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Mediales Lernen trifft reales Leben

Das Interview: Rektorin Melanie Luithardt über Erfahrungen an der Murrhardter Hörschbachschule als Medienreferenzschule

Die Kinder der Hörschbachschule haben beim Europäischen Wettbewerb 2019 erstmals nicht nur klassische Bilder, sondern auch Stop-Motion-Filme eingereicht und waren damit genauso erfolgreich wie mit den klassischen Bildern. Wichtig ist Rektorin Melanie Luithardt aber, dass Lernen sprichwörtlich begreifbar bleibt. Medien können eine wertvolle Ergänzung sein. Die Grundschulpädagogin spricht über ihre Erfahrungen im Alltag der Medienreferenzschule.

Melanie Luithardt, Rektorin der Hörschbachschule, schätzt die Möglichkeiten der Neuen Medien, hält aber auch nichts davon, den Unterricht technisch zu überfrachten. Den Kontakt und das Erleben des unmittelbaren Umfelds hält sie für außerordentlich wichtig. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Melanie Luithardt, Rektorin der Hörschbachschule, schätzt die Möglichkeiten der Neuen Medien, hält aber auch nichts davon, den Unterricht technisch zu überfrachten. Den Kontakt und das Erleben des unmittelbaren Umfelds hält sie für außerordentlich wichtig. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

In puncto Digitalisierung herrscht vielfach Wilder Westen. Wie schwer ist es, die Kinder zu einem friedlichen Umgang mit den Medien zu bewegen, wenn ihnen aus der Erwachsenenwelt ständig Hasskommentare oder abwertende Urteile über andere begegnen?

Diese Shitstorms sind bei uns Gott sei Dank nicht wirklich ein Thema. Das Leben findet zum Großteil in der Schule und auf dem Pausenhof statt. Wenn es Beleidigungen oder Auseinandersetzungen gibt, spielen diese sich hier persönlich ab. Aber die Kinder verabreden sich schon mal über WhatsApp.

Heißt das, dass sich die Kinder noch nicht so stark dadurch beeinflussen lassen, wie Erwachsene mit Medien umgehen?

Wir merken, dass Eltern teilweise kein gutes Vorbild sind, was zum Beispiel die Dauer der Mediennutzung angeht. Wir hatten in der 2. Klasse einen Workshop, bei dem die Kinder auch Wünsche in Bezug auf die Eltern und deren Mediennutzung äußern durften. Ein Punkt, der den Kindern missfiel, war, dass die Eltern ihnen teils Tablet oder Handy verbieten, aber selbst ständig damit beschäftigt sind. Aus diesem Grund wünschten sich die Kinder, dass die Eltern die digitalen Geräte mal weglegen und dadurch mehr Zeit für gemeinsame Unternehmungen haben. Dabei hätten die Kinder den Eltern sogar mehr Nutzungszeit eingestanden, als die Eltern den Kindern zugestehen.

Einerseits geht es darum, die Möglichkeiten der Medien zu nutzen, andererseits einen kritischen Umgang mit ihnen vorzubereiten. Welche Erfolge sind dabei zu verzeichnen?

Viele Kinder merken, dass man mit dem Computer oder iPad nicht nur spielen, sondern auch arbeiten kann. So wissen bei uns alle Kinder, wie Stop-Motion-Filme gemacht werden. Da haben wir mittlerweile echte Experten. Sie entdecken Dinge, die wir noch nicht gezeigt haben, und trauen sich, dies einfach auszuprobieren. Beispielsweise war die Vertonung noch kein Thema, aber einige haben es einfach ausprobiert und umgesetzt. Der Ansporn, am Computer oder iPad üben zu dürfen, ist groß und lässt sich auch über konkrete Lernprogramme sehr gut nutzen. Jedoch merken die Kinder, dass Üben auch mit digitalen Medien anstrengend ist.

Wie können Sie das iPad bei Übungen im Alltag konkret einsetzen?

Wir haben zum Beispiel parallel zu den Lehrunterlagen für Mathematik auch eine Software, die Aufgaben in verschiedenen Niveaustufen bietet. Das können Rechenaufgaben zur Festigung oder aber auch Aufgaben mit herausforderndem Charakter sein. Wenn Aufgaben am Rechner noch mal geübt werden sollen, ist die Motivation viel größer als auf dem Papier. Dies ist eine klasse Möglichkeit. Ein anderes Beispiel wäre das Programm Antolin, das wir in der 3. und 4. Klasse nutzen. Das ist eine Leseförderung in Kombination mit Online-Aufgaben und -feedback. Es sind dort sehr viele Kinder- und Jugendbücher aufgenommen. Wenn die Kinder in der Schule oder zu Hause Bücher lesen, haben sie die Möglichkeit, Fragen zu ihnen zu beantworten, können Punkte sammeln und bekommen Rückmeldungen über die Lehrer. Wir wiederum erhalten einen Eindruck, wie intensiv die Kinder lesen.

Wie sieht es beim kritischen Umgang mit Medien aus?

Da haben wir große Unterstützung vom Landesmedienzentrum beziehungsweise Kreismedienzentrum erhalten. Vor einiger Zeit hat ein Mitarbeiter Grundschülern und uns wichtige Themen in dieser Hinsicht vermittelt. Angefangen bei der Tatsache, dass ein Smartphone eine unglaubliche Funktionsfülle in sich trägt, über den Weg von Nachrichten durchs Netz, das sich über ganze Kontinente aufspannt, bis hin zu der Tatsache, dass Menschen im Internet mit einer falschen Identität agieren können. Bei einem Elternabend waren der sichere Umgang im Netz sowie geeignete Spiele Thema. Der Rat des Mitarbeiters war, auch mal beim Spielen der Kinder mit dabei zu sein.

