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Lieder, Klamauk und Einfühlungsvermögen

14 Begegnungsclowns sind für den Verein Clowns mit Herz unterwegs – Besuche in Krankenhäusern und Pflegeheimen

Die Clowns Luna Luftig und Ludwig Lurch besuchen regelmäßig das Seniorenhaus Lautertal in Sulzbach. Die Bewohner lieben die beiden fröhlichen Gesellen mit den roten Nasen, die ganz individuell auf sie eingehen und ihren Alltag mit kleinen bunten Farbtupfern bereichern. Besonders Menschen mit Demenz freuen sich über Lieder, die sie aus ihrer Jugend kennen.

Clown Luna Luftig (links) und Clown Ludwig Lurch bereichern das Leben der Heimbewohner im Seniorenhaus Lautertal. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Clown Luna Luftig (links) und Clown Ludwig Lurch bereichern das Leben der Heimbewohner im Seniorenhaus Lautertal. Foto: J. Fiedler

Von Annette Hohnerlein

SULZBACH AN DER MURR. Luna Luftig, Markenzeichen grüne Latzhose, Strohhut mit Schmetterlingen und Ukulele, singt ein Lied aus dem Jahr 1965: „Aber dich gibt’s nur einmal für mich“. Die Senioren im Gemeinschaftsraum der Demenzstation hören zunächst nur zu, dann singen ein paar von ihnen mit, zuerst zögerlich, dann immer mutiger. „Haben wir’s gut gemacht?“, fragt eine alte Dame, die in einem Rollstuhl am Tisch sitzt. Luna ist voll des Lobes: „Sollen wir mal auftreten? In der Porsche-Arena?“ Ihr Kollege Ludwig Lurch – schwarzer Hut, türkisfarbenes Rüschenhemd, Hosenträger, rote Schuhe – misst sich mit Bewohner Jürgen im Armdrücken. Dieser gewinnt, und Ludwig bescheinigt ihm: „Du bist ein starker Kerl.“ Zur Belohnung gibt’s eine Erdbeere von Luna, die heute eine ganze Schüssel voll mitgebracht hat. Dann setzt sich Ludwig, wie bei jedem seiner Besuche, zu Christel an den Tisch und trinkt mit ihr zusammen ein Viertele Wasser.

Mit Liedern, Spielen und Gesprächen Senioren ansprechen

Mit dem Besuch der beiden Clowns kommt langsam Leben in den Gemeinschaftsraum, in dem die Männer und Frauen zuvor schweigend an Tischen, in Sesseln oder Rollstühlen gesessen haben. Dabei gehen die beiden behutsam vor, sie sind kein „Gute-Laune-Überfallkommando“, wie es im Flyer des Vereins heißt. Sie machen Angebote – Lieder, Spiele, Gespräche, ab und zu ein bisschen Klamauk und viel gute Laune – und schauen, wie die Senioren darauf reagieren. Neben den Aktionen in der Gruppe ist immer auch Zeit für ein Gespräch zu zweit.

Der Zugang zu Bewohnern mit Demenz gelingt am besten über die Vergangenheit. Einen ehemaligen Lehrer spricht Luna auf Englisch an, die Sprache, die er früher unterrichtet hat. Mit anderen redet sie über die Kinder und Enkel, die früheren Kegelabende im Gasthaus, die Erinnerungen, die mit einem goldenen Anhänger verbunden werden. Die temperamentvolle Maria ist so etwas wie die Wortführerin der Gruppe. „Du bist eine Liebe, ich mag dich gerne“, sagt sie zu Luna und drückt ihr ein Küsschen auf die Backe. Ihr Kommentar zu Ludwig: „Das ist ein hübscher Mann.“

Seit über einem Jahr kommt das Clownduo im 14-tägigen Rhythmus in das Seniorenhaus Lautertal nach Sulzbach. „Die Bewohner strahlen“, sagt Heimleiter Walter Stein, „es ist für sie ein Kindheitstraum.“ Durch die Besuche der Clowns würde das Gedächtnis von dementen Bewohnern angeregt, Erinnerungen an frühere Erlebnisse kämen wieder. Es gebe aber auch ein paar, die ablehnend reagieren, berichtet Stein.

