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„Man hört schon das Rasseln der Panzer in der Ferne“

Der Backnanger Ewald Tränkle hat den Einzug der amerikanischen Truppen vor 75 Jahren beobachtet – Soldaten inspizierten die Häuser in der Stadt

Der Backnanger Ewald Tränkle hat als 15-Jähriger den Tag miterlebt, an dem die Amerikaner ankamen. Seine Erinnerungen hat er schriftlich festgehalten.

Die Zerstörung der Sulzbacher Brücke behinderte die amerikanischen Soldaten kaum.

Die Zerstörung der Sulzbacher Brücke behinderte die amerikanischen Soldaten kaum.

„Früh in der Nacht“, so schreibt er über die Brückensprengungen, „gibt es Explosionen, die einen aufwecken.“ Weiter schildert er: Die Mund-zu-Mund-Information meldet: Alle Brücken gesprengt, auch die „große Brücke“, wie der Volksmund das Murrtalviadukt nennt. Das muss ich gesehen haben. Ich verlasse meine Mutter ohne Frühstück, renne am Elisenhof und dann an der Napo (im Dritten Reich Nationalpolitische Erziehungsanstalt, heute Mörikeschule) vorbei, wo alles ruhig ist, auf die Anhöhe vor dem Brückenkopf. Ich sehe, dass die beiden großen Bögen total zertrümmert am Boden liegen. Nur die Auffahrten mit den senkrechten Pfeilern stehen noch. Also schnell zurück zur Mutter. Noch vor der menschenleeren Napo treffe ich einen Bekannten. Kurz darauf hören wir Schreie aus dem höchsten Fenster, und wir vermuten einen Unfall. Wir rennen die Treppen hoch und finden einen Mann in der Kleiderkammer, der uns ein Paar „Überfallhosen“ zum Anprobieren und Behalten in die Hand drückt. Wir sind in Eile, nehmen eine nach grober Prüfung und rennen heimwärts. Die Amis kommen!

Man hört schon das Rasseln der Panzer in der Ferne, und ich nehme meinen Beobachtungsposten am Giebelfenster der Bühne meines Elternhauses Ludwigstraße 40 ein, von wo aus ich die Sulzbacher Straße Richtung Strümpfelbach ein gutes Stück sehen kann. Dann nähert sich die Kolonne: vorne zwei Jeeps, der zweite mit aufgebautem Maschinengewehr im hinteren Sitzbereich, mit stehendem Bedienungsmann. Danach sehe ich Panzer im Schritttempo, links und rechts der Straße Fußsoldaten, bewaffnet mit Maschinenpistolen. Die Kolonne hält dort, wo neben der Straße der Eckertsbach offen verläuft und zum Hang her zwei kleine Seen sind. Die Soldaten in den Jeeps unterhalten sich kurz, dann fährt der Jeep mit dem Maschinengewehr den Weg zum Steinbruch hoch an die Stelle, wo heute die Neuapostolische Kirche steht, und hält an dem obersten Punkt, von wo man die Straße nach der scharfen Rechtsbiegung einsehen kann. Der Jeep fährt zurück und meldet wohl, dass die Straße frei ist.

Die Kolonne setzt sich in Bewegung. Ich renne rüber zum 100 Meter entfernten Bürgerheim. Von dort aus kann ich die gesprengte Sulzbacher Brücke sehen, deren Teile noch auf dem jeweiligen Lager zur Straße aufliegen. Nach einiger Zeit kommt ein Jeep, fährt ein Stück weit die Schräge hinunter, um dann wohl zu taxieren, dass die Durchfahrt nicht geht. Er fährt rückwärts wieder hoch, dann kommt ein Panzer, der mühelos durchfährt und am Eingang zur Uhlandstraße hält. Nach kurzer Zeit kommt ein Räumpanzer mit Schaufel, fasst Trümmermaterial und bringt es in die Lücke. Die Feinarbeit machen dann Männer mit Schaufeln. Ein erster Lkw macht den Test, und da alles gut geht, setzt sich die ganze Kolonne Richtung Stadtmitte in Bewegung. Ich gehe zurück zu meiner Mutter, die mich inständig bittet, jetzt dazubleiben.

Soldaten inspizieren die Häuser. Suchen die wohl deutsche Soldaten? Ein Soldat, mit Maschinenpistole bewaffnet, kommt herein, öffnet mit der linken Hand eine Tür um die andere und prüft, ob da „etwas“ ist, in der rechten Hand immer die MP schussbereit. Meine Mutter und ich warten in der Wohnküche. Letztlich kommt er dazu, steht etwas unschlüssig da und fragt: „Bathroom?“ Er ist erfreut, dass ich ihm auf Englisch antworte, ist dann aber enttäuscht, als ich sage: „No bathroom, no water closet.“ Dann aber hat er eine andere Frage: „Wine, do you have some wine?“ Ich sage, dass wir keinen Wein, aber „apple juice“ haben. Er nickt, etwas weniger begeistert. Ich sage, dass ich in den Keller muss, um eine Flasche zu holen. Er stimmt zu, ich gehe in den Keller, packe eine Flasche und wende mich zur Treppe. Da steht er oben mit der MP im Anschlag. Ich frage, was ist. Es ist ihm sichtbar peinlich. Er bittet mich herauf, ich mache in der Küche die Flasche auf, und er spricht vom Werwolf und dass sie Befehl hätten, streng zu beobachten. Meine Mutter hat drei Gläser bereitgestellt, ich schenke ein. Auf meine Frage, wo er zu Hause ist, gibt er bereitwillig Auskunft: Ostküste der USA. Und wohin müssen sie gehen? Berlin. Und dann ohne meine Frage die Aussage: Sie hätten Angst, dass sie wahrscheinlich noch gegen die Russen kämpfen müssten. Ich bin baff. Die Getränke stehen noch immer auf dem Tisch. Ich fordere ihn auf, doch zu trinken. Er antwortet, dass sie aufpassen müssten – wir sollten zuerst trinken. Meine Mutter und ich leeren das halbe Glas, dann trinkt auch er, es ist alles okay. Er ist sichtlich müde und würde wohl noch gerne bleiben, aber er muss weiter.

Zeitzeuge Ewald Tränke. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Zeitzeuge Ewald Tränke. Foto: A. Becher

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Erstellt:
20. April 2020, 06:00 Uhr

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