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Maria jahrelang verschwunden: Die Flucht und ihre Folgen

dpa/lsw Freiburg. Mit einem rund 40 Jahre älteren Mann tauchte Maria aus Freiburg unter. Damals war sie 13. Die beiden waren mehr als fünf Jahre verschwunden. Nun steht der Mann vor Gericht. Dort erzählt Marias Mutter, wie es ihrer Tochter heute geht - und wieso sie ging.

Die modellhafte Nachbildung der Justitia steht auf dem Tisch eines Richters. Foto: Volker Hartmann/Archiv

Die modellhafte Nachbildung der Justitia steht auf dem Tisch eines Richters. Foto: Volker Hartmann/Archiv

Die vor sechs Jahren untergetauchte Maria aus Freiburg leidet nach Aussagen ihrer Mutter bis heute und muss das Geschehene noch aufarbeiten. Aber die inzwischen 19-Jährige mache nun einen Schulabschluss, sagte ihre 55 Jahre alte Mutter am Freitag vor dem Landgericht Freiburg. In den mehr als fünf Jahren, in denen sie mit einem rund 40 Jahre älteren Mann verschwunden war und im Ausland lebte, sei sie nicht zur Schule gegangen.

Die damals 13 Jahre alte Maria aus Freiburg war laut Anklage im Mai 2013 mit dem erwachsenen Mann ins Ausland geflüchtet, ohne dass deren Eltern von dem Plan wussten oder einverstanden waren. Sie ging damals in die siebte Klasse eines Gymnasiums. Die Mutter und die Polizei suchten weltweit nach Maria, bis diese Ende August vergangenen Jahres unerwartet zu ihrer Mutter nach Freiburg zurückkehrte.

Ihr Begleiter, ein heute 58 Jahre alter Deutscher aus Blomberg in Nordrhein-Westfalen, wurde wenig später in Italien festgenommen. Ihm werden Kindesentführung und sexueller Missbrauch zur Last gelegt. Er soll mit dem Mädchen verbotenerweise untergetaucht sein und es in 108 Fällen sexuell missbraucht haben. Das Paar reiste laut Anklage zunächst durch Osteuropa und lebte die vergangenen Jahre in Italien.

„Die jahrelange Ungewissheit war unerträglich“, sagte die Mutter vor Gericht. Sie habe bis zuletzt gehofft, dass Maria noch lebe und zurückkehre. Es habe aber mehr als fünf Jahre lang kein Lebenszeichen gegeben. Heute gehe es darum, der inzwischen 19-Jährigen ein normales familiäres Umfeld zu bieten.

Maria benötige Hilfe und Medikamente - auch um sich in der Ernährung wieder umzustellen. Staatsanwältin Nikola Novak sagte, Maria habe sich seit ihrer Flucht am 4. Mai 2013 mit ihrem Begleiter fast ausschließlich von Wasser und Brot, gelegentlich angereichert mit Wein, ernährt. Medikamente gegen ihre Schilddrüsenerkrankung habe sie von dem Mann nicht erhalten. Mit Gelegenheitsjobs habe das Paar das Leben finanziert. Zur Schule gehen oder ein Handy nutzen durfte das Mädchen nicht.

Bereits 2011, als Maria elf Jahre alt war, hätten das Mädchen und der ältere Mann über ein Chat-Forum im Internet Kontakt gehabt, sagte die Mutter. Die Kriminalpolizei Detmold habe damals ermittelt. Das Verfahren gegen den Mann sei aber eingestellt worden. Dass der Kontakt bestehen blieb, habe sie nicht mitbekommen. Es kam laut Anklage 2012 zu ersten Treffen und mehrfach zu sexuellem Missbrauch.

„Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich naiv war“, sagte die Mutter. Sie habe nicht gewusst, ob und wie ihre Tochter im Internet aktiv sei, mit wem sie dort Kontakt habe. Untergetaucht mit dem Mann sei sie, „weil sie es jedem recht machen will“ und sich verpflichtet sah. Noch heute fühle sich ihre Tochter schuldig und verantwortlich, dass der 58-Jährige in Untersuchungshaft sitze. Diese Meinung zu korrigieren, werde Zeit in Anspruch nehmen.

„Sie wollte immer weg von zu Hause, sie hat sich dort nie wohlgefühlt“, sagte ihre frühere Freundin, die am Freitag ebenfalls als Zeugin vor Gericht aussagte. In dem rund 40 Jahre älteren Mann habe die Mädchen einen „Vaterersatz“ gesehen. Marias Eltern haben sich den Angaben zufolge vier Wochen nach Marias Geburt getrennt. Zu ihrem Vater habe Maria kaum Kontakt gehabt, sagte die Mutter.

Maria selbst hatte am Montag mehr als acht Stunden lang vor Gericht ausgesagt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie wolle mit dem Fall abschließen können, sagte ihre Anwältin Claudia Meng. Bereits zum Prozessauftakt in der vergangenen Woche hatte der Angeklagte sich geäußert, zu den Vorwürfen ebenfalls nicht-öffentlich. Den Angaben zufolge hat er einen Großteil der Vorwürfe eingeräumt.

Auch für die Vernehmung der früheren Ehefrau wurde am Freitag die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Die geplante Anhörung der Stieftochter des Mannes wurde verschoben - sie hatte am Freitag vor Gericht gesundheitliche Probleme. Dem Mann wird auch ein sexueller Übergriff auf seine Stieftochter vorgeworfen, als diese im Kindesalter war. Zum Opferschutz sollte auch ihre Vernehmung hinter verschlossenen Türen stattfinden.

Weil dies für weite Teile des Prozesses gilt, werden auch für die im Juni geplanten Plädoyers Publikum und Presse ausgeschlossen. Das Gesetz schreibe dies so vor, sagte ein Gerichtssprecher. Sexuelle und intime Details, die zur Sprache kämen, müssten zum Schutz der Betroffenen auch bei den Plädoyers nicht-öffentlich bleiben.

Der Angeklagte richtete, als Marias Mutter aussagte, ein persönliches Wort an sie. Es geht um seinen Hund, den er zurücklassen musste. „Sie haben meinen Hund, Bianca, bei sich aufgenommen“, sagt der Mann, der seit vergangenen Sommer in U-Haft sitzt: „Dafür danke ich Ihnen.“

Der Prozess wird mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt. Ein Urteil soll es Ende Juni geben (Az.: 3 KLs 160 Js 12932/13 AK 7/19).

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Erstellt:
17. Mai 2019, 15:25 Uhr

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