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Lohnen sich die Extras beim Arzt?

Patienten sollten sich genau informieren, bevor sie Individuelle Gesundheitsleistungen ( IGeL) in Anspruch nehmen

Oft ist dem Kassenpatienten nicht klar, was Diagnose- undTherapieangebote wirklich nutzen, dieaus der eigenenTasche gezahlt werden müssen. Unsere Übersicht zeigt, was Studien dazu belegen und Experten sagen.

Die Vorstellung vom Erblinden macht Angst. Augenärzte müssen daher nicht viel Überzeugungsarbeit leisten, um bei ihren Patienten präventiv den Augeninnendruck messen zu dürfen. Denn sollte der erhöht sein, gilt das als Hinweis auf ein sich entwickelndes oder bereits bestehendes Glaukom, auch grüner Star genannt. Dabei wird der Sehnerv geschädigt, was zur Erblindung führen kann. Keine andere Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) wird den Patienten öfter angeboten als die Augeninnendruckmessung. Doch zuverlässig ist sie nicht. Die Hälfte der Glaukome wird durch eine alleinige Augeninnendruckmessung übersehen, sagt Ludger Wollring vom Berufsverband der Augenärzte (BVA). Erst in Kombination mit einer visuellen Untersuchung des Sehnervs taugt die Innendruckmessung durchaus zur Früherkennung. Und das sei, wie Wollring betont, in Augenarztpraxen die Regel.

Humane Papillomviren (HPV) gelten als Hauptauslöser für den Gebärmutterhalskrebs, an dem jährlich rund 1500 Frauen sterben. Es gibt zwar schon für die Früherkennung den Pap-Test, bei dem Schleimhautzellen an Gebärmutterhals und Muttermund abgestrichen und unter dem Mikroskop begutachtet werden. Doch er gibt lediglich Aufschlüsse darüber, ob Zellen gesund oder krank sind, während der HPV-Test im Schleimhautabstrich gezielt nach dem Hauptverursacher des Tumors sucht. Das Deutsche Krebsforschungszentrum hält ihn daher für sinnvoll – „allerdings nicht für jüngere Frauen unter 30 Jahren“. Der Grund: Jüngere Frauen sind häufiger HPV-infiziert, doch bei ihnen heilt das auch relativ häufig folgenlos wieder ab. In den kommenden Monaten wird eine Kombination aus Pap- und HPV-Test ins gesetzliche Früherkennungsprogramm für Frauen über 35 aufgenommen. Sie können sich dann alle drei Jahre – auf Kosten der Krankenkassen – entsprechend untersuchen lassen.

Eierstockkrebs ist die fünfthäufigste Todesursache bei Frauen. Eine Vorsorgeuntersuchung wäre daher wünschenswert. Doch ob dazu auch die Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke gehört, ist fraglich: In den letzten drei Jahren wurde sie fast jeder fünften Patientin angeboten, doch der IGeL-Monitor bewertet sie negativ. In diesem Gutachten, das durch interdisziplinäre Wissenschaftler im Auftrag der gesetzlichen Krankenkassen angefertigt wird, heißt es: „Mit Ultraschalluntersuchung sterben gleich viele Frauen an Eierstockkrebs wie ohne Untersuchung.“ Stattdessen würden nur viele Frauen unnötig durch Fehlalarme beunruhigt und sogar eigentlich gesunde Eierstöcke entfernt. Beim Ultraschall zur Prävention von Brustkrebs fanden die Experten nicht einmal genug Daten, um ein positives oder negatives Urteil abgeben zu können. Trotzdem rangiert diese Leistung unter den Top Ten der beliebtesten Individuelle Gesundheitsleistungen.

