Klimakrise

Rekordschmelze: Deutschland wohl in 2030ern ohne Gletscher

Es geht noch schneller als befürchtet: Die letzten Gletscher Deutschlands schmelzen rasant dahin. Zum Welttag der Gletscher veröffentlichen Forscher neue Messdaten.

Der Nördliche Schneeferner hat so stark an Dicke verloren, dass ein Lift abgebaut werden muss. (Archivbild)

© Angelika Warmuth/dpa

Der Nördliche Schneeferner hat so stark an Dicke verloren, dass ein Lift abgebaut werden muss. (Archivbild)

Von Von Sabine Dobel, dpa

Garmisch-Partenkirchen - Keine guten Nachrichten zum Welttag der Gletscher: Das "ewige Eis" schmilzt Forschern zufolge in Rekordgeschwindigkeit. Deutschland wird demnach voraussichtlich im Laufe der 2030er Jahren keine Gletscher mehr haben. 

Den vor dem Welttag des Gletschers an diesem Samstag (21. März) veröffentlichten neuen Daten zufolge haben die vier letzten deutschen Gletscher innerhalb von nur zwei Jahren mehr als ein Viertel ihrer Fläche verloren. Beim Blaueisgletscher und beim Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Bergen waren es zwischen 2023 und 2025 sogar jeweils rund 45 Prozent. Das ergaben Messungen des Geografen Wilfried Hagg von der Hochschule München und des Glaziologen Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (BAdW).

Eine Million Kubikmeter Eis weg

Eine Million Kubikmeter Eis schmolzen insgesamt ab. Auch bei der Dicke des Eises zeigt sich: Der Gletscherschwund hat sich rapide beschleunigt. Die Eisdicke nahm im Schnitt um 1,6 Meter pro Jahr ab - und damit deutlich stärker als im Zeitraum 2018 bis 2023. Als Hauptursache gilt der Klimawandel mit in den vergangenen Jahren außergewöhnlich hohen Temperaturen, die auch in den Alpen deutlich über dem langjährigen Mittel lagen. 

"Wir sehen, dass die Gletscher inzwischen in einem rasanten Tempo abschmelzen", erklärte der Glaziologe Mayer. "Die Geschwindigkeit des Gletscherschwundes hat sich in den letzten Jahren verdoppelt." 

Deutschland verliert sein einziges Gletscher-Skigebiet

An der 2.962 Meter hohen Zugspitze, Deutschlands höchstem Berg, gibt es eine weitere Folge des Klimawandels. Dort muss ein auf dem Nördlichen Schneeferner gebauter Lift infolge der Gletscherschmelze komplett abgebaut werden: Nach zwei Wintern Stillstand soll am Freitagnachmittag der Rückbau des Plattlifts beginnen. 

"Der Schlepplift, der in diesen Tagen abgebaut wird, war durch die starke Absenkung der Eisoberfläche nicht mehr haltbar", sagte Hagg. Im Bereich der Lifttrasse hat der Gletscher sieben bis acht Meter in der Vertikalen eingebüßt. "Damit verliert Deutschland sein einziges Gletscher-Skigebiet."

Es ist der dritte und letzte Lift im Gletscherbereich der Zugspitze, der abgebaut wird. Es gab früher noch einen Gletschersee-Schlepplift sowie einen Doppel-Sessellift beim ehemals fünften bayerischen Gletscher, dem Südlichen Schneeferner, der bereits 2022 seinen Status als Gletscher verloren hat.

Neue Vermessung mit Drohnen vom Herbst 

Im September hatten Hagg und Mayer die bayerischen Gletscher neu inspiziert; unter anderem überflogen sie Watzmann- und Blaueisgletscher mit Drohnen, um Fläche und Volumenänderung zu bestimmen. Die beiden Berchtesgadener Gletscher könnten schon sehr bald nicht mehr als Gletscher gelten - jedes Jahr könne es nun so weit sein, erläuterten die Wissenschaftler. Im Laufe der 2030er Jahre wird Bayern voraussichtlich gletscherfrei sein. 

