Terrorismus

LKA-Studie mit erheblichen Mängeln

Innenminister Stobl lobt eine Analyse seines Landeskriminalamtes überschwänglich. Die aber vernachlässigt grundlegende wissenschaftliche Standards.

Innenminister Thomas Strobl (CDU) präsentiert die Analyse seines Landeskriminalamtes zu „Teenage-Terroristen“: wissenschaftliche Mängel auf 53 Seiten.

© Marijan Murat/dpa

Innenminister Thomas Strobl (CDU) präsentiert die Analyse seines Landeskriminalamtes zu „Teenage-Terroristen“: wissenschaftliche Mängel auf 53 Seiten.

Von Franz Feyder

Für Innenminister Thomas Strobl (CDU) ging es darum, eine bestimmte Form des Terrorismus „bekämpfen und austrocknen zu können“. Er sparte nicht mit Superlativen, als er die Ergebnisse einer Studie zu Teenager-Terroristen vorstellte: Hoch effizient hätten die Wissenschaftler des Landeskriminalamtes in einer „weltweit ersten kriminologischen Auswertung“ gearbeitet, um zu analysieren, wie junge Menschen sich in sozialen Medien, insbesondere dem Kurznachrichtendienst Telegram radikalisieren und ihren Weg in den Terrorismus finden. „Terrorgram“ haben die Kriminalisten diese Szene getauft.

Nur: Der 53 Seiten umfassende Aufsatz hat erhebliche wissenschaftliche Mängel. Zwar kann er Mitarbeitern in Sicherheitsbehörden helfen, Täter künftig besser einzuschätzen und Hypothesen bei ihren Ermittlungen zu entwickeln. Um gesellschaftliche oder gar politische Handlungen zu empfehlen, dafür sind die Ergebnisse jedoch zu ungenau und zu allgemein.

Zentrales Problem der Untersuchung ist, dass die beiden Forscher nur 37 Ermittlungs- und Justizakten deutscher Fälle zwischen 2020 und 2025 betrachteten: Durchschnittlich waren die Täter 16,4 Jahre alt, männlich, jeder fünfte unter 14 Jahre, viele psychisch erkrankt, aus Problemfamilien, sozial isoliert. Die meisten kündigten in sozialen Medien an, dass sie gewalttätig werden wollen, schilderten ihre Gewaltfantasien und verbreiteten extremistische Propaganda. Bei mehr als der Hälfte wurde festgestellt, dass sie Anschläge konkret vorbereiteten. Keiner der Pläne wurde umgesetzt.

Die Untersuchung aber zeigt nicht die gesamte Szene, sondern nur Jungen und junge Männer, die durch ihr Verhalten den Sicherheitsbehörden auffielen. Jugendliche, die provozierend auftreten oder psychisch erkrankt sind, geraten bei Behörden eher in den Blick. Ihre Daten sind daher überrepräsentiert. Unauffällige, seelisch stabilere Menschen bleiben unsichtbar.

Nicht untersucht wurden die Jugendlichen, die über Manipulationen in sozialen Medien überhaupt ihren Weg in die Kriminalität finden. Eine repräsentative, strukturierte Analyse der Akten straffällig gewordener Jugendlicher hätte die LKA-Analyse aussagekräftiger gemacht. Trotzdem kommt Strobl Haus zu dem Schluss: „Fast alle Personen haben diagnostizierte psychische Erkrankungen oder Auffälligkeiten. Überraschend war der hohe Anteil von über 68 Prozent an diagnostizierten psychischen Erkrankungen. Weitere 24 Prozent zeigten deutliche Anzeichen für entsprechende Erkrankungen.“

Zahlen, die irreführend sind. Denn obwohl die Anzahl der untersuchten Fälle gering ist, destilliert Strobl Prozentzahlen daraus. Das wirkt zunächst exakter und seriöser, doch gibt das die Untersuchung nicht her. Die 37 analysierten Fälle eignen sich viel eher dazu, typische Muster zu beschreiben und neue Fragen aufzuwerfen.

Der Ansatz, sich nur auf Ermittlungsakten zu beschränken führt dazu, dass sich die Forscher auf Risiken, Probleme und Gefahren bei ihrer Arbeit konzentrieren. Positive Aspekte, Schutzfaktoren und normale Entwicklungen – wie sie bei der Mehrzahl junger Menschen vorliegen – tauchen in der Analyse nicht auf. Darüber hinaus werden psychische Erkrankungen, familiäre Probleme und soziale Isolation meist nur dann in Akten dokumentiert, wenn sie für die Verfahren relevant sind. So entsteht ein sehr problemorientiertes Bild, dessen Vollständigkeit nicht zu überprüfen ist.

Trotzdem zieht Strobl die allgemeine Schlussfolgerung: „Die allermeisten Personen sind familiär vernachlässigt und sozial desintegriert. Ziel der Landesregierung ist es deshalb, den Jugendlichen dabei zu helfen, verfügbare Angebote der Sozial- und Jugendarbeit wahrnehmen zu können.“

Ein weiterer Schwachpunkt: Vergleichsgruppen fehlen. Ohne die Gegenüberstellung mit nicht-radikalisierten Jugendlichen oder anderen Formen von Jugendgewalt lässt sich nicht sagen, ob bestimmte Merkmale wirklich typisch für die „Terrorgram“-Szene sind. Viele der in dem Bericht genannten Faktoren – soziale Isolation, Mobbing, psychische Probleme, Frauenfeindlichkeit – kommen auch in anderen, problematischen Jugendmilieus vor.

Besonders, weil zentrale Begriffe der Aktenauswertung wie „Radikalisierung“, „soziale Integration“ oder „Ausstieg“ hauptsächlich durch jene definiert und bewertet wurden, die die Ermittlungsakten anlegten. Ob diese Begriffe bei alles Ermittlungen gleich interpretiert und angewendet wurden, bleibt in dem ministeriell hochgelobten Aufsatz unklar. Beim Ausstieg aus einer Szene etwa ist für Ermittler oft schon der Abbruch von Kontakten oder die Annahme von Beratungsangeboten ein Erfolg. Ob aber solche Schritte bei Tätern bereits zu langfristigen Verhaltensänderungen führten, wurde in der Studie nicht überprüft.

Die Analyse des Landeskriminalamtes ist stark geprägt von der polizeilichen Perspektive. Dadurch bleiben pädagogische, jugendkulturelle oder entwicklungspsychologische Ansätze unberücksichtigt.

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Erstellt:
19. Januar 2026, 14:56 Uhr

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