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Medikamenten-Engpass in der Region

Immer seltener bekommen Patienten die Medikamente, die ihnen verschrieben wurden – Apotheker schlagen Alarm

Blutdrucktabletten, Psychopharmaka, Schmerzmittel – immer häufiger kommt es bei der Medikamentenversorgung zu Engpässen. Patienten und Apotheker reagieren frustriert, eine Verbesserung der Lage ist bisher nicht in Sicht.

Leere Schubladen in Hans-Volker Müllers Apotheken: Immer häufiger können Hersteller die benötigten Medikamente nicht liefern. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Leere Schubladen in Hans-Volker Müllers Apotheken: Immer häufiger können Hersteller die benötigten Medikamente nicht liefern. Foto: A. Becher

Von Kristin Doberer

BACKNANG. Verunsicherte Patienten, genervte Apotheker und viele leere Schubladen – momentan das tägliche Bild in Apotheken. Auch in der Region haben Apotheker mit Medikamentenmangel zu kämpfen: „Ganze Medikamentengruppen gibt es zurzeit einfach nicht“, beschwert sich Hans-Volker Müller, Eigentümer der Schiller- und Raphael-Apotheke in Backnang. Vor allem betroffen seien Schmerzmittel, Blutdrucksenker, Säureblocker und Antidepressiva.

Bereits im ersten Halbjahr 2019 waren etwa 7,2 Millionen Medikamente nicht verfügbar, das berechnete das deutsche Arzneiprüfungsinstitut (DAPI). 2017 fehlten insgesamt nur etwa 4,7 Millionen Medikamente, die Lage hat sich also in den vergangenen Jahren zugespitzt. Das hat auch Thomas Förster von der Johannes-Apotheke bemerkt: „Im letzten Jahr wurde das zu einem unglaublichen Problem.“ Mehrmals am Tag könne er seinen Kunden ihre Medikamente nicht aushändigen. „Das frustriert die Kunden natürlich und hin und wieder reagieren diese auch mit Verärgerung.“

Bei den Apothekern sorgen die Engpässe aber nicht nur für Frust an der Kasse, es entstehen auch Kosten: die Beratungsgespräche dauerten länger, da den Kunden die Situation erklärt werden muss. Das Personal habe einen zeitlichen und organisatorischen Mehraufwand, um Alternativmedikamente vom Großhandel zu beschaffen oder Rücksprache mit dem Arzt zu halten. „Es gibt hier einfach einen unglaublichen Redebedarf, das bindet viel Personal und ist mit großem Aufwand verbunden“, erklärt Förster. „Und oft probieren es die Kunden dann in anderen Apotheken. Das ist für uns natürlich sehr ärgerlich.“ Denn oft könnten die Hersteller einfach keinen konkreten Liefertermin nennen oder würden ihn mehrmals hinauszögern, so Förster.

Die Gründe für die fehlenden Medikamente sind vielschichtig

Auch für Müller gehört dieser Mehraufwand nun zum Alltag: „Wir versuchen dann herauszufinden, welcher Hersteller gerade welche Medikamente liefern kann. Das kostet Zeit. Und wenn gar nichts zu machen ist, muss der Arzt kontaktiert werden, damit er ein anderes Medikament verschreibt.“ Besonders für ältere Patienten führten diese ständigen Umstellungen aber zu großen Unsicherheiten, weshalb die Apotheker noch dazu viel Beruhigungsarbeit leisten müssten.

Doch woran liegen die Engpässe bei der Medikamentenversorgung? Die Gründe sind vielschichtig, die Beteiligten in der Branche schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Einen Hauptgrund sieht die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) beim Kostendruck im gesamten Gesundheitswesen. Häufig finde die Wirkstoffproduktion für Generika in Fernost statt. So wird der Wirkstoff für Antibiotika zum Beispiel in nur wenigen Betrieben in China und Indien hergestellt. Gibt es hier bei ganzen Chargen Qualitätsprobleme oder Stillstände, können auch europäische Generikahersteller nicht liefern. So hat sich die Situation im vergangenen Jahr deshalb verschlechtert, weil in einigen Substanzen aus China gesundheitsschädliche Stoffe gefunden worden waren. Diese Wirkstoffe durften von europäischen Herstellern nicht weiterverarbeitet werden, wodurch einige Medikamentengruppen zeitweise komplett fehlten.

Auch Müller sieht vor allem die Hersteller in der Verantwortung: „Die müssen einfach viel beweglicher auf ausfallende Chargen reagieren können.“ Die Generikahersteller selbst schieben die Schuld dagegen auf Krankenkassen und deren Rabattverträge. So verlangt der Interessensverband „Pro Generika“, dass die Verträge auf mehrere Unternehmen aufgeteilt werden müssen, um Versorgungssicherheit zu garantieren.

Die AOK dagegen weist die Kritik zurück und sieht darin den Versuch, „die Aufmerksamkeit weg von der Verantwortung der Generikahersteller“ zu lenken. Als mögliche Lösung sieht die AOK eher eine Verpflichtung zur Vorratshaltung von Apotheken.

Der Backnanger Apotheker Müller erklärt, warum diese Forderung nicht umsetzbar ist. Es gebe viel zu viele verschiedene Arten von Medikamenten in unterschiedlichen Stärken. Im Voraus könne er gar nicht wissen, was genau seine Kunden benötigten. „Wir können ja nicht querbeet alle Mittel vorrätig haben, das funktioniert weder platz- noch kostentechnisch“, sagt Müller. „Momentan sind uns Apothekern die Hände gebunden.“

Eine konkrete Verbesserung ist also nicht in Sicht. Deshalb verlangt ABDA-Präsident Friedemann Schmidt mehr Druck vonseiten des Gesetzgebers: „Wir fordern, die wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen zügig so zu verändern, dass wir wieder Versorgungssicherheit bekommen. Nicht alles kann sofort passieren, aber es muss endlich ein Anfang gemacht werden.“

Info
Generika, Rabattverträge und Chargen:

Was sind Generika?

Medizinische Wirkstoffe sind in der Regel für 10 bis 15 Jahren mit einem Patent geschützt. Anschließend dürfen auch andere Pharmakonzerne Medikamente mit diesem Wirkstoff herstellen und vermarkten. Arzneimittel mit patentfreien Wirkstoffen nennt man Generika.

Was sind Rabattverträge?

In einem Rabattvertrag gewährt ein Pharmahersteller einer Krankenkasse einen Rabatt auf den Herstellerabgabepreis für ein Medikament oder auch ein ganzes Sortiment. Im Gegenzug sichert die Krankenkasse zu, dass alle ihre Versicherten im Normalfall künftig nur dieses Präparat erhalten.

Was ist eine Charge?

Als eine Charge bezeichnet man eine Menge einer Substanz, zum Beispiel eines Medikaments, welche in einem einheitlichen Vorgang hergestellt wurde.

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Erstellt:
22. Januar 2020, 06:00 Uhr

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