Die krebskranke Prostata des Mannes schüttet mehr PSA-Eiweiß aus, und das lässt sich im Blut nachweisen. Doch der PSA-Wert steigt auch bei einer harmlosen Entzündung oder Vergrößerung der Vorsteherdrüse oder auch nur, wenn der Patient vorher auf dem Fahrrad gesessen hat. Hier liegt es am Arzt, nicht vorschnell Unruhe zu stiften. „Die Probleme liegen weniger im Wert als in den Schlüssen, die man aus ihm zieht“, sagt Markus Graefen vom Prostatakrebszentrum des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Ein PSA-Wert von mehr als 2 ng/ml sei kein Grund zur Panik, so der Urologe, sondern lediglich eine Aufforderung, den Test im nächsten Jahr zu wiederholen. Erst bei über 4 ng/l sollte schon vier Wochen später ein weiterer Test erfolgen.

Bei der Dermatoskopie wird die Haut mit einer speziell beleuchteten Lupe untersucht, um frühzeitig bösartige Veränderungen entdecken zu können. Und tatsächlich: In einer internationalen Studie gaben 86 Prozent der Dermatologen an, dadurch mehr Melanome gefunden zu haben, und 71 Prozent sagten, dadurch weniger überflüssige Schnitte an gutartigen Läsionen durchgeführt zu haben. „Unsere Studie bestätigt die Dermatoskopie als wertvolles Werkzeug der Melanomdiagnostik“, resümiert Studienleiterin Ana-Maria Forsea vom Elias University Hospital in Bukarest. Die rumänische Forscherin bemängelt allerdings, dass die Potenziale der Dermatoskopie - mittlerweile lässt sie auch mit einer hochauflösenden Digitalkamera durchführen - noch besser ausgeschöpft werden könnten.

Viele Zahnärzte empfehlen den Patienten, sich vierteljährlich bis jährlich die Zähne und Zahnzwischenräume säubern, von Belägen befreien, polieren und fluoridieren zu lassen. Denn dies soll angeblich vor Karies und Parodontose schützen. Doch die wissenschaftliche Datenlage dazu ist lückenhaft. In einer schwedischen Studie zeigte sich, dass schon eine jährliche Anleitung zur richtigen Zahnpflege – ohne professionelle Reinigung – kaum noch Zahnfleischentzündungen aufkommen lässt. Denn wenn der Patient sein Gebiss zu Hause besser pflegt, wirkt sich das täglich aus, während die professionelle Zahnreinigung nur alle paar Monate stattfindet.

Hartnäckig hält sich in der HNO-Medizin die Vorstellung, wonach Hörsturz und Tinnitus durch Durchblutungsstörungen im Innenohr ausgelöst würden. Der Patient bekommt deswegen IGeL-mäßig mehrere Tage lang Infusionen mit Arzneimitteln verabreicht, die den Blutfluss verbessern sollen. Eindeutige Belege für deren Wirksamkeit fehlen jedoch, dafür werden Nebenwirkungen wie Schwindel, Kopfschmerzen und sogar zunehmende Ohrgeräusche berichtet. Der Grund: Die Infusionen können den Blutdruck so weit in den Keller sacken lassen, dass am Ende die Versorgung im Innenohr noch schlechter wird.

Die Experten des IGeL-Monitors sind streng: Von den bisher 50 bewerteten Leistungen wurden 25 negativ bewertet und bei 20 lautete das Urteil „unklar“, weil man keine wissenschaftlichen Daten finden konnte. Gerade mal drei erhielten eine tendenziell positive Note: die Lichttherapie gegen Depressionen, die Stoßwellentherapie beim Fersenschmerz – und die Akupunktur bei Migräne. Letzteres erstaunt, weil Wissenschaftler dem systematischen Nadeln in der Regel skeptisch gegenüberstehen. Doch im IGeL-Monitor heißt es: „Studien ergeben, dass Akupunktur Migräneschmerzen ebenso gut lindert wie Medikamente, deren Nutzen nachgewiesen ist.“ Und dabei spiele es keine Rolle, wo die Nadeln gesetzt werden. Was letztendlich bedeutet: Eigentlich muss der Akupunkteur gar nicht wissen, wo er nadelt – Hauptsache, er nadelt. Das klingt nicht gerade so, als müsse er eine besondere Kompetenz besitzen. Doch am Ende zählt ja, dass er dem Patienten nachgewiesenermaßen geholfen hat.

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Erstellt:
12. Dezember 2018, 03:14 Uhr

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