Auf der zweiten Station treffen die beiden Clowns lauter schlafende oder dösende Bewohner an. Nur Fritz ist wach und begrüßt Ludwig mit erhobenen Händen: einmal abklatschen. Die beiden reden über das Rudern, eine Sportart, die Fritz in seiner Jugend intensiv betrieben hat. Dann wechselt Ludwig ein paar Worte mit einer Frau, die zusammengerollt auf dem Sofa liegt. „Das ist unser Sofaschneckle“, sagt er liebevoll.

Er und seine Kollegin kennen alle Bewohner mit Namen, durch die regelmäßigen Besuche haben sich persönliche Beziehungen entwickelt. Vor dem Besuch findet eine Übergabe statt, bei der die Clowns vom Pflegepersonal über Veränderungen, neue Bewohner oder Geburtstage informiert werden.

Der Verein Clowns mit Herz Rems-Murr wurde 2014 gegründet. Die Honorare der Clowns werden durch Spenden finanziert. Zu Beginn übernahm die Stiftung der Kreissparkasse Waiblingen die Kosten für die Ausbildung von zehn Clowns. Inzwischen sind 14 professionelle Clowns im ganzen Rems-Murr-Kreis in Pflegeeinrichtungen und Kliniken unterwegs. Rund 250 Einsätze waren es 2017. Das Honorar teilen sich der Verein und die Seniorenheime, die Besuche auf der Kinderstation im Klinikum Winnenden werden vollständig von Clowns mit Herz übernommen.

Für die Ausbildung geht

es in die Clownschule

Ausgebildet wurden die Männer und Frauen in speziellen Clownschulen in Tübingen, Ravensburg und Konstanz. Luna und Ludwig zählen auf, was ein Clown lernen muss: ein Repertoire an Liedern, Spielen und Gedichten, Improvisation, Training von Stimme und Bewegung und die Arbeit am ganz persönlichen Clownsprofil.

Luna Luftig, die eigentlich Marianne Hillmann heißt, war früher in einer Versicherung tätig und hat durch die Pflege von mehreren Angehörigen einen Bezug zu älteren Menschen. „Clown ist mein Traumjob“, sagt sie, „die Begegnung mit den Menschen, das Lächeln, das man hervorruft, auch mal zusammen zu weinen, da zu sein, Zeit zu haben: All das ist sehr bereichernd, da kommt so viel zurück.“

Ludwig Lurch heißt mit bürgerlichem Namen Felix Beck und ist von Beruf Schauspieler und Regisseur. Die Tätigkeit als Begegnungsclown, so die offizielle Bezeichnung, ist für ihn ein weiteres Standbein.

Er hat beobachtet, dass er besonders bei Menschen mit Demenz viel bewirken kann, auch deshalb, weil er ohne bestimmte Absicht zu ihnen kommt. „Wenn Mitarbeiter kommen, wollen sie die Leute füttern oder auf die Toilette führen. Wir dagegen erwarten nichts. Beim Clown kann ich einfach ich sein.“ Das führe dazu, dass demente Senioren, die oft unter Ängsten leiden und verzweifelt sind, sich entspannen können und zur Ruhe kommen.

Die beiden Therapeuten mit den roten Nasen haben die Erfahrung gemacht, dass sie mit Liedern, die ihre Schützlinge aus ihrer Jugendzeit kennen, den besten Zugang zu ihnen bekommen. „Damit kriegen wir sie“, sagt Luna, „es gibt Menschen, die können nicht mehr sprechen, aber singen können sie noch.“

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Erstellt:
5. Juli 2018, 15:46 Uhr

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