Deutschland
Medizinerin befürchtet Trend zu immer mehr assistierten Suiziden
Jeder Mensch hat das Recht, frei über seinen Tod zu entscheiden. Das hat das Bundesverfassungsgericht klargestellt. Eine Medizinerin fürchtet Missbrauch und Wildwuchs.
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Claudia Bausewein, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, befürchtet einen Trend zu immer mehr assistierten Selbsttötungen in Deutschland (Symbolfoto).
Von red/KNA
Einen Trend zu immer mehr assistierten Selbsttötungen in Deutschland befürchtet die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Claudia Bausewein. "Es wird teilweise proaktiv Werbung für den assistierten Suizid gemacht. Es ist zu befürchten, dass dies ein Geschäftsmodell ist", sagte die Direktorin der Klinik für Palliativmedizin der Universität München der "Süddeutschen Zeitung" am Samstag.
Es gebe in Deutschland Sterbehilfeorganisationen, die Wartezeiten und Regularien hätten, um die Freiverantwortlichkeit eines Suizids sicherzustellen, erläuterte Bausewein. "Aber ich sehe auch mit Sorge, dass es neuere Organisationen gibt, bei denen es keine Mitgliedschaften mehr braucht, die Wartezeiten zwischen Antrag und Durchführung sehr kurz sind und die Kosten höher. Da entwickelt sich eine Dynamik, die ich für bedenklich halte."
Kosten von 7.000 bis 12.000 Euro
Manche Organisationen nähmen 7.000 oder gar 12.000 Euro für einen assistierten Suizid, kritisierte die Medizinerin. "Und wenn sie Gewinn daraus ziehen, haben sie vielleicht auch einen stärkeren Impuls, jemanden in diese Richtung zu beraten und die Freiverantwortlichkeit höher einzuschätzen, als dies jemand ohne finanzielle Interessen täte."
Bausewein warb für ein Gesetz, das Suizidbeihilfe einen Rahmen gibt. Notwendig sei etwa ein verpflichtendes Register, um zu verstehen, was vor sich geht. "Auch bräuchte es ein Werbeverbot und gewisse Vorschriften, etwa dass mindestens zwei Gutachten erstellt werden." Assistierter Suizid müsse zwar bislang auf der Todesbescheinigung vermerkt werden, aber das werde nicht systematisch ausgewertet. Und nicht alle Sterbehilfeorganisationen veröffentlichten ihre Zahlen.
Bis zu 15.000 Fälle pro Jahr
Die Palliativmedizinerin geht davon aus, dass die Zahl der assistierten Suizide in Deutschland stark steigen wird. "In der Schweiz sind schon jetzt zwei Prozent aller Todesfälle assistierter Suizid. Ich gehe davon aus, dass wir in Deutschland auf mindestens 10.000 bis 15.000 solcher Fälle pro Jahr kommen werden."
2025 nahmen nach einer Statistik der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) bundesweit 1.287 Männer und Frauen die Hilfe von organisierten Sterbebegleitern in Anspruch. Im Vorjahr waren es 1.200. Die Statistik umfasst die Sterbebegleitungen der DGHS, des in Hamburg angesiedelten Vereins Sterbehilfe und des Vereins Dignitas. Vermutet wird eine hohe Dunkelziffer durch weitere Organisationen und einzelne Sterbebegleiter.
"Sehr liberale Situation in Deutschland"
DGHS-Vizepräsident Dieter Birnbacher sagte der Zeitung, es gebe derzeit in Deutschland eine "sehr liberale" Situation bei der Suizidbeihilfe. "Es wäre positiv, wenn Wartezeiten oder das Vier-Augen-Prinzip bei der Prüfung der Anträge vorgeschrieben wären, aber das könnte auch eine Richtlinie leisten." Zudem befürchte er, dass ein Gesetz zur Bürokratisierung führen könnte. "Dass man zum Gesundheitsamt gehen muss oder in jedem Fall zum Psychiater. Davor haben viele unserer Mitglieder Angst, sie würden sich dann als Bittsteller fühlen und in ihrer Würde getroffen."
Das Bundesverfassungsgericht hatte das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe 2020 aufgehoben. Seitdem dürfen Sterbehilfevereine wieder tätig sein. Das Gericht betonte, der Suizid sei ein grundlegendes Freiheitsrecht - wenn er denn dauerhaft und frei entschieden worden sei. Der Staat dürfe allerdings ein Schutzkonzept mit Beratung und Hilfsangeboten entwickeln. Entsprechende gesetzliche Regelungen sind allerdings im Bundestag gescheitert. Derzeit gibt es neue überparteiliche Anstrengungen für einen gesetzlichen Rahmen.
