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Kein Aufnahmestopp für neue Bewohner in Pflegeheimen

dpa/lsw Stuttgart. Das Coronavirus kann für alte und kranke Menschen zur tödlichen Gefahr werden. Pflegeheime stehen deshalb besonders im Fokus - dennoch will Gesundheitsminister Lucha sie für neue Bewohner nicht absperren lassen.

Manne Lucha, Gesundheitsminister von Baden-Württemberg, sitzt im Landtag. Foto: Marijan Murat/dpa

Manne Lucha, Gesundheitsminister von Baden-Württemberg, sitzt im Landtag. Foto: Marijan Murat/dpa

Mindestens 19 Tote und Dutzende Infektionen in Pflegeheimen, Besuchsverbote und immer wieder zu wenig Masken und Schürzen zum Schutz gegen das Coronavirus: Trotz der angespannten Lage und einer steigenden Zahl schwerer Fälle in Pflegeeinrichtungen und sozialen Diensten des Landes werden neue Bewohner nicht pauschal aus den Heimen ausgesperrt. „Ich bin gegen einen grundsätzlichen Aufnahmestopp“, betonte Gesundheitsminister Manne Lucha am Donnerstag. „Das wollen und das können wir nicht.“ Voraussetzung sei aber, dass sich die Häuser und Dienste gegen weitere Ansteckungen absicherten, sagte der Grünen-Minister am Donnerstag in Stuttgart.

Menschen dürften nicht zu lange in den Krankenhäusern liegen, weil die Akutkapazitäten dort dringend gebraucht würden. Sollten Pflegeheime niemanden mehr aufnehmen, werde das Problem lediglich zurück an die belasteten Krankenhäuser verlagert. Problem der Heime sei allerdings noch die ausreichende Schutzausrüstung, räumte Lucha ein.

Nach einer Infektionswelle in einem Wolfsburger Heim mit mehr als 20 Toten hatte die niedersächsische Landesregierung eine Sperre für neue Bewohner in allen Pflegeheimen verordnet. Ausnahmen gibt es nur, wenn eine 14-tägige Quarantäne für neue Bewohner gewährleistet ist.

Für die Diakonie Baden ist diese Entscheidung nicht nachvollziehbar: „Welches Problem wird dadurch gelöst? Die Leute müssen doch irgendwo hin“, sagte Beatrix Vogt-Wuchter, die die Abteilung für Alter, Pflege und Gesundheit der Diakonie leitet. Viel wichtiger sei es, dass die Heime und Dienste mit Schutzmaterial wie Masken, Schürzen, Visieren und Desinfektionsmittel ausgestattet würden. Die Diakonie betreut rund 100 evangelische Pflegeheime und 75 Sozialstationen.

Patientenschützer kritisieren den Aufnahmestopp als „Brandbeschleuniger in der Krise“. Damit versage das Land Niedersachsen beim Schutz der Schwächsten, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, der Deutschen Presse-Agentur. „Denn Pflegeheimplätze werden dringend gebraucht.“ Mit der Übernahme von Zehntausenden von Patienten entlasteten sie kurzfristig die Krankenhäuser, die Heime müssten aber auch gerüstet sein, der Infektionsgefahr zu begegnen.

Corona-Tests in der Altenpflege müssten nun oberste Priorität erhalten. Jeder Pflegebedürftige müsse vor einer Aufnahme auf das Coronavirus getestet und in der Einrichtung isoliert werden, bis ein Ergebnis vorliege. „Ein Stopp für Pflegeheime ist aber politische Verantwortungslosigkeit“, sagte Brysch.

Bund und Länder haben unterdessen die Notwendigkeit von Schutzvorkehrungen für Pflegeheime und Behinderteneinrichtungen unterstrichen. „Hier leben Menschen, die besonders anfällig für Infektionen sind, die müssen wir besonders schützen“, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach einer Telefonkonferenz mit den Ministerpräsidenten. Alle Länder wollten Maßnahmen treffen, durch die sichergestellt werde, dass durch neue Personen im Pflegeheim nicht die Gefahr steige, dass jemand sich mit dem Virus infiziere.

In Baden-Württemberg ist eine Ausgangssperre für Bewohner von Heimen denkbar. Landesminister Lucha appellierte an alle Träger von Heimen, eine maximale Ausgangsbeschränkung durchzuhalten. Sollte das über den appellativen Charakter nicht funktionieren, sei man derzeit auch in Vorbereitung, das über einen Erlass zu regeln. Ursel Wolfgramm vom Paritätischen Baden-Württemberg hält eine Ausgangssperre aber für grundsätzlich schwierig. Schließlich würde massiv in Freiheitsrechte eingegriffen. Es müsse sehr gründlich abgewogen werden, ob eine solche Maßnahme zum Schutz der Bewohner wirklich unvermeidlich sei.

Zuletzt hatten unter anderem mehrere Ketten-Infektionen in Pflegeeinrichtungen für Aufsehen gesorgt. Rund 50 Menschen haben sich in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung mit Hauptsitz in Gammertingen (Kreis Sigmaringen) mit dem Coronavirus infiziert. Bewohner und Mitarbeiter seien positiv getestet worden, sagte ein Sprecher der diakonischen Einrichtung. Neben dem Hauptsitz im Kreis Sigmaringen sei auch je eine Einrichtung im Zollernalbkreis sowie im Kreis Reutlingen betroffen. In Bretten (Kreis Karlsruhe) starben bislang zwei Bewohner eines Heims.

In einer Pflegeeinrichtung in Giengen an der Brenz (Kreis Heidenheim) sind 42 Bewohner und sieben Mitarbeiter positiv getestet worden. „Nach wie vor ist die Lage sehr angespannt“, teilte die Heimleitung mit. Sieben Bewohner seien im Krankenhaus, die anderen positiv getesteten Bewohner zeigten bislang keine Symptome. In zwei Seniorenheimen im badischen Stutensee (Kreis Karlsruhe) sind insgesamt mehr als 30 Bewohner erkrankt. In Sersheim (Kreis Ludwigsburg) war bereits am Montag ein 88 Jahre alter Heimbewohner gestorben, der positiv getestet worden war, wie eine Sprecherin des Heims am Donnerstag mitteilte.

Das neue Coronavirus, das die Lungenkrankheit Covid-19 auslösen kann, verbreitet sich durch Tröpfcheninfektion. Während das Virus für junge und gesunde Menschen in der Regel keine große Gefahr darstellt, hat die Erkrankung bei älteren Patienten oft schwere Folgen.

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Erstellt:
2. April 2020, 11:05 Uhr

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