"Die Gletscher in Berchtesgaden sind nur noch ein kleiner Rest", sagte Mayer. "Der nördliche Schneeferner geht auch zügig seinem Ende zu, da er durch seine südliche Ausrichtung deutlich mehr Höhe verliert als der Höllentalferner in seiner schattigen Tallage." 

Status als Gletscher verloren

Der Höllentalferner im Zugspitzgebiet hielt sich erneut am stabilsten, er verlor nur neun Prozent der Fläche. Er wird von Lawinen gespeist und ist durch Felswände vor starker Sonneneinstrahlung geschützt. Er könnte noch bis in die 2030er Jahre als Gletscher gelten - als letzter in Deutschland. Vor einigen Jahren war noch die Rede davon, dass er sich bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts halten könnte. 

Der Nördliche Schneeferner leidet hingegen stark. Dem restlichen Eis dort geben Experten noch wenige Jahre, er wird wohl bis Ende des Jahrzehnts verschwinden. 

Seine Fläche hatte sich schon zwischen 1980 und 2023 mehr als halbiert, jetzt schrumpfte sie binnen zwei Jahren um ein Viertel. Von 2007 bis 2022 hatte sich seine Dicke im mittleren Teil von 52 Metern auf 20 Meter verringert. Jetzt verlor er fast fünf Meter an Dicke, doppelt so viel wie die anderen Gletscher, die im Schnitt 2,5 Meter dünner wurden.

Klimaerwärmung trifft Alpen besonders 

Die Hälfte der Gletscher alpenweit dürfte Prognosen zufolge bis zur Mitte des Jahrhunderts verschwunden sein. In den Alpen ist die Erwärmung doppelt so hoch wie im globalen Schnitt. In Europa erwärmt sich das Klima wegen der großen Landmassen schneller, die Berge bieten zudem mehr Fläche, die sich aufheizen kann. Wenn Gletscher schmelzen, wirkt zurückbleibendes dunkles Geröll nochmals beschleunigend. 

Das Abschmelzen der Alpen-Gletscher hat weitreichende Folgen für Natur, Bergsport und - wenngleich nicht in Bayern - für den Wasserhaushalt. Der Deutsche Alpenverein (DAV) hat mit anderen Umweltorganisationen an die Bundesregierung appelliert, beim Klimaschutz entschieden nachzuschärfen. "Der Rückgang der Gletscher ist eines der sichtbarsten Zeichen der Klimakrise", sagte DAV-Vizepräsident Wolfgang Arnoldt. "Wenn wir die Alpen als wertvollen Natur- und Lebensraum erhalten wollen, müssen wir beim Klimaschutz deutlich entschlossener handeln."

Der Höllentalferner könnte am längsten bestehen bleiben.

© Angelika Warmuth/dpa

Der Höllentalferner könnte am längsten bestehen bleiben.

Auch der Blaueisgletscher hat den Prognosen nach nur noch wenige Jahre.

© Angelika Warmuth/dpa

Auch der Blaueisgletscher hat den Prognosen nach nur noch wenige Jahre.

Die Reste des Gletschers Watzmann.

© Angelika Warmuth/dpa

Die Reste des Gletschers Watzmann.

Am Nördlichen Schneeferner lag bis in den Juli Altschnee und ließ den Gletscher größer aussehen. (Archivbild)

© Angelika Warmuth/Matthias Balk/dpa

Am Nördlichen Schneeferner lag bis in den Juli Altschnee und ließ den Gletscher größer aussehen. (Archivbild)

Saharastaub hatte vor allem im Sommer 2022 das Eis dunkler aussehen lassen. (Archivbild)

© Angelika Warmuth/dpa

Saharastaub hatte vor allem im Sommer 2022 das Eis dunkler aussehen lassen. (Archivbild)

Der Höllentalferner könnte am längsten bestehen bleiben. (Archivbild)

© Angelika Warmuth/Matthias Balk/dpa

Der Höllentalferner könnte am längsten bestehen bleiben. (Archivbild)

Auch der Blaueisgletscher hat den Prognosen nach nur noch wenige Jahre. (Archivbild)

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Auch der Blaueisgletscher hat den Prognosen nach nur noch wenige Jahre. (Archivbild)

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Erstellt:
19. März 2026, 11:40 Uhr
Aktualisiert:
19. März 2026, 13:49 Uhr

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