen und ehrenamtliche Mehrarbeit von Kolleginnen bis zum Einsatz von Praktikanten, Referendaren, Lesemuttis und Jugendbegleitern nach dem Prinzip der offenen Tür. In der Praxis sei es aber auch so, dass kranke Lehrkräfte den Unterricht für die Vertretung vorbereiten oder dass sie doch „halblebig“ in der Schule antreten, weil sie wissen, welche Konsequenzen ihr Ausfall für die Kollegen hätte. „Wir leben ein ganz hohes Ethos“, unterstreicht Bauer-Lachenmaier an die Adresse des Ministeriums.

„Es fällt kein Unterricht aus“, berichtet Sonderschulrektorin Miriam Kamm von der Bodelschwinghschule in Murrhardt, „wir fangen es auf.“ Das bedeutet: In Klassen, wo dies möglich ist, wird auf Doppelbesetzung verzichtet, zudem werden betreuende Kräfte vom Landratsamt und Nichterfüller eingesetzt. Bei Bedarf sorge das Schulamt für Abordnungen von anderen Schulen. Ausschließlich mit Sonderschullehrern arbeiten zu können, sei aber Wunschdenken. Da Murrhardt außerhalb des S-Bahn-Raums liegt, tue sich die Schule schwer damit, Lehrkräfte anzuziehen, bedauert Kamm.

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Erstellt:
22. November 2019, 06:00 Uhr

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