Student des Jahres 2026

Marian Grau hilft Geschwistern behinderter Kinder

Marian Grau wird zum „Student des Jahres 2026“ gekürt. Die Auszeichnung gilt seinem Einsatz für Kinder, die behinderte Geschwister verloren haben.

Marian Grau ist mit einem schwerbehinderten Bruder aufgewachsen, der 2010 verstarb. Ihm setzt er mit seinem Buch ein Denkmal.

© Fricker

Marian Grau ist mit einem schwerbehinderten Bruder aufgewachsen, der 2010 verstarb. Ihm setzt er mit seinem Buch ein Denkmal.

Von Uli Fricker

Wir treffen uns im Café der Universitätsbibliothek Konstanz. Marian Grau bestellt eine frisch gepresste heiße Zitrone, denn mit Kaffee hat er nichts am Hut. Er trägt unauffällige Winterkleidung in Schwarz und Grau. Jungenhaftes Gesicht, breites Lächeln mit blendenden Zähnen, links ein kleiner Ohrring. Der 23-Jährige Student der Informatik taucht im Gewusel seiner Generation unter. Die Studierenden unterhalten sich und erzählen das Neueste aus den jüngsten Prüfungen. Grau fällt hier nicht weiter auf, aber er sticht heraus - aus innerer Größe: Vor einigen Tagen wurde er zum „Studenten des Jahres“ gekürt.

Ehrung für sein Engagement für die Geschwister behinderter Kinder

Zwei hochrangige Dachorganisationen haben den Schwaben dafür ausgewählt. Das Deutsche Studierendenwerk (DSW) und der Deutsche Hochschulverband (DHV) zeichneten ihn mit diesem hohen Titel aus, der jährlich und bundesweit ein Mal verliehen wird. Spannend daran: Das Podium gilt nicht etwa außergewöhnlichen akademischen Leistungen. Marian Grau wurde für seinen sozialen Einsatz auf einem ungewöhnlichen Feld gewürdigt: Er kümmert sich um die jungen Menschen, die schwerstbehinderte Geschwister verloren haben.

In zahlreichen Ehrenämtern wie zum Beispiel beim Verein Julius Philip e. V. engagiert er sich für Jungen und Mädchen, deren Leben auf derart herbe Art geprägt wurde. Der junge Mann aus Affalterbach (Kreis Ludwigsburg) weiß, wovon er spricht. Bei seinem zwei Jahre älteren Bruder Marlon wurde kurz nach der Geburt ein schwerer Gendefekt diagnostiziert.

Marlon war Zeit seines Lebens ans Bett gefesselt. „Der Pflegedienst kam jeden Tag um halb sechs Uhr morgens“, berichtet der überlebende Bruder. Dann lief der Tag streng nach Plan ab, alles war auf die Bedürfnisse und Nöte des Bruders ausgerichtet. Marian hat diese Zeit nie als Einschränkung empfunden, er kannte es nicht anders. Marlons Pflege war die Achse der Familie. Auslandsreisen kannte er bis dato nicht. „Die Familienferien verbrachten wir im Kinderhospiz“, berichtet der Student ohne Wehmut. Für ihn war auch das ein Erlebnis, denn das Hospiz sorgte dafür, dass die gesunden Geschwister etwas erleben konnten. Marian durfte erstmals reiten.

Noch als Schüler schrieb Marian das Buch über seinen Bruder

Nach dem Tod Marlons 2010 startete sein Vater mit ihm nach Kambodscha. Während des Fluges passierte es: Während der Vater kurz nach dem Abheben einschlief, war es dem elfjährigen Sohn bald langweilig. Er fing an zu schreiben. Wort für Wort notierte er seine Jahre mit dem älteren Bruder. „Meinem Bruder will ich ein Denkmal setzen“, sagt er im Gespräch. Daraus wurde ein Buch mit dem Titel Buch „Bruderherz: Ich hätte dir so gern die ganze Welt gezeigt“. Ein angefragter Verlag nahm es sofort an, angetan vom Thema und der frischen Schreibweise.

Marian war damals noch Gymnasiast. Wie selbstverständliche fing er an, das Buch zu bewerben. Er unternahm lange Lesereisen, zu denen ihn ein Elternteil oder die stolze Tante gerne begleiteten. Das öffentliche Interesse war groß. Schnell meldeten sich Zeitungen bei ihm, mit denen er – damals ein Teenager – unbefangen sprach. Mit Buch und Vorträgen hatte er ein ebenso seltenes wie wichtiges Themenfeld aufgetan: Das Leben der Menschen, die einen kranken Bruder oder eine kranke Schwester haben.

„Geschwisterkinder“ ist deshalb das häufigste Wort, das Marian in den Mund nimmt. Seine Arbeit mit diesen jungen Hinterbliebenen geht weiter, er schwärmt von jährlichen Treffen mit ihnen und sagt: „Wir sind uns besonders nahe.“

Im Moment bewirbt sich der frischgebackene Bachelor für ein Master-Studium an der berühmten ETH in Zürich. Noch wartet er auf einen positiven Bescheid aus der Schweiz. Wenn es klappt, kann er das Preisgeld für den „Studenten des Jahres“ für die saftig gestiegenen Studiengebühren in Zürich einsetzen.

Zum Artikel

Erstellt:
1. März 2026, 12:26 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen