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Lichtpunkte am Nachthimmel

Elon Musks Starlink-Projekt ist mit bloßem Auge zu sehen – Kritik von Welzheimer Astronom

Blick über den Aichstrut-See nach Westen. Am Himmel die Perlenkette der Satelliten. Foto: G. Habermann

© Gabriel Habermann

Blick über den Aichstrut-See nach Westen. Am Himmel die Perlenkette der Satelliten. Foto: G. Habermann

Von Martin Winterling

WELZHEIM. Zufälliger Blick am Samstagabend nach oben. Am nächtlichen Himmel bewegt sich ein Lichtpunkt – wie ein hochfliegendes Flugzeug. Ein weiterer Lichtpunkt folgt. Noch einer. Und noch einer. Wie an einer Perlenkette aufgereiht ziehen die Lichter im gleichen Abstand übers Firmament. Minutenlang. Sie überstrahlen auch die hellsten Sterne.

Handelt es sich um Ufos? Sammeln sich Außerirdische zum Angriff auf die Erde? Sind es bloß Drohnen, die in einer Formation zu einem Einsatz unterwegs sind? Beim Notruf des Polizeipräsidiums Aalen meldete sich ein Backnanger, der am Samstagabend über Strümpfelbach seltsame Flugobjekte am Himmel beobachtete und sich keinen Reim auf dieses Phänomen machen konnte. Des Rätsels Lösung sind Satelliten von Elon Musks Starlink-Projekt. Vorboten eines gigantischen Schwarms von Satelliten, die auch den letzten Flecken der Erde mit schnellem Internet versorgen sollen – und dann nicht mehr nur wie in diesen Tagen gelegentlich am Himmel zu sehen sind, sondern Nacht für Nacht ein Lichtspektakel am Himmel veranstalten.

Astronomen sind verärgert und sprechen von optischer Umweltverschmutzung. „Der Himmel wird versaut“, sagt Professor Hans-Ulrich Keller. Der Gründungsdirektor des Carl-Zeiss-Planetariums Stuttgart und Professor für Astronomie an der Universität Stuttgart betreut heute die Sternwarte Welzheim. Der 76-Jährige sieht in Elon Musks Starlink-Projekt nicht nur ein Ärgernis für Sterngucker wie ihn, sondern auch eine Gefahr für andere Satelliten, die sich auf Umlaufbahnen um die Erde befinden. Ein Esa-Satellit habe schon einmal einem Starlink-Himmelskörper ausweichen müssen, um eine Kollision zu verhindern.

Die Dimensionen des Starlink-Projekts sind ungeheuerlich. Derzeit sind – je nach Schätzung – zwischen 1000 und 2000 aktive Satelliten im Weltall unterwegs. Experten rechnen mit insgesamt rund 20000 Objekten im All. Bis 2023 wird SpaceX, das private US-amerikanische Raumfahrt- und Telekommunikationsunternehmen von Elon Musk (Paypal, Tesal, SpaceX), allein mehr als 12000 Satelliten in den Orbit bringen – und im Endausbau sollen es 30000 sein. Wohlgemerkt: Dabei handelt es sich nur um die StarlinkSatelliten. Aber die Konkurrenz schläft nicht und plant wie Amazon ebenfalls weltumspannende Kommunikationsnetze mit Satelliten. So betrachtet, wird das derzeitige Himmelsspektakel eines Tages milde belächelt werden.

Diese Kommunikationssatelliten stören nicht nur passionierte Sterngucker, die schon heute über die Lichtverschmutzung klagen. Die Welt ist hell erleuchtet – Nacht für Nacht. Das Lichtermeer lässt die Sterne verblassen, die derzeit dank des stabilen Hochdruckgebiets und der geringen Luftverschmutzung eigentlich besonders gut zu sehen sind. Am Abendhimmel glänzt bis Mai die Venus, die selbst die Starlink-Satelliten überstrahlt.

Ein großer Sonnensturm könnte die Satelliten zerstören

Astronom Keller sorgt sich nicht nur um die Gefahr, die der Schwarm für andere Himmelskörper bedeutet. Ein großer Sonnensturm könnte die Satelliten zerstören. Ein solcher Sturm, bei dem die Sonne hochenergetische Teilchen ins All schleudert, ist überfällig. Alle 100 Jahre wird die Welt von einem großen Sturm getroffen, der für Menschen zwar ungefährlich ist – aber für jede Elektronik zerstörerisch. Beim letzten Sturm 1859 sprühten die Telegrafennetze Funken.

Die 300 Starlink-Satelliten sind die ersten Funken am Himmel und stimmen auf das Satellitengewitter ein, das uns erwartet. Sie sind seit letzter Woche bis Freitag gut zu beobachten. Am Dienstagabend ziehen sie um 22 Uhr für sechs Minuten am Himmel von Westen in Richtung Nordosten ihre Bahn. Am Mittwochfrüh tauchen die Satelliten um 5.04 Uhr über dem Horizont im Westen auf.

Ziel des Projekts ist ein weltumspannendes Kommunikationsnetz. „Mit einer Leistung, die die des herkömmlichen Satelliteninternets bei Weitem übertrifft, und einem globalen Netzwerk, das nicht an Einschränkungen der Bodeninfrastruktur gebunden ist, wird Starlink Hochgeschwindigkeits-Breitband-Internet an Orten bereitstellen, an denen der Zugang unzuverlässig, teuer oder völlig nicht verfügbar war“, heißt es auf der Internetseite von Starlink.

Bis 2021 soll nahezu eine globale Abdeckung erreicht sein. Die verhältnismäßig kleinen Satelliten sind mit Kryptonantrieb ausgestattet, wiegen rund 260 Kilogramm und fliegen in rund 550 Kilometern Höhe. Nach Ende ihrer Lebenszeit sollen sie in der Atmosphäre verglühen und so nicht zu gefährlichem Weltraumschrott werden. Kritiker hegen große Zweifel, ob sich SpaceX an dieses Versprechen halten kann. Die US-amerikanische Federal Communications Commission (FCC) hat SpaceX jedenfalls schon erlaubt, in den nächsten Jahren rund 12000 Satelliten ins Weltall zu bringen. Geplant sind ein, zwei Starts pro Monat mit jeweils 60 Trabanten.

Info

Wo und wann die Starlink-Satelliten zu sehen sind, lässt sich im Internet nachschauen. Die Adresse lautet www.findstarlink.com. Gut sichtbar sind sie in dieser Woche noch zu folgenden Terminen: Dienstag, 21. April, 22 Uhr (Bahn verläuft von West nach Nordost), Mittwoch, 22. April, 5.04 Uhr (West–Nordost), Donnerstag, 23. April, 4.06 Uhr (Nordwest–Nordost) sowie letztmals am Freitag, 24. April, 5.01 Uhr (Südwest–Ost).

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Erstellt:
21. April 2020, 06:00 Uhr

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