Mehr Masterplan – weniger Stückwerk

Der Arbeitsmarkt steckt tief in der Demografiefalle. Da müssen die Potenziale schneller mobilisiert werden.

Von Matthias Schiermeyer

Stuttgart - Am Arbeitsmarkt zeigen sich verwirrende Widersprüche: Die Zahl der Beschäftigten und das Arbeitsvolumen befinden sich auf Rekordniveau – mehr als 46 Millionen Menschen sind in Arbeit. Gleichzeitig wächst die Arbeitslosigkeit, die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen sinkt. Die Wirtschaftskrise zieht in den Beschäftigungszahlen immer tiefere Furchen.

Die gravierendere Entwicklung ist jedoch der Fachkräftemangel; derzeit melden die Unternehmen 1,7 Millionen offene Stellen. Angebot und Nachfrage zusammenzubringen, wird immer schwieriger. Momentan fängt der Personalmangel teils noch die Konjunkturschwächen auf – doch wenn es wirtschaftlich wieder aufwärts gehen sollte, wird er sich als Wachstumsbremse Nummer eins erweisen. Deutschland steckt schon heute tief in der Demografiefalle fest.

Die Politik erweitert die Regeln der Zuwanderung, führt den Job-Turbo ein, bildet Netzwerke. Fraglos muss an allen Schrauben gedreht werden, um die Potenziale zu heben: bei Frauen, jungen und älteren Menschen. In der Praxis macht aber jeder Verband, jeder Arbeitgeber, jede regionale Plattform ein eigenes Ding. Trotz der unterschiedlichen Ebenen bräuchte es eine klare Richtung, zumindest ein gemeinsames Verständnis – idealerweise so etwas wie einen Masterplan. Stattdessen bleiben viele Ansätze noch Stückwerk. Regierende und Arbeitsagenturen, Verbände und Unternehmen schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter für die mangelnde Dynamik zu – weil jeder eine eigene Agenda verfolgt.

Das Prinzip des Förderns und Forderns hat nach wie vor seine Gültigkeit – etwa um junge Menschen in eine Ausbildung zu bringen, weil eine Helferkarriere wenig nachhaltig ist. Es nützt aber wenig, relevante Gruppen gegeneinander auszuspielen und den Graben zwischen den Arbeitsplatzbesitzern und den Menschen ohne Job zu vertiefen. Ebenso wenig ist es hilfreich, Arbeitslose mit dem Ziel stärker zu aktivieren, den Bedarf an ausländischen Beschäftigten einzuschränken – auf beiden Feldern braucht es Fortschritte. Und es passt nicht, wenn heftig erörtert wird, wie sich Transferleistungsbezieher in niedrig entlohnten Helferjobs unterbringen lassen – wenn den Jobcentern das Geld für Qualifizierungsmaßnahmen gekürzt wird. Das ist keine aktive Arbeitsmarktpolitik, sondern ein Sparen am falschen Ende.

Wer sich über angeblich bequeme Bürgergeldempfänger mokiert, meint oft Migranten. Selbst Kommunalverantwortliche zeigen immer öfter auf ukrainische Kriegsflüchtlinge, die ihnen nicht schnell genug in Jobs vermittelt werden und damit Kosten verursachen. Populismus zerschellt jedoch allzu oft an der Realität. Wer etwa Asylbewerber zügiger zur Arbeit verpflichten will, muss zunächst den Zugang zum Arbeitsmarkt öffnen. Viele Geflüchtete würden dies mehr als Chance denn als Last empfinden.

Der Wert der Menschen mit ausländischem Pass für den deutschen Arbeitsmarkt zeigt sich schon daran, dass das Beschäftigungswachstum im vorigen Jahr fast komplett auf ihr Konto geht. In aller Herren Länder sind nun Politiker, Unternehmen und Verbände unterwegs, um qualifizierte Kräfte einzusammeln. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz, dessen zweiter Teil am 1. März in Kraft tritt, hilft bei der Anstellung von Beschäftigten aus Drittstaaten – in Hochbetriebszeiten können die Arbeitgeber befristet sogar unqualifizierte Kräfte einsetzen. Doch das Gesetz vereinfacht nur bedingt die Verfahren hierzulande und hilft den Firmen kaum, die behördlichen Hürden zu überwinden. Bürokratieabbau wäre die beste Beschäftigungsförderung – gerade da müsste mehr Ehrgeiz an den Tag gelegt werden.

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Erstellt:
28. Februar 2024, 22:18 Uhr
Aktualisiert:
29. Februar 2024, 21:51 Uhr

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