Mehr Einser-Abis und mehr Schüler, die durchfallen

Die Abi-Statistik der vergangenen Jahre zeigt überproportional viele Spitzenzeugnisse. Aber auch mehr Schüler, die es gar nicht schaffen.

Angespannte Ruhe in der Schulsporthalle: Zurzeit wird auch an den Stuttgarter Gymnasien wieder die Abiturprüfung geschrieben.

© Lichtgut/Max Kovalenko

Angespannte Ruhe in der Schulsporthalle: Zurzeit wird auch an den Stuttgarter Gymnasien wieder die Abiturprüfung geschrieben.

Von Mathias Bury

Stuttgart - Zettel mit der Aufschrift „Abitur – bitte Ruhe!“ hängen wieder in den Gymnasien. Mag die Vorbereitung auf die Reifeprüfung auch stressig, der Druck auf die Abiturienten groß sein: Die Ergebnisse an den allgemeinbildenden Gymnasien im Land sind in den vergangenen Jahren besser geworden, vor allem in der Spitze. Im Jahr 2022 – aktuellere Zahlen hat das Statistische Landesamt noch nicht – lag der Schnitt aller 29 029 Abiturienten an allgemeinbildenden Gymnasien bei 2,17, also bei einer Zweiminus. Das war kaum schlechter als das Rekordergebnis 2,15 im Jahr davor. Laut Kultusministerium seien auch die Zahlen von 2023 „auf dem Vorjahresniveau“.

Aufschlussreich sind die Zahlen von 2022 und der Jahre davor vor allem bei den Besten, aber auch bei denen, die das Abitur nicht geschafft haben. Immerhin 4,63 Prozent aller Prüfungsteilnehmer (1345 Personen) haben vor zwei Jahren eine glatte 1,0 erreicht. Besser waren nur die Spitzenergebnisse des Jahres 2021, als die 1,0-Quote sogar bei 4,75 Prozent lag (1318 Personen bei insgesamt 27 753 Abiturienten).

Manfred Birk, Schulleiter des Dillmann-Gymnasiums und kommissarischer geschäftsführender Schulleiter der Stuttgarter Gymnasien, sieht in den Ergebnissen seit 2021 „eine Zäsur“. Schon 2020 gab es nach Ausbruch der Coronapandemie gewisse Erleichterungen für die Abiturienten (1,0-Anteil: 2,82 Prozent). Von 2021 an aber kam zu den Coronaregeln – mehr Zeit für die Prüfungen, die Lehrer bekamen sechs statt drei Poolaufgaben zur Auswahl, was die Passung von Unterricht und Prüfung erleichterte – die neue Oberstufenverordnung.

Statt wie bisher fünf belegen die Schüler nun drei Leistungsfächer, die fünf- statt bisher vierstündig unterrichtet und im Abitur schriftlich geprüft werden. Dazu kommen zwei dreistündige Basisfächer. Die größere Wahlmöglichkeit kommt den Schülern zugute. Zwei Leistungsfächer müssen aus dem Kreis von Deutsch, Mathematik, Fremdsprache und Naturwissenschaft kommen, das dritte kann frei gewählt werden. Dies soll laut Kultusministerium „mehr Raum für Spitzenleistungen ermöglichen“. So müssen Schüler zwar weiter auch in den Kernfächern Deutsch und Mathe Abitur machen. Wenn sie diese nicht als Leistungsfächer gewählt haben, aber nur mündlich.

„Das Abitur ist tendenziell zu einfach“, sagt Ralf Scholl, „jedenfalls für die Topleute“. Wenn der Landesvorsitzende des Philologenverbandes an seine eigene Gymnasialzeit in Heidelberg denkt, erinnert er sich, dass ein 1,0-er Schnitt damals eine Seltenheit war. Die Grafik-Kurve, welche die Schülerzahlen mit den jeweiligen Notendurchschnitten darstellte, glich noch eher der Normalverteilung der Gauß’schen Glocke. Heute sei daraus eine „Kamelhöckerverteilung“ geworden (siehe Grafik), erklärt der Lehrer für Mathematik und Physik am Paracelsus-Gymnasium in Hohenheim. Ein Grund dafür sei sicher, dass seit Längerem für die Bestnote, eine Eins plus, nicht mehr 100, sondern nur 95 Prozent der möglichen Punktzahl erreicht werden muss. „Ein bisschen wenig“ sind nach Ansicht von Ralf Scholl etwa die 85 Prozent der Punkte für eine Einsminus.

