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Maultaschen statt Gourmetküche

Christlicher Pächter übernimmt das ehemalige Café Rilke in Backnang – „Segenswerk“ hat auch einen sozialen Anspruch

Bis Ende 2016 war das Café Rilke mit seiner Kerzenstube die erste Adresse für Feinschmecker im Raum Backnang. Dann gingen Sternekoch Philipp Eberhard und Konditormeisterin Sara Bernhard nach Düsseldorf, das „Rilke“ stand seitdem leer. Doch jetzt tut sich wieder etwas in der Marktstraße: Nächste Woche eröffnet Markus Kübler das Lokal unter einem neuen Namen und mit einem völlig anderen Konzept.

Neuer Pächter, neuer Name: Mit seinem „Segenswerk“ will Markus Kübler die Räume in der Backnanger Marktstraße wieder beleben. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Neuer Pächter, neuer Name: Mit seinem „Segenswerk“ will Markus Kübler die Räume in der Backnanger Marktstraße wieder beleben. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Mit etlichen Interessenten hat Claudia Bernhard gesprochen und verhandelt, seit das „Rilke“ vor eineinhalb Jahren zugemacht hat, der oder die Richtige war aber lange Zeit nicht dabei. Die einen kamen mit ihrer Planung nicht voran, bei anderen zweifelte die Hauseigentümerin an der Liquidität, und an eine Gastrokette wollte sie das Lokal auch nicht unbedingt verpachten. „Das Konzept muss auch zum Haus passen“, findet Bernhard, „bei etwas rein Kommerziellem hätte ich kein gutes Gefühl gehabt.“ Umso glücklicher ist sie, dass sie jetzt einen Pächter gefunden hat, der neben einem außergewöhnlichen Konzept auch das nötige Herzblut mitbringt: „Dass das geklappt hat, ist ein Himmelsgeschenk“, schwärmt die Vermieterin.

Markus Kübler heißt der neue Pächter, der das Lokal am kommenden Mittwoch unter dem Namen „Segenswerk“ neu eröffnen will. Die Räume sind weitgehend unverändert geblieben, auch Teile des Rilke-Inventars hat der neue Betreiber übernommen, sein Konzept ist jedoch ein völlig anderes. Statt auf Gourmetküche setzt der neue Inhaber auf erschwingliche Preise und einen schwäbischen Klassiker: „Unser Schwerpunkt liegt auf selbst gemachten Maultaschen“, erklärt Kübler. Die soll es im „Segenswerk“ mit den unterschiedlichsten Füllungen geben: mit oder ohne Fleisch, mit Lachs oder auch eine süße Variante mit Apfelfüllung und Vanillesoße. Morgens gibt es Frühstück, nachmittags Kaffee und selbst gebackene Kuchen. Das gastronomische Angebot wird wie zu Rilke-Zeiten um eine Handelsfläche im Erdgeschoss ergänzt. Zusammen mit Partnern will Kübler hier ausgewählte Produkte anbieten, unter anderem Schnittblumen, Dekoartikel, Kaffee und Bioprodukte vom Bauernhof der Paulinenpflege.

„Wir wollen ein Segen für
andere Menschen sein“

Der Name „Segenswerk“ soll aber für mehr stehen als nur für ein Restaurant mit Laden. Markus Kübler ist überzeugter Christ, genau wie die drei stillen Teilhaber im Hintergrund. Alle vier gehören der Biblischen Gemeinde an, die gleich neben dem Lokal ihr Gemeindezentrum hat. Ihr Glaube spielte auch bei der Konzeption für die Gastronomie eine wichtige Rolle: „Wir wollen ein Segen für andere Menschen sein“, erklärt Kübler. Diesem Anspruch will er bereits bei der Zusammenstellung seines Teams gerecht werden: „Wir sind offen für alle und wollen ein multikulturelles Team bilden“, sagt der 51-Jährige. Gerne würde er deshalb auch Flüchtlingen eine Chance geben. Außerdem will der Pächter Menschen mit Behinderung in seine Mannschaft holen. Etwa bei der Produktion der Maultaschen könnten diese gut mitarbeiten, glaubt Kübler. Allerdings will er damit noch warten, bis er die stressige Startphase erfolgreich gemeistert hat.

Auch unter seinen Gästen wünscht sich der neue Pächter eine Mischung aus allen Bevölkerungsschichten: „Essen verbindet“, findet Kübler und plant deshalb eine besondere Aktion: Wer möchte, kann beispielsweise einen Kaffee mehr bezahlen, als er selber trinkt. Die gespendeten Beträge will Kübler dann in Form von Gutscheinen etwa über den Tafelladen an Bedürftige weiterreichen, damit diese sich auch einmal den Luxus eines Cafébesuchs leisten können.

Ihren kirchlichen Hintergrund wollen die Betreiber nicht verleugnen – auch Auftritte christlicher Künstler kann sich Markus Kübler im Segenswerk gut vorstellen –, gleichzeitig betont er aber, dass es ihm nicht darum gehe, seine Gäste zu missionieren. „Wenn wir merken, dass jemand Hilfe braucht, werden wir ihn ansprechen“, sagt der Inhaber. Wenn jemand nur zum Essen und Trinken kommen wolle, sei das aber auch völlig in Ordnung. Nur Alkohol schenkt der neue Wirt seinen Gästen nicht aus. „Das war uns wichtig und ist auch ein Statement“, erklärt Kübler, der dafür jedoch alkoholfreies Bier und sogar alkoholfreien Wein auf der Karte hat.

Lang gehegter Wunsch
vom eigenen Lokal

Mit dem eigenen Lokal gehe für ihn ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung, sagt Markus Kübler. Als junger Mann hat er einst eine Kochlehre gemacht, zuletzt aber viele Jahre eine Agentur für Internetmarketing geführt. Als er das leer stehende „Rilke“ sah, habe er sich zunächst gar nicht getraut nachzufragen, erzählt er. „Ich habe es eigentlich nur getan, um mir nicht vorwerfen zu müssen, es nicht probiert zu haben.“ Jetzt freut er sich umso mehr, dass es tatsächlich geklappt hat, und glaubt fest daran, dass sein Konzept Erfolg haben wird. Gerade für die vielen christlichen Gruppen, die sich bisher in schmucklosen Gemeinderäumen oder Privathäusern treffen, könnte das „Segenswerk“ ein neuer gemütlicher Treffpunkt werden. „Alle Christen suchen so etwas“, ist Kübler überzeugt.

Auch Claudia Bernhard traut ihrem neuen Pächter viel zu: „Das ist ein gutes Konzept, und die Betreiber sind engagiert und haben das richtige Herzblut.“ Dass die Zeiten der Spitzengastronomie mit Michelin-Stern in der Marktstraße damit wohl endgültig vorbei sind, stört die Hauseigentümerin nicht: „Ich denke, wir sollten die Vorgeschichte abhaken. Jetzt beginnt eine neue Ära.“

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Erstellt:
21. Juni 2018, 06:00 Uhr

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