Wenn Sie den Unterricht von vor drei oder vier Jahren mit dem heutigen vergleichen, was hat sich am stärksten geändert?

Die Veränderungen beginnen erst und sind ein dauerhafter Prozess. Die für Anfang 2019 geplante Ausstattung mit 26 neuen Laptops hat sich zum Beispiel lange hingezogen, weil sie erst noch ins Schulnetz integriert werden mussten. Was sich bereits intensiviert hat, ist bei den Viertklässlern die Recherche im Netz und das Schreiben von Texten am Laptop. Durch fest installierte Beamer, Leinwände und Boxen sowie Lehrer-iPads können wir den Tageslichtprojektor nach und nach ersetzen. Das ist erklärtes Ziel, um keine Plastikfolien mehr verwenden zu müssen. Das spart Kosten und für die Umwelt ist es auch gut. Außerdem hat sich gezeigt, dass wir als Lehrer mehr kleinere Erklärfilmchen nutzen wie „Frag die Maus“ oder „Willy will’s wissen“. Der Aufwand war früher viel größer und hätte sich für einen Fünf-Minuten-Beitrag nicht gelohnt.

Das Erlernen der Sprache ist für viele Kinder sehr zentral. Wo helfen die Medien, wo sind sie eher kontraproduktiv?

Die Mischung muss es sein. Wenn ich ein Kind mit wenig Deutschkenntnissen habe, muss ich mich mit ihm beschäftigen, muss Dinge am besten konkret erleben oder anfassen. Danach kann ich, um diese Begriffe zu festigen, Übungen am Computer oder iPad nutzen. Aber die reale Begegnung finde ich unwahrscheinlich wichtig. Und wo dies nicht oder nur mit großem Aufwand möglich ist, können kurzerhand Bilder von unbekannten Begriffen auf dem iPad gezeigt werden. Auch für die Inklusionskinder ist die Arbeit am Computer eine große Motivation und für uns Lehrer eine gute Möglichkeit zur Differenzierung. Ob es jetzt ein Programm für Klasse 1 oder 2 ist, spielt hier keine große Rolle.

Man muss die Programme auswählen und schauen, dass es individuell gut funktioniert?

Beispielsweise beim Rechnen, das regelmäßig geübt werden muss, ist es mühsam für die Kinder, das immer wieder auf dem Papier aufzuschreiben. Aber es gibt ganz nette Spiele, da kann man zum Beispiel mit einem Partner um die Wette rechnen. Hier ist die Motivation extrem hoch. Besser können wir Lehrer es uns nicht wünschen.

Das heißt, Sie nutzen die spielerischen Elemente der Neuen Medien?

In dem Fall nutzen wir vor allem die Motivation der Kinder. Eine weitere Möglichkeit ist der Musikunterricht. Eine Kollegin hat ein Programm verwendet, mit dem Musik komponiert, also verschiedene Instrumentenstimmen kombiniert werden können. Das ist für Kinder spannend, die kein Instrument spielen, aber auch für Kinder, die bereits ein Instrument spielen. Hier können sie ganz einfach mit vielen verschiedenen Instrumenten experimentieren. Ein weiteres Beispiel gibt es im Bereich der Sprache: Ich kann den Deutsch-, aber auch den Englischunterricht wunderbar ergänzen. So können zum Beispiel Bastel- oder Faltanleitungen digital präsentiert werden. Es bietet sich an, den Text von einem Native Speaker zu verwenden, dann ist das Englisch nicht so schwäbisch gefärbt und die Kinder können es so oft anhören, wie sie wollen.

Und der Unterricht wird durch diese Möglichkeiten auch vielseitiger?

Genau. Im Moment setzen wir das noch eher punktuell ein. Ich finde es wichtig, dass der Unterricht nicht zu überfrachtet ist. Die Schüler müssen immer noch schreiben, rechnen, lesen lernen, und zwar einfach auf dem Papier. Nicht zu vergessen das soziale Lernen, der Umgang miteinander. Aber auch da gibt es wieder Anknüpfungspunkte, beispielsweise wenn man einen Stop-Motion-Film miteinander macht, muss man sich aufteilen und absprechen. Unser Part ist dann, darauf zu achten, dass die Balance in der Gruppe stimmt. Weil jedes Kind mit dabei sein möchte, sind die Anfänge bei solchen Projekten oft hitzig. Genauso erstaunlich ist, was Erstklässler an andere Erstklässler bei der Arbeit an den Filmen weitergeben können. Ich habe das Gefühl, dass in den klassenübergreifenden Projekten das Miteinander und das Verständnis füreinander sehr gefördert wird.

Info
Die Hörschbachschule

Die Hörschbachschule hat sich als Referenzschule beworben und 2018 den Zuschlag für den Rems-Murr-Kreis erhalten. Zurzeit sind 14 Frauen und ein Mann als pädagogische sowie Inklusionskräfte dort tätig, die 161 Grundschüler betreuen. Zur Arbeit gehört ein stetiger Ausbau des Medienentwicklungsplans. Weitere Aufgaben sind Elternarbeit und Ansprechpartner für andere Schulen zu sein.

Letztes großes Projekt war ein Film zum 30-jährigen Bestehen der UN-Kinderrechtskonvention. Eines der zehn Kinderrechte wurde dabei filmisch dargestellt.

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Erstellt:
21. Februar 2020, 11:30 Uhr

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