In den vergangenen Jahren hat der Anteil derer, die ein Abitur mit einer Eins vor dem Komma erreicht haben, stark zugenommen. Im Jahr 2005 lag die Quote im Land bei 28,8 Prozent aller Prüfungsteilnehmer, 2015 bei 30,8 Prozent, 2022 schließlich bei 37,6 Prozent. Die Gründe dafür seien „multikausal“, erklärt Manfred Birk. So haben sich vor Jahren die Kultusminister auf eine stärkere Vereinheitlichung des Abiturs mit einem gemeinsamen Aufgaben-Pool in Deutsch, Mathe und Englisch geeinigt, laut Birk eine „Vorstufe zum Zentralabitur“. Da solche Vereinbarungen immer mit Kompromissen verbunden seien, könne es sein, „dass die Aufgaben in Baden-Württemberg früher härter waren“. Die heutige Konvergenz unter den Bundesländern könne man aber auch als mehr Gerechtigkeit für die hiesigen Schüler interpretieren.

Auch weil in den modernen Fremdsprachen der „mündliche Anteil“ heute deutlich höher sei, was Jahrzehnte gefordert wurde, können die Schüler nach dem Eindruck des Schulleiters „Boden gutmachen“. Und Ralf Scholl kann sich vorstellen, dass die Umstellung vor einigen Jahren von einer klassischen mündlichen Prüfung auf eine Präsentation, bei der die Schüler eine Woche vorher ein Thema bekamen, zu besseren Ergebnissen geführt hat. Allerdings wird von diesem Jahr an wieder auf die übliche mündliche Prüfung umgestellt. Und interessant ist das diesjährige Abitur für die weitere Entwicklung der Ergebnisse auch, weil es nun keine Corona-Erleichterungen mehr gibt.

In den zurückliegenden Jahren ging es bei den Abinoten aber nicht immer nur nach oben, auch bei den 1,0-Ergebnissen gab es Schwankungen. Vom Jahr 2010 an ist deren Anteil von vorher 2,30 Prozent aller Abschlüsse auf bis zu 1,56 Prozent zurückgegangen und einige Jahre bei ähnlichen Werten geblieben. Ein Grund dürfte die Einführung des achtjährigen Gymnasiums gewesen sein, 2012 war der Übergang mit einem G8/G9-Abi-Doppeljahrgang. Eine Änderung wie diese mit Stoffverdichtung und neuer Stoffverteilung löse einen „Anpassungsprozess“ aus, sagt Manfred Birk. „Da rappelt es.“

Das gilt nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Lehrer im Unterricht und beim Korrigieren der Abiturprüfungen. Manfred Birk kann sich deshalb vorstellen, dass in der Übergangsphase die Lehrer anfangs vom Abitur der G8er noch „die Standards von G9 erwartet“ haben, erklärt er.

Im Lauf der Jahre ist der Anteil der Einser-Abiture wieder gestiegen. Aber nicht nur die. Auch die Zahl derer, die zwar zur Prüfung angetreten sind, das Abitur dann aber nicht bestanden haben, hat merklich zugenommen. Vor zwei Jahrzehnten lag der Wert teils bei weniger als einem Prozent, stieg dann in den 2010er Jahren aber auf deutlich über zwei Prozent. Der bisher höchste Wert von durchgefallenen Abiturienten wurde 2022 mit 3,06 Prozent (889 Personen) erreicht. Dies führen Ralf Scholl und Manfred Birk auf die Folgen der Coronapandemie zurück. Dass der damalige Fernunterricht in der Mittelstufe keine Folgen haben würde, sei „Zweckoptimismus“ gewesen, sagt Schulleiter Birk.

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Erstellt:
22. April 2024, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
23. April 2024, 21:59 Uhr

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