Letzte weiße Flecken sollen verschwinden

Beim Breitbandausbau gelten in Backnang nur noch die Wohnbezirke Horbach, Oberschöntal, Stiftsgrundhof und Ungeheuerhof als unterversorgt. Die Stadt hofft, dass sich das ab September ändert und Glasfaserkabel für turboschnelles Internet verlegt werden.

In der Innenstadt wie hier etwa im Stiftshof wurden die Glasfaserkabel in den vergangenen Wochen und Monaten verlegt, weitere Teile Backnangs sollen relativ zeitnah folgen. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

In der Innenstadt wie hier etwa im Stiftshof wurden die Glasfaserkabel in den vergangenen Wochen und Monaten verlegt, weitere Teile Backnangs sollen relativ zeitnah folgen. Foto: J. Fiedler

Von Steffen Grün

BACKNANG. Jürgen Ziegler wohnt und arbeitet in Oberschöntal und kann deshalb ein Lied davon singen, was es bedeutet, in der heutigen Zeit vom schnellen Netz abgehängt zu sein. Es ist im Privatleben sehr ärgerlich, weil etwa die Mediatheken der verschiedenen TV-Sender nicht richtig funktionieren und das Filmvergnügen darunter leidet. Im Berufsleben ist es mehr als das, hier sind die auch nur mit einem Hybridrouter zu erreichenden Datenübertragungsraten von höchstens 16 Mbit pro Sekunde ein gewaltiger Standortnachteil.

Des Öfteren scheitert der selbstständige Maschinenbauingenieur mit dem Versuch, größere Pläne online zu verschicken – und selbst wenn es klappt, kann es eine halbe Ewigkeit dauern, bis sie beim Kunden ankommen. „Das ist extrem ärgerlich“, sagt der 57-Jährige und ergänzt, dass sich das Problem in der Pandemie noch verschärft hat. Die vielen Leute im Homeoffice machen sich die ohnehin magere Bandbreite quasi gegenseitig streitig, „ich habe immer wieder Videokonferenzen, die mittendrin abbrechen“. 3-D-CAD-Modelle lädt Ziegler mittlerweile über Nacht herunter, damit sie morgens zur Verfügung stehen.

Unterversorgung bedeutet

weniger als 30 Mbit pro Sekunde.

Ende 2018 taten sich viele Oberschöntaler zusammen, um die Stadtverwaltung mit dem Missstand zu konfrontieren. Nun bahnt sich eine Lösung an. Wie Backnangs Wirtschaftsbeauftragter Reiner Gauger in der jüngsten Gemeinderatssitzung verriet, sollen bald die letzten vier weißen Flecken beim Breitbandausbau beseitigt werden. Von einer Unterversorgung ist bei weniger als 30 Mbit in der Sekunde die Rede, das trifft auch noch auf Horbach, Stiftsgrundhof und Ungeheuerhof zu. Dort, wo es für die Internetanbieter unrentabel ist, aus eigenem Antrieb für Abhilfe zu sorgen, gibt es staatliche Fördermittel: 50 Prozent der Kosten übernimmt der Bund, 40 Prozent das Land – den Rest trägt die Kommune.

Vor diesem Hintergrund müsste es doch zügig gehen, oder? Nicht unbedingt, denn wegen der landesweiten Breitbandoffensive sind die Anbieter mit Aufträgen eingedeckt. Auch Jürgen Ziegler glaubt an ein Happy End in Oberschöntal erst, wenn die Böden geöffnet werden und die Leitungen im Untergrund verschwinden. Er mahnt: „Die Telekom muss in die Pflicht genommen werden.“ Reiner Gauger versucht genau das, doch es sei „nicht immer vergnügungssteuerpflichtig“, mit dem Ex-Staatskonzern zu verhandeln: „Die Aussage ist, dass mit den Planungen begonnen wurde.“ Nach den Sommerferien soll es losgehen.

Wenn den Worten Taten folgen, werden die vier noch unterversorgten Wohnbezirke von der Internetsteinzeit direkt in die Zukunft katapultiert. „Fibre to the Home“ (FTTH) lautet das Stichwort – also Glasfaserkabel bis in das Haus oder die Wohnung des Kunden, der dafür zusätzlich zu den laufenden Vertragskosten eine einmalige Anschlussgebühr von knapp 800 Euro zu zahlen hat, sobald die kostenlose Phase während der Vorvermarktung abgelaufen ist. FTTH garantiert Datenübertragungsraten von 1000 Mbit in der Sekunde und ist bereits in weiten Teilen der Innenstadt, in den Industriegebieten Nord, Süd, Waldrems und Lerchenäcker sowie in einzelnen Neubauten und neuen Vierteln vorhanden. Weitergehen soll es nochmals in den Lerchenäckern, wo nach Wisotel künftig auch die Telekom mitmischt, sowie im hinteren Teil der Sulzbacher Straße ab dem Dresdener Ring, danach sollen die weißen Flecken auf Vordermann gebracht werden.

Beim Breitbandausbau steht

Backnang insgesamt gut da.

Wert legt Backnangs Wirtschaftsbeauftragter aber auf die Feststellung, dass ein guter Breitbandausbau nicht erst mit turboschnellem Internet beginnt. Insgesamt stehe die Stadt sehr ordentlich da, betonte Reiner Gauger, weshalb die jetzt auf 100 Mbit angehobene und für Krankenhäuser, Schulen und ähnlich wichtige Einrichtungen ohnehin nicht geltende Fördergrenze kaum noch greife: „Wir liegen fast überall darüber.“ Rund 93 Prozent der Haushalte können bis zu 200 Mbit kriegen. Im ganzen Rems-Murr-Kreis sind es lediglich 80, in der Region Stuttgart 86 Prozent. Ebenso gut sieht es für die Murr-Metropole bei bis zu 1000 Mbit aus: 79 Prozent stellen den Kreis (53) und die Region (60) erneut in den Schatten. Wer an der Vierstelligkeit kratzen wolle, ohne schon die garantierte Versorgung des FTTH-Anschlusses zu haben, sei mit Kabelfernsehen „bereits auf der sicheren Seite“, erklärt Reiner Gauger. Für den Otto Normalverbraucher seien allerdings schon 100 bis 200 Mbit „eine riesige Leistung“. Letztlich komme es ohnehin auf den individuellen Tarif an, denn „wenn du nur 5 Äpfel hast, kannst du keine 50 Liter Apfelsaft daraus machen“. Entscheidend ist, wie viele Mbit zu welchem Preis der jeweilige Kunde beim Anbieter gebucht hat. Wenn der Vertrag veraltet ist, bringt die beste Leitung nichts.

Beim Mobilfunknetz ist Backnang laut seinem Wirtschaftsbeauftragten „flächendeckend mit 4G versorgt“, in rund 70 Prozent des Stadtgebietes ist schon 5G möglich und „es wird bereits 6G entwickelt“. Neue Masten brauche es bisher nicht, weil sich meist mehrere Anbieter einen teilen.

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Erstellt:
27. Mai 2021, 06:00 Uhr

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